Gemeinschaftsbildung und kulturelle Kontinuität: Jüdische Erfahrungen

Maurycy Gottlieb - Jüdisches Gebet in der Synagoge am Jom Kippur (gemeinfrei)

Gemeinschaftsbildung ist ein wesentliches Element jeder Strategie kultureller Kontinuität. Der an der  Johns Hopkins University lehrende Politikwissenschaftler Seth D. Kaplan beschreibt in einem aktuellen Beitrag die Anforderungen entsprechender Gemeinschaftsbildung aus jüdischer Perspektive.

Orthodoxen Juden sei es wie keiner anderer Gruppe gelungen, über sehr lange Zeiträume kulturelle Kontinuität auch in ausgeprägt feindseligen Umfeldern aufrechtzuerhalten.

Er führt dies auf vier Faktoren zurück:

  • Betonung von religiöser Bildung: Es hätten nur die Teile des Judentums dauerhaften Bestand gehabt, welche die Bedeutung jüdischer Schulen und religiöser Bildung betont hätten. Die Kinder jüdischer Eltern, die nicht an meist privaten jüdischen Schulen entsprechende Bildung und Identität vermittelt bekommen hätten, etwa weil sie öffentliche bzw. staatliche Schulen besuchten, hätten sich häufig in die umgebende Gesellschaft assimiliert.
  • Aufrechterhaltung von Gegensätzen zur umgebenden Gesellschaft: Kulturelle Kontinuität setze Abgrenzung gegenüber anderen Kulturen und die Betonung der Unterschiede diesen gegenüber voraus. Dazu trage auch die gezielte Pflege kultureller Praktiken bei, die Außenstehenden als fremd und unverständlich erscheinen. Auch die Meidung von Technologien und kulturellen Praktiken, die vor allem der direkten oder indirekten Vermittlung von Inhalten dienten welche die eigene Gemeinschaft schwächten, trage zur Aufrechthaltung solcher Gegensätze bei.
  • Schaffung eines Netzwerks von unterstützenden Institutionen: Im Judentum würden Einzelpersonen und Familien durch ein Netzwerk von kulturellen Institutionen sowie einer religiösen Solidarstruktur unterstützt. Dieses Netzwerk leiste nicht nur praktische und materielle Unterstützung, sondern stärke auch Bindungen, Zusammenhalt und Identität derer, die zu ihm beitrügen.
  • Gemeinschaftsorientierte orthodoxe religiöse Praxis: Die von orthodoxen Juden ernstgenommene Feier des Sabbats wirke etwa in besonderem Maße gemeinschaftsbildend. Durch das damit verbundene Vebot der Nutzung von Fahrzeugen würden diese etwa häufig in unmittelbarer Nähe zueinander wohnen. Das Verbot des Medienkonsums isoliere an diesem Tag in besonderem Maße von auflösenden kulturellen Einflüssen, während gemeinsame Mahlzeiten mit anderen Familien zusätzlich gemeinschaftsstärkend wirkten und religiöse Bildung an diesem Tag besondere Wirkung entfalten könne.

Der spätere Papst Benedikt XVI. schrieb 1970, dass sich in säkulare Antikultur assimilierende Teile des Christentums „ganz von selbst untergehen“ würden. Er beschrieb ein Christentum der Zukunft, das ähnlich wie das Judentum die Rolle einer unter Druck stehenden Minderheit in Europa einnehmen werde:

Aus der Krise von heute wird auch dieses Mal eine Kirche morgen hervorgehen, die viel verloren hat. Sie wird klein werden, weithin ganz von vorne anfangen müssen. […] Sie wird sich sehr viel stärker gegenüber bisher als Freiwilligkeitsgemeinschaft darstellen, die nur durch Entscheidung zugänglich wird. Sie wird als kleine Gemeinschaft sehr viel stärker die Initiative ihrer einzelnen Glieder beanspruchen. […] So scheint mir gewiss zu sein, dass für die Kirche sehr schwere Zeiten bevorstehen. Ihre eigentliche Krise hat noch kaum begonnen. Man muss mit erheblichen Erschütterungen rechnen.

Anders als das stärker nach Innen orientierte Judentum werde das Christentum aus dieser Rolle heraus jedoch Europa erneuern können, weil es in einem immer stärker von Zerfall und Auflösung geprägten Umfeld als Identitätskern Außenstehende um sich sammeln könne:

Aber nach der Prüfung dieser Trennungen wird aus einer verinnerlichten und vereinfachten Kirche eine große Kraft strömen. Denn die Menschen einer ganz und gar geplanten Welt werden unsagbar einsam sein. Sie werden, wenn ihnen Gott ganz entschwunden ist, ihre volle, schreckliche Armut erfahren. Und sie werden dann die kleine Gemeinschaft der Glaubenden als etwas ganz Neues entdecken.

Nur auf materiellen Interessen beruhende Zweckgemeinschaften könnten dies nicht leisten, weil es für ihre Mitglieder lange vor diesem Zeitpunkt nützlicher sein wird, sich in antikulturelle Umfelder zu assimilieren. Wie das Beispiel des Judentums jedoch zeigt, werden Gemeinschaften kultureller Kontinuität in zweiter Linie auch Zweckgemeinschaften sein müssen. (ts)