Rolf Peter Sieferle: Die Auflösung kulturellen Kapitals durch Migration

Louis Janmot - Der Weg ins Unheil (Wikimedia Commons/gemeinfrei)

Der 2016 verstorbene Historiker Rolf Peter Sieferle gehört zu den Stimmen, die frühzeitig die absehbaren Folgen von nichteuropäischer Massenzuwanderung für die Entwicklung Deutschlands und Europas erkannt und vor ihnen gewarnt hatten. In einem seiner letzten Aufsätze (Deutschland, Schlaraffenland. Auf dem Weg in die multitribale Gesellschaft), der die Folgen der der weitestgehenden Aussetzung des Schutzes der Außengrenzen Europas 2015 mit berücksichtigte, warnte er vor „Konvulsionen, in denen alles untergehen wird, was uns heute noch selbstverständlich scheint“.

Sieferles zentrales Argument ist, dass die Massenzuwanderung von Menschen aus  „gescheiterten bzw. nicht entwicklungsfähigen Staaten“ die kulturellen Grundlagen der im Zuge der Industrialisierung und der Schaffung von Nationalstaaten seit dem 19. Jahrhundert entstandenen „Prosperitäts- und Sicherheitszonen“ Europas zerstöre.

Sieferle sieht deren kulturelle Grundlage vor allem im Nationalstaat und dessen Ziel der „homogenen Einheit von Staatsvolk, Staatsgebiet und Staatsgewalt“. Dies habe „kulturelles Kapital“ erzeugt, auf dem „Wohlstand und Sicherheit“ beruhen würden, die Sieferle als die großen Leistungen Europas ansieht.

In das Paket des kulturellen Kapitals, das für eine funktionierende demokratische, aufgeklärte und wirtschaftlich erfolgreiche Gesellschaft charakteristisch ist, gehören etwa die folgenden Elemente: Rechtsstaatlichkeit, Fairplay, Rechte des Individuums, Beschränkung der Staatsgewalt, Verbindung von Individualismus und Gemeinwohlorientierung, Meinungsfreiheit (inklusive Religionsfreiheit), Arbeitsethos, Orientierung am Fortschritt, Ausbildung von Vertrauen, Wertschätzung von Bildung und Erziehung. Diese Kombination bildet das kulturelle Erfolgsgeheimnis der avancierten Länder.

Sieferle knüpft hier offebar vor allem an Gedanken des Soziologen Robert Putnam an. Das wichtigste Produkt kulturellen Kapitals sei dabei Vertrauen innerhalb einer Gesellschaft. Massenzuwanderung von Menschen, die dieses kulturelle Kapital nicht aufwiesen, löse das Vertrauen in einer Gesellschaft auf und erzeuge eine „multitribale Gesellschaft“, die weder als Sozial- noch als Rechtsstaat funktionieren könne und katastrophal scheitern müsse.

Wenn eine solche Bewegung in Gang kommen sollte, so hätten wir einen evolutionären Prozeß der Selbstzerstörung einer Industriegesellschaft vor uns: Eine bestimmte kulturelle Konstellation hat historisch den erfolgreichen Komplex  „Industrialisierung und Moderne“ erzeugt, doch hat dieser  Komplex normative Merkmale des humanitären Universalismus entwickelt, die es ihm unmöglich machen, den Zuzug von  Angehörigen fremder Kulturen zu regeln bzw. zu unterbinden.  Eine solche Gesellschaft, die nicht mehr zur Unterscheidung  zwischen sich selbst und sie auflösenden Kräften fähig ist, lebt moralisch über ihre Verhältnisse. Sie ist in normativem Sinne nicht „nachhaltig“. Durch Relativierung zerstört sie schließlich ihre kulturelle Identität, die Voraussetzung ihrer Leistungsfähigkeit war. Damit setzt sie sich selbst ein Ende. […] Die Immigrationskrise, in der wir uns aktuell befinden, ist daher vielleicht nur der Vorbote umfassenderer Konvulsionen, in denen alles untergehen wird, was uns heute noch  selbstverständlich scheint.

