Kardinal Parolin: Migration als Herausforderung für das Erbe Europas

Ambrogio Lorenzetti - Die Allegorie der guten Regierung - Der Frieden (gemeinfrei)

Pietro Kardinal Parolin leitet derzeit als Kardinalstaatssekretär im Vatikan dessen politische und diplomatische Aktivitäten und wird wegen der Bedeutung seiner Position auch als „Premierminister des Papstes“ bezeichnet. In einem aktuellen Interview bezeichnet er Migration als Herausforderung für das geistliche und kulturelle Erbe Europas.

Kardinal Parolin ging dabei auch auf andere migrationsbedingte Herausforderungen für das Christentum in Europa ein:

While one cannot ignore those in need, on the other hand there is also the need for immigrants to observe and respect the laws and traditions of the people who receive them. However, it is clear that immigration also poses a cultural challenge, which refers to the spiritual and cultural heritage.

Kardinal Parolin knüpfte dabei an die im Katechismus als Ergebnis diesbezüglicher Überlegungen festgehaltene katholische Position in dieser Frage an. Dort wird Migration auch vor dem Hintergrund der Erfordernisse des Gemeinwohls der aufnehmenden Gesellschaften bewertet. Wo sich Migration diesbezüglich nachteilig auswirkt, wird sie auch entsprechend negativ beurteilt. Dabei geht es nicht darum, Christen auf eine bestimmte politische Einstellung festzulegen, sondern darum, die Erfordernisse einer guten sozialen Ordnung zu ergründen.

Utopische Ideologien, Migration und die Leugnung des Gemeinwohls

Seine Positionierung findet in einem Umfeld verstärkter Versuche statt, das Christentum zur Durchsetzung utopischer, materialistischer Ideologien zu instrumentalisieren. Diese betrachten den Menschen als beliebig austauschbares Humankapital und sehen geistige Faktoren wie Kultur und Religion sowie Unterschiede zwischen den Religionen als irrelevant an.

Vor allem in Deutschland gibt es darüber hinaus auch innerhalb der Kirche Stimmen, welche die Inhalte dieser Ideologien zum Teil übernommen und sich dabei von der Naturrechts- und Soziallehre der Kirche und ihrer Orientierung am Gemeinwohl abgewandt haben. Dies wird auch dadurch begünstigt, dass die Anhänger der erwähnten Ideologien teilweise eine Rhetorik verwenden, die sich christlich anmutender sprachlicher Versatzstücke bedient, was manche Christen für sie verwundbar macht.

  • Man erkennt diese Rhetorik in der Regel daran, dass in ihr der Aspekt des Gemeinwohls vernachlässigt wird oder gar keine Rolle spielt. Dies kann soweit gehen, dass Hinweise auf die gebotene Achtung der Erfordernisse des Gemeinwohls sogar moralisch verurteilt wird.
  • Ein typisches Kennzeichen solcher sich christlich gebenden Rhetorik ist auch, dass in der Regel ein angestrebter moralischer Statusgewinn der verwendeten Person im Vordergrund steht („Virtue Signalling“), wobei die Folgen des Geforderten jedoch andere zu tragen haben. Im Neuen Testament wird solches Verhalten im Gleichnis vom Phärisäer und Zöllner kritisiert.
  • Ein weiteres Kennzeichen ist, dass in pauschalisierender Weise moralisch aufgeladene Begriffe verwendet werden, was eine sachliche Auseinandersetzung erschwert. Dies liegt z.B. dann vor, wenn irreguläre Migranten pauschal als „Flüchtlinge“ oder „Schutzsuchende“ bezeichnet werden, auch wenn bei vielen gar keine Notlage oder Verfolgung vorliegt.

Positionen der Päpste zum Thema kulturelle Kontinuität, Gemeinwohl und Migration

Die drei letzten Päpste haben alle Stellung zur Frage der kulturellen Kontinuität des Christentums in Europa, der Sicherstellung des Gemeinwohls und der Gestaltung von Migration vor dem Hintergrund der entsprechenden Erfordernisse genommen.

