Douglas Murray: Der Selbstmord Europas und seine Ursachen

Thomas Couture - Die Römer der Verfallszeit (Wikimedia Commons/gemeinfrei)

Der britische Publizist Douglas Murray war unter anderem Gründer des mittlerweile in der Henry Jackson Society aufgegangenen Centre for Social Cohesion. In einem aktuellen Beitrag warnt er vor einem “Selbstmord Europas”.

Die politischen und kulturellen Eliten Europas würden den in Form von Migration, demographischer Entwicklung und kulturellen Auflösungsprozessen sichtbar werdenden Herausforderungen entweder passiv begegnen oder diese fördern, was mittelfristig katastrophale Folgen haben werde:

With the continent wrestling with mass immigration and losing faith in its traditions and beliefs, its civilisation faces collapse. Europe is committing suicide. Or at least its leaders have decided to commit suicide. […] I mean that the civilisation we know as Europe is in the process of committing suicide and that neither Britain nor any other western European country can avoid that fate, because we all appear to suffer from the same symptoms and maladies. As a result, by the end of the lifespans of most people currently alive, Europe will not be Europe and the peoples of Europe will have lost the only place in the world we had to call home.

Murray siehe dabei etwa migrationsbedingte Herausforderungen nicht als die eigentliche Krise an, sondern betrachtet sie als Symptome einer tieferen, sich auf geistiger Ebene in Folge des Wirkens zweier weltanschaulicher Tendenzen vollziehenden Krise an:

  • Die kulturelle Auflösung Europas würde teilweise positiv bzw. als Ausdruck von gesellschaftlichem Fortschritt gesehen. Europäische Kulturen und ihre Traditionen würden u.a. aufgrund der Annahme einer sie bestimmenden historischen Schuld als etwas zu Überwindendes betrachtet. Migration solle zu dieser Überwindung ebenso beitragen wie gegen die eigenen Traditionen gerichteten utopischen Ideologien.
  • Eine andere Auflösungsbewegung beruhe auf einer korrumpierten Form europäischer Kultur. Die historisch nur in Europa zu findende Perspektive, derzufolge Kultur etwas Dynamisches sei und Kulturen auch im gegenseitigen Austausch gewachsen seien, finde in utopischen Ideologien eine Übertreibung ins Extreme. Diese würden keine Unterschiede zwischen Kulturen mehr anerkennen und kulturellen Wandel unabhängig von seinen Auswirkungen grundsätzlich positiv werten.

Unzutreffende Annahmen über die Natur des Menschen und die Grundlagen menschlicher Kultur seien dabei beiden utopischen Tendenzen gemeinsam, weshalb sie die anstehenden und von ihnen noch verstärkten Herausforderungen nicht bewältigen könnten:

The world is coming into Europe at precisely the moment that Europe has lost sight of what it is. And while the movement of millions of people from other cultures into a strong and assertive culture might have worked, the movement of millions of people into a guilty, jaded and dying culture cannot. […] So whereas European identity in the past could be attributed to highly specific, not to mention philosophically and historically deep foundations (the rule of law, the ethics derived from the continent’s history and philosophy), today the ethics and beliefs of Europe — indeed the identity and ideology of Europe — have become about “respect”, “tolerance” and (most self-abnegating of all) “diversity”. Such shallow self-definitions may get us through a few more years, but they have no chance at all of being able to call on the deeper loyalties that societies must be able to reach if they are going to survive for long.

Bewertung und Folgerungen

Die Krise Europas erscheint vor diesem Hintergrund als das Ergebnis des Wirkens destruktiver Ideologien. Eine Korrektur von Symptomen wie unkontrollierter Massenzuwanderung von Menschen mit schlechten Integrationsperspektiven würde somit den Verlauf der Krise allenfalls verzögern, die eigentliche Krise jedoch nicht beenden. Der sich beschleunigende Verlauf dieser Krise im Zuge des Scheiterns der sie auslösenden Ideologien zwingt jedoch dazu, sich mit den geistigen Ursachen dieser Krise auseinanderzusetzen und zunächst geistige Antworten darauf zu finden, damit praktische Ansatze auf dieser Grundlage Wirkung entfalten können. (ts)

2 Kommentare

    • @ExSA
      Es ist ja richtig, dass das Christentum nicht so etwas darstellt wie eine europäische Stammesreligion. Das ist aber kein Mangel des Christentums. Es gäbe vielmehr Europa nicht, wenn das Christentum nicht die kulturelle Grundlage dafür geschaffen hätte, dass dieses aus den heidnischen Kulturen der Spätantike und den Resten griechischer und römischer Kultur entstanden wäre.
      Der Autor des von Ihnen zitierten Beitrags stellt die tatsächliche Beziehung zwischen Christentum und Europa also auf den Kopf. Ob man das Christentum nun metaphorisch als die Wurzel Europas betrachtet oder als das transzendente Ziel, dem Europa geistig und kulturell entgegenwächst, so wäre Europa eben nicht ohne das Christentum entstanden, und es kann daher kein kulturell vom Christentum losgelöstes Europa geben. Selbst Deutschland würde es nicht geben, wenn das Christentum nicht die kulturelle Grundlage für die Einigung der verschiedenen Stämme gebildet hätte, aus denen es hervorging. Die verschiedenen heidnischen Kulte der vorchristlichen Zeit waren dazu geistig nicht in der Lage, obwohl sie dem Autor zufolge als abstammungsorientierte Stammesreligionen dem Christentum kulturell ja überlegen gewesen sein, was ihre Beziehung zum Eigenen angeht.
      Die Strömung, der der Autor angehört, macht m.E. den gleichen Fehler wie andere moderne Ideologien: Sie setzen die durch das Christentum geschaffene kulturelle Substanz einfach voraus und meinen, diese besser losgelöst von seiner geistigen Wurzel erhalten und fortsetzen zu können. Der Mangel dieses Gedankens ist offensichtlich.
      Zudem ist das Christentum auch nicht universalistisch, wie der Autor vermutet, wenn man Universalismus als die Leugnung aller natürlichen Bindungen unterhalb der Ebene der Menschheit versteht. Das Christentum ist tatsächlich transzendent, d.h. es geht von der Vorstellung aus, dass es ein oberhalb der menschlichen Ebene stehendes Prinzip gibt, dass alle natürlichen Bindungen angefangen bei der Familie) ordnet. Es gibt wohl keine Religion, in der die Natur des Menschen und natürliche Bindungen eine so starke Bedeutung haben wie im Christentum.
      Was das Christentum jedoch nicht tut, ist die Verabsolutierung einer dieser Bindungen unterhalb der Ebene der Bindung an Gott. Anders ausgedrückt: Der Christ kann sich nicht nur, sondern sollte sich sogar als Teil einer Familie und oberhalb von ihr stehender natürlicher Bindungen betrachten, aber alle diese Bindungen im Kontext der Bindung an Gott gestalten, damit sie gelingen. Wenn man z.B. eine nationale Bindung so gestaltet, ist das Ergebnis gut; wenn man diese Bindung hingegen verabsolutiert geht es schief. Das gilt für alle diese Bindungen, angefangen von der Familie über den Stamm bis hin zu noch abstrakteren Bindungen.

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