Die allgemein in multiethnischen Gesellschaften zu beobachtenden Entwicklungen sowie die Entwicklungen in Deutschland in den vergangenen Jahren decken sich weitgehend mit Sieferles Argumentation, die in sofern stichhaltig ist. Sieferles Analyse geht jedoch nicht weit genug, was erklärt, warum er keinen Weg zur Überwindung der von ihm treffend beschriebenen Lage aufzeigen kann:

  • Sieferle argumentiert auf der gleichen materialistischen Grundlage wie jene Ideologien, deren Scheitern er diagnostiziert. Der Wert der Kulturen Europas scheint für Sieferle etwa vor allem darin zu bestehen, dass sie wirtschaftlich leistungsfähige, für ihre Bürger sichere Staaten hervorgebracht haben. Steigende Transaktionskosten in Folge migrationsbedingt sinkenden Vertrauens bereiten ihm wesentlich größere Sorgen als die Zerstörung und Auflösung nicht rein funktional nützlicher kultureller Substanz, die er nicht erwähnt.
  • Indem Sieferle die grundsätzliche Perspektive der von ihm kritisierten Ideologien übernimmt und etwa Wohlstand und Sicherheit als höchste Werte voraussetzt, hat Sieferle keine Möglichkeit, Lösungen für das Problem des Verbrauchs kultureller Substanz durch diese Ideologien bzw. ihre praktische Umsetzung zu finden.
  • Sieferle übernimmt zudem wesentliche Teile des ahistorischen Kulturverständnisses der Moderne, das die Trennung Europas von seinen geistigen Wurzeln und Auflösung seiner Traditionen als Voraussetzung für Fortschritt in Form von zunehmendem materiellem Wohlstand versteht. Hier stellt sich Sieferle auf eine geistige Grundlage, deren destruktive Auswirkungen er erkennt, ohne jedoch diese Grundlage in Frage zu stellen.

Wie auch Thilo Sarrazin oder der Großteil der in Europa in den vergangenen Jahren entstandenen neuen politischen Parteien will er die Leistungen der sich selbst verzehrenden Moderne erhalten, was aber innerhalb der Paradigmen dieser Moderne gar nicht gelingen kann. Den naiveren Anhängern moderner Ideologien haben Sarrazin oder Sieferle dabei voraus, dass sie keinen Illusionen anhängen, was die von diesen Ideologien erzeugten praktischen Herausforderungen und deren langfristige Konsequenzen angeht.

Sieferle geht sogar noch weiter, indem er in seinem Fatalismus letztlich erkennt, dass aus diesen Ideologien heraus die von ihnen bewirkten Auflösungserscheinungen nicht behebbar sind. Er hätte nur noch einen Schritt weitergehen müssen um zu erkennen, dass dies bedeutet, dass die von ihm geteilte Grundannahme dieser Ideologien unzutreffend ist und der Wert einer Kultur nicht primär in ihren materiellen Leistungen liegt und eine dauerhafte Kultur auch nicht auf entsprechenden Werten begründet sein kann.

Wer Europa und seine Kultur vor allem als einen auf rationalen Erwägungen beruhenden Mechanismus zur Schaffung von Wohlstand und Sicherheit versteht, kann vielleicht ein kompenter Verwalter dieser Dinge sein. Er wird diese Kultur aber auch bei anderslautenden Absichten kaum bewahren und fortsetzen können. (ts)

