Demographie: Zunehmende Herausforderungen für das Christentum in Europa

George Romney - The Children of Granville, 2nd Earl Gower (Wikimedia Commons/gemeinfrei)

Das Pew Research Center hat einen Bericht über globale demographische Trends der Entwicklung der großen Religionen mit dem Titel „The Changing Global Religious Landscape“ vorgelegt. Der Bericht bestätigt erneut, dass das Christentum in Deutschland und Europa im 21. Jahrhundert auch demographisch vor enormen Herausforderungen steht.

Der Bericht enthält die folgenden wesentlichen Erkenntnisse:

  • Muslime sind auf globaler Ebene vor allem aufgrund hoher Geburtenraten die am schnellsten wachsende Religionsgemeinschaft mit den im Durchschnitt jüngsten Mitgliedern. Um das Jahr 2035 werden Muslime Christen auf globaler Ebene gemessen daher in absoluten Geburtenzahlen als geburtenstärkste Religionsgemeinschaft überholen. Um das Jahr 2060 wird der Islam dann zur mitgliederstärksten Religion der Welt werden.
  • Das Wachstum des Islams findet vor allem an der Peripherie Europas statt, vor allem in Subsahara-Afrika, aber (wenn auch in abnehmendem Maße) in Nordafrika sowie im Nahen Osten.
  • In Europa nimmt der Anteil der Muslime durch stabile hohe Geburtenüberschüsse, Zuwanderung und in geringerem Umfang auch durch Konversion weiter zu.
  • Christen in Europa weisen ein ähnliches generatives Verhalten auf wie Konfessionslose und haben im Durchschnitt ähnlich wenige Kinder. In den meisten Ländern Europas gibt es unter Christen mehr Todesfälle als Geburten. Zu den Ausnahmen zählen Frankreich, Spanien, Polen und Irland.
  • Christen weisen im Durchschnitt vor allem in Europa und den USA schwächere religiöse Bindungen auf als Muslime, so dass sich in der Gesamtbetrachtung mehr Kindern christlicher Eltern im Erwachsenenalter vom Christentum abwenden als das Christentum Konvertiten hinzugewinnt. Im Fall des Islams ist das Verhältnis umgekehrt: Hier wenden sich weniger Kinder muslimischer Eltern vom Islam ab, während der Islam gleichzeitig an Konvertiten stärker hinzugewinnt.

Bewertung und Folgerungen

Daraus ergeben sich einige Folgerungen:

  • Der Migrationsdruck auf Europa wird langfristig weiter zunehmen, wobei es sich überwiegend um einen islamischen Migrationsdruck handeln wird. Die seit 2015 laufende Migrationswelle stellt wahrscheinlich nur den Beginn einer langfristigen Entwicklung dar.
  • Islamisierungsprozesse in Europa sind vor allem demographisch getrieben und vollziehen sich nicht schlagartig, sondern über lange Zeiträume. Daran, dass solche Prozesse stattfinden, besteht jedoch kein begründeter Zweifel mehr. Dabei gibt es z.T. die Tendenz die kurzfristigen Auswirkungen dieser Prozesse zu über- und die langfristigen Auswirkungen zu unterschätzen.
  • Die absoluten Zahlen können einen unzutreffenden Eindruck erzeugen, was Islamisierungsprozesse angeht. Die Auswirkungen der Präsenz des Islams in Europa sind stärker als die Bevölkerungsanteile von Muslimen es vermuten lassen, weil Muslime im Durchschnitt jünger sind, über stärkere religiöse Bindungen und eine höhere Bereitschaft verfügen diese auch konfrontativ zu vertreten und sich zudem an Städten und somit an gesellschaftlich besonders relevanten Orten konzentrieren.
  • Vor allem in den Jahren ab ca. 2035 werden die Auswirkungen dieser Islamisierungsprozesse verstärkt sichtbar werden, wenn zahlreiche heute junge Muslime das Erwachsenenalter erreichen und sich ältere Christen zunehmend aus der Öffentlichkeit (etwa aus dem Erwerbsleben) zurückziehen. Bei anhaltenden Trends werden Muslime in der darauffolgenden Generation auf regionaler Ebene in einigen westeuropäischen Staaten bereits Bevölkerungsmehrheiten stellen.

In den kommenden Jahrzehnten werden alternde, häufig nur über schwache religiöse Bindungen verfügende christliche Bevölkerungsanteile vor allem in Westeuropa schrittweise zu Minderheiten neben Konfessionslosen und Muslimen werden. In beiden Gruppen erstarken gleichzeitig Strömungen, die dem Christentum ablehnend bis konfrontativ gegenüberstehen. Für das Christentums in Europa werden sich daraus entsprechende Herausforderungen ergeben. (ts)