  • Papst Benedikt XVI. hatte auch im Zusammenhang mit Migrationsfragen vor einem „als pathologisch zu bezeichnenden Selbsthass“ in Europa gewarnt, der damit verbunden sei, „dass auch ethnisch Europa auf dem Weg der Verabschiedung begriffen“ erscheine.
  • Papst Johannes Paul II. hatte betont, dass Staaten sittlich dazu verpflichtet seien, eine “Kontrolle der Zuwanderungsströme unter Berücksichtigung der Erfordernisse des Gemeinwohls” durchzuführen. Es müsse dabei das „besondere kulturelle Erbe jeder Nation bewahrt werden“.
  • Zuletzt hatte der von einigen Medien und Aktivisten in dieser Frage missverständlich zitierte Papst Franziskus klargestellt, dass es aus katholischer Sicht auch Aufgabe der Politik in Europa sei, „die europäische Identität zu bewahren“. (ts)

23 Kommentare

  1. Papst Franziskus fordert die Politik auf, die europäische Identität zu bewahren? Soll dies ein Scherz sein? Entweder ist der Mann ein Pharisäer oder der Jesuit aus Südamerika möchte die USA mit angeblich katholischen Latino-Migranten erobern (wie viele davon sind Sancta Muerte-,Vodoo und Santaria-Anhänger?) und nimt den Verlust Europas als unangenehme Nebenerscheinung in Kauf.

  2. Das Problem des Katholizismus ist sein Universalismus.
    Es mag genügend theoretische Konzepte innerhalb der katholischen Lehre geben,
    die die Bewahrung des ethnischen und kulturellen Erbes der Völker zum Inhalt haben,
    doch ist dieser nicht genuin neutestamentarisch.

    Andererseits wäre es ein Unfug,
    den Glauben an den Gott im Menschen, an sein Leiden und Wiederauferstehen zu ignorieren,
    nur weil die christliche Religion für einen Volksgenossen nicht ausreicht,
    neben dem Urahn auch den Stammesgott zu invozieren.

    Entsprechend kommt dem Alten Testament eine besondere Bedeutung zu,
    weil dieses auf einer Nationalreligion basiert,
    die mit Christus ebenso kontrastiert wie korreliert.

    Es verblüfft immer wieder der Unwille der antichristlichen Leser und Hörer,
    Jesu Auftreten und Fordern nicht auch als ein situatives rhetorisches Stilmittel aufzufassen,
    als eine hyperbolische Provokation gegenüber einer bigotten Selbstgefälligkeit,
    wie sie eben im Gleichnis vom Zöllner und Pharisäer zum Ausdruck kommt.
    Als ob der Zöllner nicht auch verurteilenswert wäre,
    wenn er nach seiner Zerknirschung weitermachte wie bisher.
    Er dient im Gleichnis als Kontrastmittel und Folie.

    Insofern ist der oben gemachte Vergleich mit „Virtue Signaling“ äußerst scharfsinnig:
    In Bezug auf die Regenbogen-Kirchen und den heutigen moralischen Redekontext
    würde Jesus wahrscheinlich sagen:
    ‚Wer sich selbst erniedrigt, soll auch erniedrigt werden‘.

    Wem wären die Pharisäer heute nicht sogar in gewisser Hinsicht sympathisch?
    „Während des 1. Jahrhunderts n. Chr. stellten die Pharisäer eine angesehene Gruppe unter den Juden dar und waren dafür bekannt, sich streng an die Gesetze des Moses und zudem an die mündlich überlieferten „Vorschriften der Vorfahren“ zu halten. Zöllner hingegen zählten als sozial geächtete Gruppe, da sie mit [USA und EU] als Besatzungsmacht kollaborierten und als Steuereintreiber Geld von der Bevölkerung pressten.“
    (https://de.wikipedia.org/wiki/Pharis%C3%A4er_und_Z%C3%B6llner#Zuh.C3.B6rer_Jesu)