2 Kommentare

  1. Zu empfehlen ist dazu auch Sieferles „Finis Germania“.
    Dort geht er sehr wohl auf eine tiefere Sinnkrise ein, die er gerade in Deutschland am Kult mit der Schuld ausmacht.
    Interessant sind dabei die Aspekte die er aufwirft, hinsichtlich eines allumfassenden Relativismus, der sogar im Stande ist, die Nutzer dieses selbst zu relativieren. Mich hat in seinem Werk am meisten aber der Verlust ästhetischer Eigenheiten beeindruckt: Im Kapitel „Deutsche Herrschaftskultur“ gibt er das Fehlen jeglicher klassischer Bürgerlichkeit an, in dem sich Bildung,Haltung und Kultur manifestieren und die nach den gesellschaftlichen Verwerfungen der jüngeren Geschichte sich nicht mehr haben festigen konnten. Dazu das „Verschwinden des anthropomorphen Raums“, in dem er einen weiteren Bezug menschlicher Existenz durch Kulturlandschaft herstellt..
    Für uns interessant das Kapitel „Eine neue Staatsreligion“ und natürlich „Ernst Jünger als Erzieher“.
    XAIPETE

  2. @PE

    Eine bestimmte kulturelle Konstellation hat historisch den erfolgreichen Komplex „Industrialisierung und Moderne“ erzeugt, doch hat dieser Komplex normative Merkmale des humanitären Universalismus entwickelt, die es ihm unmöglich machen, den Zuzug von Angehörigen fremder Kulturen zu regeln bzw. zu unterbinden.

    Das ist ein ganz wichtiger Punkt. Demokratien ohne grundlegende und unerschütterliche Bekenntnisse besitzen eine latente Auflösungs- und Korruptionstendenz. Die europäischen Demokratien sind durch ihre Entstehungsgeschichte sehr weit gefasst, nicht zuletzt durch die Transformationen seit dem zweiten Weltkrieg und dem Prozess der Globalisierung, so dass sie zwangläufig hin zu fragmentierten, gespaltenen und zerstrittenen Gesellschaftin hin mutieren – auch gänzlich ohne Zuzug von Migranten aus entfernteren Kulturen, die als Katalysator in diesem Prozess fungieren. Einzig die USA besitzen Pfeiler mit ihren Amendments, die mittlerweile jedoch längst ausgehölt wurden – trotz sehr expliziten Formulierungen der Gründungsväter (z.B. was Banken anbelangt). Eine zu Grunde liegende Erkenntnis der Staatslehre ist, dass es keine Homogene Gesellschaft hinsichtlich ihrer kultureller Grundlage geben kann, wenn die Freiheit zur Selbstauflösung bereits im politischen System integriert ist, die stetig den Korrosionsprozess vorantreibt; denn sobald der Spielraum für gewisse wirtschaftliche und politische Entwicklungen gegeben ist, so ist die Tendenz zur nepotischen, plutokratischen, despotischen und sich gegen die „Ausgangsstatuten“ wendenden Entwicklungen unaufhaltsam.

    Steigende Transaktionskosten in Folge migrationsbedingt sinkenden Vertrauens bereiten ihm wesentlich größere Sorgen als die Zerstörung und Auflösung nicht rein funktional nützlicher kultureller Substanz, die er mit keinem Wort erwähnt.

