Gilles Kepel: Drohende „Balkanisierung Europas“ entlang ethnischer und religiöser Linien

Józef Brandt - Der Kampf um das türkische Banner (Wikimedia Commons/gemeinfrei)

Der am Institut d’Ètudes Politiques de Paris lehrende französische Sozialwissenschaftler Gilles Kepel ist einer der führenden Islamismusexperten weltweit. Ein Beitrag im New York Times Magazine stellt seine Analysen vor, in denen er unter anderem vor ethnischen und religiösen Konflikten in Europa warnt.

  • Im Zuge von Migration, demographischer Entwicklung und ausbleibender Integration und Assimilation von Muslimen drohe eine „Balkanisierung Europas entlang religiöser und ethnischer Linien“, in deren Zusammenhang militante islamistische Kräfte erstarken und langfristig Bürgerkriege anstreben würden.
  • Der Islam bilde zunehmend die Grundlage einer Gegenidentität, die sich über die Ablehnung euopäischer Kultur definiere und dabei weiter radikalisiere. Jüngere Muslime seien dabei häufig schlechter integriert als die Generation ihrer Eltern und würden häufiger radikalen Islamvorstellungen anhängen. Zwischen einem Viertel und einem Drittel der Muslime in Frankreich sei mittlerweile islamistisch eingestellt.
  • Es bestehe ein symbiotisches Verhältnis zwischen radikalen islamischen Akteuren und progressiven politischen Kräften, das er als  “Islamo-gauchism” bezeichnet. Progressive Akteure würden versuchen, ihre politischen Forderungen im Namen der von ihnen zur Opfergruppe erklärten Muslime durchzusetzen. Gleichzeitig würden islamische Akteure die durch die Linke bereitgestellten Rassismus- und Antidiskriminierungsdiskurse nutzen, um Anhänger zu mobilisieren und ihre Ablehnung europäischer Gesellschaften zu legitimieren.
  • Andere politische Akteure würden den Herausforderungen mit Verharmlosung begegnen, weil sie befürchteten, Muslime durch eine realitätsgerechte Ansprache der Herausforderungen weiter zu radikalisieren.

Das Ergebnis dieser insbesondere in Frankreich, aber auch in anderen Teilen Westeuropas zu beobachtenden Entwicklung sei eine zunehmende Polarisierung von Gesellschaften entlang der erwähnten ethnischen und religiösen Linien, die mit zunehmenden Konflikten in Europa verbunden sein werde. (ts)