    Was hindert einen deutschen Christen daran, sich auch an der Hávamál zu orientieren?
    https://de.wikipedia.org/wiki/H%C3%A1vam%C3%A1l

  3. Ich glaube wir kommen als Christen nicht aus dem Dilemma zwischen einem gewissen Universalismus und unserer je eigenen nationalen Identität heraus. Auch die Frage auf die Ethnie wird in hiesigen Kreisen nie ausformuliert – bleibt vage völkisch bis braun.
    Christ bin ich nicht einer Identität wegen, sondern weil meine letzte konsequente Annahme im Metaphysischen ein Schöpfer ist, aus dem willentlich alles geschaffen ist. Wenn ich das zu Ende denke, bleibt natürlich ein Universalismus dahingehend übrig, als dass alles Schöpfung ist und alle Menschen Ebenbilder Gottes sind. Aber gerade diese Erkenntnis verbietet es doch, einem politisch-ideologischen Universalismus anzuhängen, der eine bunte one-world-community erzeugen will. Denn diese Ideologie verleugnet, nihiliert alle Unterschiede, ja sie muss es, spielt sie doch Gott und verspricht ein weltliches Paradies. Zugleich muss ich als Christ aber keine Edda oder Hávamál als neue Identität stiftende Grundlage eines germanischen Deutschtums zuziehen. Weder wissen wir, ob diese Mythen pangermanische Geltung hatten oder skandinavisch begrenzt waren. Dazu gehen wir mit solchen Forderungen einen gleichen Weg, dem bereits die Regenbogenkirchen folgen; ein konstruiertes Ideal, eine Utopie und zugleich gesellschaftlicher Versuch. Wir machen uns zu Göttern. Schuster bleib bei Deinen Leisten! Wir haben alles, Philosophie, Christentum, Renaissancen, Humanismus (im klassischen, bildungsmäßigem Sinne), militärische Traditionen, die ins Mittelalter zurück reichen und und und. Und ein Christentum, dass zum eigentlichen Kern zurückkehrt und nicht dem Idiotismus der Regenbogenkirchen anheim fällt, welches katechistisch seine Lehre erhält, ohne dogmatisch eine ganze Nation in Haftung zu nehmen, kann ein starkes und wehrhafte Deutschland und Europa MITbegründen. Wir müssen aufhören zu träumen, lesen, denken, aufrecht gehen, lesen, denken, und unseren Nächsten in die Augen schauen können. Mehr nicht. Und lesen und denken. Will sagen, wir müssen das Rad nicht neu erfinden.

  4. @PhilosII

    Wenn ich frage…:
    „Was hindert einen deutschen Christen daran, sich auch an der Hávamál zu orientieren?“
    … dann hat das bitteschön WAS mit Müssen zu tun?
    Sie schreiben:
    „Zugleich muss ich als Christ aber keine Edda oder Hávamál als neue Identität stiftende Grundlage eines germanischen Deutschtums zuziehen.“

    Sie MÜSSEN das überhaupt nicht.

    Ein Volk ohne Stammvater und Stammesgott ist allerdings verloren.
    Wer das nicht sieht, braucht den Kampf um die Nation gar nicht erst zu beginnen.
    Insofern ist auch das Neue Testament nicht ohne das Alte zu lesen, in dem Jahwe als Stammesgott der Juden auftritt.

    Sie sagen:
    „Weder wissen wir, ob diese Mythen pangermanische Geltung hatten oder skandinavisch begrenzt waren.“

    Gemeinsamkeiten zwischen dem nordischen und dem kontinentalen Pantheon bestehen.
    Allein das Nibelungenlied zeigt Parallelen.
    Christlich-gnostische Einflüsse auf die Edda sind stark anzunehmen.
    Die Runen sind aus dem Süden in den Norden gelangt.

