Eric Seils: Bildung ethnischer Unterschichten und künftige ethnische Konflikte in Deutschland

Iwan Konstantinowitsch Aiwasowski - Stürmische See (gemeinfrei)

Der Sozialexperte Eric Seils ist für das Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliche Institut (WSI) der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung tätig, wo er schwerpunktmäßig Armutsfragen im Zusammenhang mit Migration untersucht. Vor einigen Tagen warnte er vor der Bildung ethnisch bzw. kulturell definierter Unterschichten in Deutschland sowie davor, dasss insbesondere in Nordrhein-Westfalen die Lage aufgrund dieser Entwicklung „konfliktträchtig“ werden könne.

  • Seils zufolge würde die soziale Schichtung der Bundesrepublik zunehmend entlang ethnischer Linien verlaufen. Während die Armutsquote ethnischer Deutscher stabil sei, steige sie bei Migranten an. Rund 75 Prozent der materiell Armen in Deutschland hätten mittlerweile einen Migrationshintergrund, wobei demographische Entwicklung unddie  laufende Migrationswelle vorwiegend kaum integrierbarer Migranten diesen Anteil voraussichtlich weiter erhöhen werde. Daraus ergebe sich mittelfristig Konfliktpotential.
  • Seils beschreibt dieses Konfliktpotential in seinem Beitrag nicht näher. Andere Untersuchungen gehen davon aus, dass die entstehenden ethnischen Unterschichten sich zunehmend organisieren würden und in Verteilungs- und Normenkonflikten gegen das Gemeinwesen agieren bzw. dieses herausfordern würden. Dabei würden sich diese Unterschichten auf ein auch in Folge von Islamisierungsprozessen unter Muslimen wachsendes kulturelles Selbstbewusstsein sowie wachsende demographische Stärke stützen, während die Vertreter der Interessen des Gemeinwesens diesbezüglich schwächer würden.

Szenarien ethnisch-kultureller Konflikte in Deutschland

Diesbezügliche Herausforderungen könnten sich entweder über lange Zeiträume weitgehend gewaltlos in Form einer schrittweisen Auflösung des Gemeinwesens vollziehen oder auch krisenhaft.

  • Ein Szenar geht davon aus, dass schwer integrierbare Migrantengruppen bzw. ihre Vertreter kein Interesse an größeren Konflikten hätten, sondern in erster Linie weitere Umverteilung zu ihrer jeweiligen Klientel sowie Räume anstreben würden, in denen die eigene kulturelle Ordnung herrsche. Man werde auch langfristig an einem Minimum an Stabilität interessiert sein, weil Instabilität vor allem Umverteilung bzw. die Fähigkeit des Gemeinwesens gefährde, entsprechende Ressourcen bereitzustellen. Vertreter der Interessen der einheimischen Bevölkerung hingegen hätten ein Interesse daran, den Status Quo so lange wie möglich aufrechtzuerhalten, und würden Konflikten daher ausweichen und schrittweise Konzessionen eingehen.
  • Ein anderes Szenar geht davon aus, dass zunehmende Ansprüche aufgrund des ungünstiger werdenden Verhältnisses zwischen Leistungserbringern und Ansprüchsträgern die Fähigkeit des Gemeinwesens zur Umverteilung mittel- bis langfristig überfordern würde, was zu eskalierenden Verteilungskonflikten führen könnte, die entlang ethnischer bzw. kultureller Linien auch gewaltsam ausgetragen werden könnten. In solchen Konflikten könnten sich etwa ein von einer politisch radikalisierten einheimischen Mittel- und Unterschicht getragener Staat und seine Sicherheitskräfte und vorwiegend unter Islambezügen organisierte nichtstaatliche Gewaltakteure gegenüberstehen.

Mögliche Erscheinungsformen gewaltsamer ethnisch-kultureller Konflikte in Deutschland

Solche Konflikte werden zumindest mittelfristig nicht bürgerkriegsartige Formen annehmen, aber schrittweise nach Intensität, Ausmaß und Dauer immer weiter eskalieren. Innerhalb der nächsten fünf Jahre wird es dabei in Deutschland vorraussichlich erste entlang ethnisch-kultureller Linien verlaufende größere gewaltsame Konfrontationen geben, die zunächst voraussichtlich die Form von Unruhen ähnlich derer in Paris 2005 oder London 2011 haben werden.

