Wolfgang Streeck: Die Selbstzerstörung liberaler Gesellschaften und das heraufziehende Chaos

Thomas Cole - The Course of Empire - Destruction (Wikimedia Commons/gemeinfrei)

Der am Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung in Köln tätige Soziologe Wolfgang Streeck behandelt in seinem Ende 2016 erschienenen Buch „How Will Capitalism End?“ Auflösungsprozesse in liberalen westlichen Gesellschaften, die ihre eigenen Grundlagen und damit am Ende auch sich selbst zerstören würden. Adam Tooze fasste die wichtigsten Gedanken Streecks in einer Besprechung des Buches zusammen.

We should be bracing ourselves for a prolonged and agonising decomposition of the entire social fabric. […] Capitalism will end not because it faces serious opposition but because over the course of the coming decades and centuries it can be relied on to consume and destroy its own foundations. We should expect ever intensifying stagnation, inequality, the plundering of the public domain, corruption and the escalating risk of major war, all of this accompanied by a pervasive erosion of social order, generalised social entropy. […] [A]t the macro level both society and economy become increasingly ungovernable. ‘Life in a society of this kind,’ he writes, ‘demands constant improvisation, forcing individuals to substitute strategy for structure, and offers rich opportunities to oligarchs and warlords while imposing uncertainty and insecurity on all others, in some ways like the long interregnum that began in the fifth century CE and is now called the Dark Age.’

Wenn die Selbstzerstörung der kulturellen und sozialen Grundlagen des liberalen Westens ein bestimmtes Maß erreicht habe, werde eine Zeit der Verwerfungen mit Konflikten zwischen Superreichen sowie absteigenden Mittelschichten und verelendenden Unterschichten beginnen. Superreiche würden ihre Macht dazu nutzen, unter Aufhebung der Reste der Demokratie solange wie möglich ihren Wohlstand und ihre Macht zu sichern, während linke und rechte Populisten dies konflikthaft herausfordern würden. Ein alternatives Ordnungsmodell oder die Möglichkeit der inneren Erneuerung liberaler westlicher Gesellschaften, die diese Prozesse umkehren könnten, sieht Streeck derzeit nicht.

In den sich abzeichnenden Konflikten würden daher die Reste der alten Ordnung zerrieben werden, woraufhin eine Zeit des Chaos und der Gewalt anbrechen werde. In diesem Chaos würden dann neue Ordnungskräfte entstehen, wobei offen sei, wer diese sein und wie die darauf folgende Ordnung beschaffen sein könnte. Streeck geht davon aus, dass es sich wie in anderen chaotischen Situationen vermutlich um Warlords und ähnliche Akteure handeln wird. (ts)

2 Kommentare

  1. Man hätte noch erwähnen können, dass Streeck eigentlich Marxist ist, und ihm dies vorhalten können. Aber möglicherweise hatte Marx hat nur mit seinem Materialismus und seinem Atheismus Unrecht; nicht jedoch mit seinen Beobachtungen, was die Kapitalkonzentration anging. Diese scheint ja tatsächlich stattzufinden, zumindest bis die Karten wieder einmal neu gemischt werden.

  2. In diesem Chaos würden dann neue Ordnungskräfte entstehen, wobei offen sei, wer diese sein und wie die darauf folgende Ordnung beschaffen sein könnte. Streeck geht davon aus, dass es sich wie in anderen chaotischen Situationen vermutlich um Warlords und ähnliche Akteure handeln wird.

    So zumindest der anzunehmende Verlauf in historisch-klassichen Beispielen, der heute noch in der Dritten Welt nach diesem Muster abläuft. In Westlichen Gesellschaften wird Zerfall und Aufbau wesentlich anders ablaufen. Bedingt durch Technisierung, Exekutive Automatisierung (Bürokratie), generelle Entwicklungen im letzten Jahrhundert und die mehr oder weniger perfektionierte Fähigkeit der Eliten ein bis dato ungekanntes Maß an „Chaosmanagement“ auszuüben sowie die zunehmende politische unmündigkeit der Bürger, werden die Verwerfungen in Europa besonders durch langes hinauszögern von „Tipping Points“ gekennzeichnet. Sobald jedoch ein Tipping Point erreicht ist, stehen bereits Strukturen zur Verfügung, um den harten Fall abzufedern, umzuleiten und in einen neuen Zyklus des Spannungsaufbaus einzuspeisen. Besonders anschaulich sind diese Mechanismen, wenn man den Drill der Medien nach jedem Anschlag strukturiert: Es hat nichts mix X zu tun -> Wenn wir X, dann gewinnt Y -> Wir sind X! -> Die Wahrscheinlichkeit von F Opfer zu werden ist H -> Wir müssen endlich Bargeld abschaffen [usw.]. Es sind keine zufälligen Reaktionen aller Redationen auf der Welt. Es sind bewährte Muster, gedeckt durch Umfragen, Polit-Barometer und einer Armada von Pychologieexperten. Ebenso werden innenpolitische Spannungen „ge-managed“; das Ausspielen von verschiedenen Strömungen gegeneinander, exzellente Informationskontrolle usw.

    Ein „harter Fall“ war stets ein Luxus der Geschichte. Wir haben einen langen Prozess von Verwerfungen vor uns, der weder Knallt noch Kocht, sondern gerade so an der Kippe verharrt – schlimm genug, um Gesellschaften zu gewissen Veränderungen, insb. zu ihrem eigenen Nachteil, zu treiben aber zu soft um zu platzen. Fest steht, das globale Establishment in westlichen Staaten bereitet sich vor:

    – schleichende Entwaffnung,
    – Beschränkung oder gar Abschaffung von Bargeld,
    – Zentralisierung aller personenbezogenen Daten (Krankenkassen, Zahlungsströme),
    – Monopolisierung der Informationellen Kontrolle (Fake News, Netzdurchsetzungsgesetz, Zensur, Nicht-Berichterstattung etc.)
    – Verschärfung vom sozialen Druck und drohender Strafen (Aufhebung der Anonymität, selektive Anwendung der Justiz)
    – Förderung des flexiblen u. prekären Arbeitnehmermodells (ständige Umzüge, starke politische und soziale Gefügigkeit durch Angst vor Anstellungsverlust)
    – Sicherung aller Erziehungskanäle (forcierte Teilnahmen von Kindern, Ausübung politischer Kontrolle von Eltern durch Kinder)
    – Fragmentierung von eventuell zur Gefahr werdenen Institutionen und Gesellschaftsbereichen (Individualisierung und Ethnische fragmentierung von Polizei, Bundeswehr, „Karriere“ statt „Ethos“ usw.)
    – etc.

    Nun sind einige dieser, nennen wir sie mal „Veränderungen“, durchaus positiv in homogenen Gesellschaften, wo die Vertrauensbrücke zwischen Regierenden, Wirtschaft und Volk real existiert und durch Handlungen symbolisiert und gefestigt wird. In westlichen Gesellschaften heutiger Ausprägung jedoch, sind diese „Veränderungen“ nichts weiter als die Katalogisierung, Pazifierung und Kontrolle des Viehs zwecks Machterhalt und -gewinn. Diese Wortwahl muss man auch so einsetzen, denn eine nüchternere Umschreibung dieses Umstands wäre der hohen despotischen Energie und Unverschämtheit, mit der sich teilweise hinter diese „Veränderungen“ geworfen wird, nicht gerecht.

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