    Doch selbst unabhängig davon drücken die Mythen die Kultur und die Religion der GERMANEN aus.
    Ist für Sie ein chasarischer Jude kein Jude?

    Sie sagen:
    „Dazu gehen wir mit solchen Forderungen einen gleichen Weg, dem bereits die Regenbogenkirchen folgen; ein konstruiertes Ideal, eine Utopie und zugleich gesellschaftlicher Versuch.“
    Welche Forderungen meinen Sie?

    Und wie gesagt, ich habe nichts gegen das Christentum, aber:
    Drückt sich darin etwa KEIN konstruiertes Ideal und KEIN gesellschaftlicher Versuch aus?

    Sie sagen:
    „Wir haben alles, Philosophie, Christentum, Renaissancen, Humanismus (im klassischen, bildungsmäßigem Sinne), militärische Traditionen, die ins Mittelalter zurück reichen und und und.“

    Alles gut und schön, doch leider fehlt dem Stamm die Wurzel.

    https://de.wikipedia.org/wiki/Yggdrasil
    und
    https://de.wikipedia.org/wiki/Baum_des_Lebens_(Bibel)#/media/File:Triptych_Harbaville_Louvre_OA3247_n6.jpg

    Solange der christliche Dogmatismus, der die heidnischen und gnostischen Elemente gnadenlos ausgemerzt hat anstatt auch Gemeinsamkeiten mit ihnen zu suchen und ihnen einen gewissen Eigenanteil zu belassen wie dem Alten Testament …, solange dieser christliche Dogmatismus immer noch in irgendwelchen Restköpfen herumgeistert, habe ich bis zu einem gewissen Grad sogar Verständnis für Freimaurer, die es den christlichen Kirchen heimzahlen wollen.

    Zuletzt stellen Sie fest:
    „wir müssen das Rad nicht neu erfinden.“
    Welches Rad neu erfinden?

  5. @Aristoteles
    Der Katholizismus muss nach seinem Selbstverständnis nicht ausschließlich neutestamentarisch argumentieren wie der Protestantismus. Zur Frage der Bewahrung eines bestimmten Erbes finden sich ja auch so gut wie keine Aussagen im Neuen Testament, weshalb man auf dieser Grundlage alleine nicht weiterkäme. Das bedeutet jedoch nicht, dass sich auf diese Frage keine Antworten finden ließe oder sie irrelevant sei. Der katholische Ansatz (die Naturrechtslehre) geht davon aus, dass es eine von der Wahrnehmung und dem Einfluss des Menschen unabhängige geistige Ordnung der Welt gibt, die rationalem Denken zugänglich ist, und dass diese Ordnung erkannt werden kann. Der katholische Ansatz geht auch davon aus, dass die Offenbarung des Alten und Neuen Testaments mit dieser Ordnung übereinstimmt. Auf dieser Grundlage wurde ein umfangreiches Gedankengebäude geschaffen, deren Aussagen zu der erwähnten Frage hier bislang nur ansatzweise wiedergegeben werden konnten. Die Einbindung des Menschen in eine Generationenkette hat aber in der Offenbarung aber z.B. einen sehr hohen Stellenwert und ist etwa Inhalt von einem der Zehn Gebote. Solche Überlegungen sind erst in jüngerer Zeit auch in Äußerungen aus kirchlichen Kreisen in Deutschland in den Hintergrund getreten und durch modern-säkulare Ideologie ersetzt worden, die sich notdürftig in ein pseudochristliches Gewand kleidet. Dem gilt es entgegenzuwirken und das ursprüngliche Gedankengebäude wieder freizulegen.
    Universalistisch ist der Katholizismus dabei nur, was die Gültigkeit der erwähnten Grundannahmen angeht. Auf dieser Grundlage hat der Katholizismus sich schon immer anderen Ideen aufgeschlossen nähern und diese integrieren können, so auch dem erwähnten Havamal, das ja nicht umsonst von christlichen Mönchen überliefert wurde, die aufschrieben, was zuvor nur mündlich wiedergegeben worden war. Wenn man davon ausgeht, dass diese Annahmen universell gültig sind, liegt die Annahme ja nahe, dass auch anderen Religionen im Wahren, Guten und Schönen das Göttliche bis zu einem gewissen Grad durchaus zugänglich gewesen sein kann.
    Solche heidnischen Elemente wurden historisch durch das Christentum oder zumindest durch den Katholizismus keinesfalls “gnadenlos ausgemerzt”, was schon die Tatsache zeigt, dass heidnische Schriften ausschließlich durch christliche Mönche überliefert wurden. Die Integration und Assimilation heidnisch-antiken Denkens ist ein wesentlicher Bestandteil der katholischen Geistesgeschichte bereits im Frühchristentum und später im Mittelalter. Schon das römische Erscheinungsbild der katholischen Kirche zeigt, wie weit die Integration des Heidnischen dabei von Anfang an ging. Die Grenze und der Maßstab der Integration war jedoch immer der Inhalt der Offenbarung.
    Noch ein Beispiel dafür, weil Sie Yggdrasil erwähnen: Dieses auch in anderen heidnische Religionen verbreitete Bild der geistigen Welt wurde durchaus durch das Christentum integriert. Das Kreuz wurde dabei als dem Weltenbaum verwandtes Symbol verstanden und im Mittelalter auch als “Lignum Vitae” bezeichnet. Der Unterschied ist tatsächlich, dass das Christentum in seinen Symbolen weniger die Wurzel betont als das Licht, auf das der Baum hinwächst.