    Ich kenne Sieferle und seine Werke nicht, aber zur Verteidigung kann man aufführen, dass in den Wissenschaften kulturelle Komponenten durchaus funktional umschrieben werden können. Es fehlt die Romantik bei der Ausformulierung, aber die Erkenntnis, dass psychologische Komponenten wie Emotionalität beim Zusammenhalt in verschiedenen Gruppenstrukturen zentral sind, ist vorhanden – zumindest bei sehr guten Forschern, von denen es heutzutage nicht wirklich viele gibt.
    Die Mehrheit der Forscher gehört tatsächlich zu der Generation: Politics, Policy, Politi, für die Gesellschaften/Regierungen/Gesetze/Wirtschaft/Geschichte lediglich ein Amalgam aus stark vereinfachten kybernetischen Prozessen darstellt (Hallo, Systemtheorie). Das ist die gegenwärtig dominierende Gruppe innerhalb der Humanwissenschaften, die versucht, komplexe psychologische, anthropologische und biologische Gesetzmäßigkeiten in stark vereinfachte Zusammenhänge in Form von Systemmodellen zu pressen. Diese Strömung ist nicht unwesentlich von neoliberalen Wirtschaftstheorien aus dem angelsächsichen Einflussbereich geprägt worden.
    Der eher zum Staubsaugerverkauf oder Börsenhandel geeignete IQ dieser Forscher war der Herausforderung nicht gewachsen, und so kam es zur Schaffung vom Homo Oeconomicus und der Betrachtungsweise biologischer, psychologischer und anthropologischer Phäenomene aus einer wirtschaftlichen Perspektive. Nachdem sich diese geistige Gülle aus den Universitäten und Wirtschaftsgipfeln über die westliche Gesellschaft über Jahrzehnte ergossen hat, konnte man die Effekte z.B. in Zeitungsbeiträgen bestaunen („wie manage ich meine Freunde?“, „wann sind die kosten für den Partner zu hoch?“, „Lifestyle Management“ usw.). Die Perversion an der ganzen Sache ist der verwendete mathematische Anstrich, der nichts weiter als eine Verpackung dient, um eben besagter Gülle eine gewisse äußerliche Legitimation zu verschaffen. Es war die Geburtsstunde der Multiple Choice Umfragen und mystischen Kennzahlen in statistischen Schätzern mit denen ich einen signifikanten Zusammenhang zwischen einem Furz und kosmischer Strahlung nachweisen kann. Zugleich hat man angefangen, die nicht in das Theorie- und Weltbild passenden Subjekte (Menschen) umzuformen, da die Komplexität der o.g. Bereiche, wie Biologie und Psychologie, sich nicht mit den vereinfachten Modellen erklären lassen. Damit man trotzdem noch irgendein Ergebnis am Ende der Gleichung hat, werden komplexe Verhaltensweisen lediglich zu einem Penis und Konsumwunsch aggregiert, um es überspitzt auszudrücken; dazwischen befinden sich noch einige Lückenfüller – siehe Bedürfnispyramide. Eine Schande für die Wissenschaft.

    – diese kleine Ergänzung für diejenigen, die sich vielleicht mit weiterer Lektüre beschäftigen möchten.

    Wer Europa und seine Kultur vor allem als einen auf rationalen Erwägungen beruhenden Mechanismus zur Schaffung von Wohlstand und Sicherheit versteht, kann vielleicht ein kompenter Verwalter dieser Dinge sein. Er wird diese Kultur aber auch bei anderslautenden Absichten nicht bewahren und fortsetzen können.

    Ich widerspreche. Aber Sie behalten Recht, wenn sie damit Wissenschaftler und Autoren, wie ich sie im vorigen Absatz skizziert habe, meinen. Es ist auch kein wirklicher „Materialismus“, den diese Herren betreiben und durch dessen Linse sie alles betrachten. Es ist nur ein infantiler Versuch mittels Mathematik und Wirtschaft gewisse gesellschaftliche Phänomene erklären zu wollen, für diesen Zweck man jedoch alle bisherigen Erkenntnisse sprichwörtlich verdummen muss.
    Mensch und Gesellschaft lassen sich sehr wohl mit Mathematik umschreiben, jedes Jahr etwas präziser, aber das was Sie als materialistische Sichtweisen und Ideologien bezeichnen, sind so zu sagen die „Desperate Housewifes“ der Humanwissenschaften. Wenn sie „echten“ Materialismus sehen möchten, dann werden Sie dazu keine Beiträge über Europa und Kultur lesen, sondern die ein oder andere Publikation im z.B. Nature Magazine, die zu 80% aus Mathematik bestehen. Das ist dann auch wirklich nur pure Wissenschaft und hat auf Grund ihrer Komplexität kein Potenzial, in ein öffentlich wirksames Werk umgewandelt zu werden. [Moderationshinweis: Ein Satz wurde entfernt. Diese Sprache passt hier nicht hin. Gruß, PE]

Kommentare sind deaktiviert.