Kardinal Parolin: Migration als Herausforderung für das Erbe Europas

Pietro Kardinal Parolin leitet derzeit als Kardinalstaatssekretär im Vatikan dessen politische und diplomatische Aktivitäten und wird wegen der Bedeutung seiner Position auch als „Premierminister des Papstes“ bezeichnet. In einem aktuellen Interview bezeichnet er Migration als Herausforderung für das geistliche und kulturelle Erbe Europas.

Kardinal Parolin ging dabei auch auf andere migrationsbedingte Herausforderungen für das Christentum in Europa ein:

While one cannot ignore those in need, on the other hand there is also the need for immigrants to observe and respect the laws and traditions of the people who receive them. However, it is clear that immigration also poses a cultural challenge, which refers to the spiritual and cultural heritage.

Kardinal Parolin knüpfte dabei an die im Katechismus als Ergebnis diesbezüglicher Überlegungen festgehaltene katholische Position in dieser Frage an. Dort wird Migration auch vor dem Hintergrund der Erfordernisse des Gemeinwohls der aufnehmenden Gesellschaften bewertet. Wo sich Migration diesbezüglich nachteilig auswirkt, wird sie auch entsprechend negativ beurteilt. Dabei geht es nicht darum, Christen auf eine bestimmte politische Einstellung festzulegen, sondern darum, die Erfordernisse einer guten sozialen Ordnung zu ergründen.

Utopische Ideologien, Migration und die Leugnung des Gemeinwohls

Seine Positionierung findet in einem Umfeld verstärkter Versuche statt, das Christentum zur Durchsetzung utopischer, materialistischer Ideologien zu instrumentalisieren. Diese betrachten den Menschen als beliebig austauschbares Humankapital und sehen geistige Faktoren wie Kultur und Religion sowie Unterschiede zwischen den Religionen als irrelevant an.

Vor allem in Deutschland gibt es darüber hinaus auch innerhalb der Kirche Stimmen, welche die Inhalte dieser Ideologien zum Teil übernommen und sich dabei von der Naturrechts- und Soziallehre der Kirche und ihrer Orientierung am Gemeinwohl abgewandt haben. Dies wird auch dadurch begünstigt, dass die Anhänger der erwähnten Ideologien teilweise eine Rhetorik verwenden, die sich christlich anmutender sprachlicher Versatzstücke bedient, was manche Christen für sie verwundbar macht.

  • Man erkennt diese Rhetorik in der Regel daran, dass in ihr der Aspekt des Gemeinwohls vernachlässigt wird oder gar keine Rolle spielt. Dies kann soweit gehen, dass Hinweise auf die gebotene Achtung der Erfordernisse des Gemeinwohls sogar moralisch verurteilt wird.
  • Ein typisches Kennzeichen solcher sich christlich gebenden Rhetorik ist auch, dass in der Regel ein angestrebter moralischer Statusgewinn der verwendeten Person im Vordergrund steht („Virtue Signalling“), wobei die Folgen des Geforderten jedoch andere zu tragen haben. Im Neuen Testament wird solches Verhalten im Gleichnis vom Phärisäer und Zöllner kritisiert.
  • Ein weiteres Kennzeichen ist, dass in pauschalisierender Weise moralisch aufgeladene Begriffe verwendet werden, was eine sachliche Auseinandersetzung erschwert. Dies liegt z.B. dann vor, wenn irreguläre Migranten pauschal als „Flüchtlinge“ oder „Schutzsuchende“ bezeichnet werden, auch wenn bei vielen gar keine Notlage oder Verfolgung vorliegt.

Positionen der Päpste zum Thema kulturelle Kontinuität, Gemeinwohl und Migration

Die drei letzten Päpste haben alle Stellung zur Frage der kulturellen Kontinuität des Christentums in Europa, der Sicherstellung des Gemeinwohls und der Gestaltung von Migration vor dem Hintergrund der entsprechenden Erfordernisse genommen.

  • Papst Benedikt XVI. hatte auch im Zusammenhang mit Migrationsfragen vor einem „als pathologisch zu bezeichnenden Selbsthass“ in Europa gewarnt, der damit verbunden sei, „dass auch ethnisch Europa auf dem Weg der Verabschiedung begriffen“ erscheine.
  • Papst Johannes Paul II. hatte betont, dass Staaten sittlich dazu verpflichtet seien, eine “Kontrolle der Zuwanderungsströme unter Berücksichtigung der Erfordernisse des Gemeinwohls” durchzuführen. Es müsse dabei das „besondere kulturelle Erbe jeder Nation bewahrt werden“.
  • Zuletzt hatte der von einigen Medien und Aktivisten in dieser Frage missverständlich zitierte Papst Franziskus klargestellt, dass es aus katholischer Sicht auch Aufgabe der Politik in Europa sei, „die europäische Identität zu bewahren“. (ts)