  6. @PhilosII
    Sie weisen m.E. auf einen wichtigen Punkt hin, den ich etwas anders formulieren würde: Die Neuheiden denken den Menschen von seinen biologischen Aspekten her und wollen in erster Linie Abstammungsgemeinschaften von Menschen biologisch erhalten, wobei das Geistige ein Mittel zum Zweck ist.
    Das Christentum hingegen berücksichtigt auch die biologische Natur des Menschen und die Bedeutung entsprechender Bindungen für das Zustandekommen einer guten sozialen Ordnung, sieht aber anders als das Neuheidentum diese Ordnung als Mittel zum Zweck und nicht als Ziel an. Ordnung und Kultur gewinnen ihre Bedeutung und ihren Wert in diesem Denken daraus, dass sie transzendenten geistigen Zielen entgegenwachsen und den Mensch dabei mitnehmen bzw. es ihm erleichtern, zu Gott zu finden. Man kann demnach ohne in innere Widersprüche zu verfallen Christ sein und sich für ein “heiliges Deutschland” einsetzen, das mit dem real existierenden Deutschland freilich nie ganz identisch sein wird.

  7. Das Thema Neuheidentum kann man durchaus mit Gelassenheit behandeln. Es ist unwahrscheinlich, dass demnächst dem Wotan geweihte Krieger die deutschen Kirchen niederbrennen…es würde völlig ausreichen Marx und Woelki als Missionare in ein afrikanisches Bürgerkriegsland zu schicken, damit sie dort ihre Multikulti und Blaubeermuffins-Ideologie in der Praxis ausprobieren. Dies wäre eine dem Glauben wohlgefällige Maßnahme, die gewiss auch die Zustimmung vieler Katholiken fände.
    Anfang der 1980er Jahre genehmigte das kommunistische Regime in Ungarn die Aufführung der Rockoper „István a király“ (Stephan der König). Dabei ging es um den Machtkampf zwischen dem christlichen Prinzen István und dem heidnischen Fürsten Koppány. István trug (mit Hilfe deutscher und warägischer Gardetruppen) den Sieg davon und gründete das christliche Königreich Ungarn. Die Kommunisten erhofften sich von der Rockoper eine Spaltung zwischen den christlichen und traditionalistisch-neuheidnischen Teilen der patriotischen Opposition. Dieses Kalkül ging auch zunächst auf, doch schließlich einigen sich Christen und Neuheiden darauf, István und Koppány als große ungarische Patrioten anzusehen, die beide einen Weg suchten, um Ungarn aus der Krise (Niederlagen auf dem Lechfeld und Arkadiopolis) zu führen.
    Wenn jener Mönch, der den „Beowulf“ niederschrieb und der große Katholik Tolkien mit heudnischen Traditionen des EIGENEN Volkes gut leben konnten, dann sollten dies die heutigen Christen auch können.

