Militärhistoriker Martin van Creveld: Die bevorstehenden Konflikte in Europa

Wiktor Wasnezow - Die vier Reiter der Apokalypse (Wikimedia Commons/gemeinfrei)

Der zuletzt an der Hebräischen Universität Jerusalem lehrende israelische Militärhistoriker Martin van Creveld ist vor allem für sein Werk „The Transformation of War“ (dt. „Die Zukunft des Krieges“) aus dem Jahre 1991 bekannt, welches vermutlich die wichtigste kriegstheoretische Schrift darstellt, die in in den vergangenen Jahrzehnten  erschienen ist. Zudem verfasste er einige sicherheitspolitische Streitschriften, von denen eine nun unter dem Titel „Wir Weicheier – Warum wir uns nicht mehr wehren können und was dagegen zu tun ist“ in deutscher Übersetzung erschienen ist.

Darin sagt er unter anderem bewaffnete Konflikte in Europa voraus:

In fast allen westlichen Staaten hat sich der Feind bereits in den eigenen Reihen breitgemacht, in manchen Ländern mehr, in anderen weniger. In den meisten europäischen Ländern, die eine größere Zahl von Migranten beherbergen, haben persönliche Kontakte zwischen diesen und der eigenen Bevölkerung das Verhältnis zwischen beiden Gruppen nicht verbessert. Nur allzu oft war das Gegenteil der Fall. […] Der große Friedensforscher Galtung mag durchaus recht gehabt haben, als er den Frieden als eine Situation bezeichnete, in der „Anteilnahme und Miteinander“ gegenüber der Gewalt überwiegen. Wenn dem so ist, gibt es in westlichen Ländern viele Gegenden in zahlreichen Städten […], die sich entweder im Krieg befinden oder sehr nahe dran sind. Langsam, aber sicher und manchmal auf spektakuläre Weise scheint sich die „normale“ Kriminalität zu jener politisch und/oder ideologisch motivierten Kriminalität zu entwickeln, die man gemeinhin Terrorismus nennt. Vom Terrorismus ist es nur ein Schritt zu noch gewalttätigeren Konflikten. Sollte die Zuwanderung wie bisher weitergehen und die „Integration“ scheitern, was durchaus möglich ist – wie würde dann ein solcher Konflikt aussehen? Der Rest der Welt bietet genügend Anschauungsmöglichkeiten, von Feindseligkeiten geringer Intensität wie jenen in Nordirland zwischen 1969 und 1994 bis zu mörderischen Konflikten, wie sie derzeit in nicht wenigen Staaten in Asien und Afrika, aber auch in der Ukraine wüten. […] Kann der Westen angesichts dieser Probleme seine dominierende Stellung und damit seine Kultur, seine Traditionen und Werte bewahren? Oder wird es mit ihm bergab gehen? Die Antwort ist in den Geschichtsbüchern zu finden.

Van Crevelds Bewertung hat besonderes Gewicht, weil er langfristige Tendenzen bei der Austragung bewaffneter Konflikte und die dahinterstehende Dynamik in seinem Werk frühzeitig erkannte und dazu durch den Gang der Ereignisse bestätigte Prognosen abgab.

Über die Völker Europas schreibt van Creveld in seinem nach den Ereignissen der Kölner Neujahrsnacht 2016 entstandene Werk:

Wie die „Eloi“ in H.G. Wells‘ Buch The Time Machine (1896) sind sie, ebenso wie die Gesellschaft, der sie angehören, zur leichten Beute für härtere Typen geworden, wie es sie vor allem in den großen, finsteren, ungewaschenen, überfluteten, „nicht integrierten“ Migranten-Communities gibt. Das muss sich ändern.

Als Voraussetzung zur Bewältigung der damit verbundenen Herausforderungen betrachtet van Creveld die Erneuerung des traditionellen Dienstethos, als dessen Träger er die Männer Europas betrachtet:

Zweitens hat George Orwell einmal gesagt: „Wir schlafen sicher in unseren Betten, weil raue Männer bereitstehen in der Nacht, um jene zu töten, die uns schaden wollen.“ Sie stehen aber nur bereit, wenn sie nicht als Kleinkinder behandelt, erniedrigt und einen großen Teil des Gedankengutes, das ihnen lieb und teuer ist, als „Militarismus“ verteufelt.

Die in Europa vorherrschende Ansicht, dass auch eine verteidigende und schützende Rolle in bewaffneten Konflikten grundsätzlich „das absolute Böse“ darstelle, werde sich in diesem Zusammenhang ändern müssen, wenn Europa Bestand haben solle. „Andernfalls … werden wir uns wundern“, so van Creveld. (ts)