Gewaltsame Konflikte dieser Art werden zunächst zeitlich und räumlich begrenzt stattfinden. Sie werden voraussichtlich die ethnisch-kulturelle räumliche Gliederung vor allem von Großstädten beschleunigen und zunächst staatliche Konzessionen in Form von ethnisch-kultureller Selbstverwaltung sowie Umverteilung nach sich ziehen.

In diesem Zusammenhang werden voraussichtlich islamische Akteure in Erscheinung treten, die sich gegenüber dem Staat als potentieller Ordnungsfaktor in den betreffenden Räumen anbieten. Solche Akteure könnten schrittweise ihren Einfluss ausweiten, indem anlassbezogen politischen Druck nutzen, der durch neue Unruhen und andere gewaltsame Entwicklungen erzeugt wird.

Langfristige Konfliktszenare

Diese Entwicklungen könnten im Fall anhaltender ethnisch-kultureller Polarisierung langfristig auf eine Gegenbewegung radikalisierter einheimischer Mittel- und Unterschichten bzw. auf das Handeln eines von ihnen getragenen Staates stoßen, was in einem umso größeren gewaltsamen Konflikt münden würde, je später eine solche Gegenbewegung in Erscheinung tritt.

Falls dies nicht eintritt, könnte Deutschland in den kommenden Jahrzehnten zunehmend durch andauernde ethnisch-kulturelle Normen- und Verteilungskonflikte gekennzeichnet sein. Zudem würden sich zunehmend und sich stetig ausweitende islamisch-geprägte vor allem städtische Räume mit schwierigen sozialen Bedingungen herausbilden, in deren Umfeld es laufend Phasen örtlich und räumlich begrenzter gewaltsamer Konflikte geben könnte.

In jedem Fall wird das Deutschland etwa des Jahres 2035 ethnisch, kulturell und sozial stärker polarisiert und in höherem Maße von Konflikten verschiedener Art gekennzeichnet sein als das Deutschland der Gegenwart. (ts)

3 Kommentare

  1. Nicht nur ethnische Vielfalt ruft all diese Konflikte hervor. Auch ethnisch homogene Gesellschaften, die materiell und kulturell „ausdifferenziert“ werden, sind von von Konflikten gezeichnet, die Vertrauensverlust, Verteilungs- und Aufstiegskämpfe zur Folge haben. Die Zersetzung hat in Europa schon weit vor der Masseneinwanderung stattgefunden, beruhend auf dem angelsächsischen Expansions-Trias: Individualisierung, Markt-Liberalismus und Konsumfetisch.

    Die Masseneinwanderung ist „nur“ die Kirsche auf der Sahnetorte. Man hätte nämlich eine kulturell homogene Gesellschaft nie mit dieser Masse an kulturell Fremden fluten können, ohne einen Bürgerkrieg in Kauf nehmen zu müssen. Eine kulturell und materiell stark geteilte Gesellschaft jedoch, hat erst eine widerstandslose Masseneinwanderung ermöglicht, indem die Wahrnehmung der Konsequenzen auf das Lokale beschränkt wurde: nicht jeder und v.A. die „Falschen“ sind von den Verfallserscheinungen erfasst worden, was einen breiten Widerstand verhindert hat. Die Einen klatschten und die Anderen weinten; letztere haben nie das kulturelle und finanzielle Kapital besessen, sich Gehör zu verschaffen.

    Vor allem die Konservativen sind auf dem kapitalistischen Auge Blind. Solange der Audi in der Garage weilt, fühlt man sich Deutsch und begreift sich als Leistungsträger, und die Fragmente des gesellschaftlichen Trümmerhaufens, die gelegentlich im eigenen Vorgarten aufschlagen, werden zur Deko aufgestellt.

  2. @ G.Wheat
    Schön formuliert: „Vor allem die Konservativen sind auf dem kapitalistischen Auge blind.“

    Auch bei erklärten und intellektuellen Konservativen wie etwa Karlheinz Weißmann kommt in dieser Hinsicht leider nicht allzu viel …

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