  8. Lieber Aristoteles,
    ruhig Blut. „Nicht müssen“ können Sie gerne als „nicht brauchen, nicht nötig haben“ verstehen. Nicht müssen heißt nämlich nicht „nicht dürfen“ – soviel Sprachkenntnis muss sein!
    Natürlich sind germanische Mythen in unsere Kultur eingeflossen und die Nibelungensage ist ein lebendiges Beispiel dafür, das ich quasi schon mit der Muttermilch aufgesogen habe – man, was bringt Wagner für eine Stimmung, wenn ich mal sturmfrei habe! Aber wie heißt ein konservativer Grundsatz so schön: Die Glut mit sich tragen, nicht die Asche…. Übrigens Asche, die chasarischen Juden gibt es nicht mehr und man weiß auch nicht, wer ihre Nachfahren sind oder sein könnten – es sei denn, man nimmt so manch eine Theorie für bare Münze. Zurück zur Gegenwart: Mit einem konstruierten Ideal, einer Utopie und zugleich gesellschaftlichen Versuchen meine ich den Versuch, Kultur künstlich als Identität stiftendes Moment zu schaffen. Im Prinzip alles, worunter wir seit dem Aufkommen der Moderne in Westeuropa leiden. Insbesondere den deutschen NS, sowie seine Pendants Sozialismus, Kommunismus etc. Daher möchte ich mich entschuldigen für meine schlechte Ausdrucksweise: Natürlich dürfen Sie sich auch an der Hávamál orientieren, die Katholiken orientierten sich schließlich auch an Aristoteles. Was das Christentum als konstruiertes Ideal und gesellschaftlicher Versuch anbelangt, muss ich aber ganz klar eine NEIN als Antwort setzen. Nicht, dass die Kirchen nicht an Macht interessiert gewesen waren und es immer noch sind, nicht, dass viele Geistliche ein gesellschaftliches Ideal in sich trugen; da gibt es natürlich eine Art Konstrukt. Jedenfalls etwas, dass wir nach aktueller akademischer Auffassung durchaus dekonstruieren können (wie so fast alles). Aber eben kein Konstrukt in dem Sinne, dass eine gesellschaftliche Ordnung per Ordre durchgesetzt werden sollte und der christliche Glaube quasi die Funktion (um sogleich zum konstruktivistischen Strukturfunktionalismus zu kommen) inne hatte, diese herzustellen und aufrecht zu erhalten. Kirche und Kirchengeschichte ist immer die Geschichte von Entwicklungen, im Wechselspiel von Verfolgung, Anerkennung, spirituellen Wüstenvätern bis zu kriegstreibenden Päpsten. Die Entwicklungen spiegeln sich oft in den Biografien und dem Wirken der Heiligen, sowie in der Vielfalt der Liturgien wider. Christliche Kultur ist somit keine Sache eines augenblicklichen Konstrukts, sondern Kultur, weil sie eben gewachsen ist. Zugleich besitzt sie eine tiefe Wurzel, die Erkenntnis eines barmherzigen Gottes. Gleiches gilt für Deutschland und seine Kultur: Germanische Traditionen, gepflegt von den Franken, verbunden mit dem Christentum, zu den Ottonen und der Gründung des Heiligen Römischen Reiches usw. usw. Bei und sind es jedoch die Brüche der letzten ein bis zwei Jahrhunderte (wann, lässt sich streiten), die zum völligen Riss geführt haben. Wenn also germanische Sagen verloren gegangen sind, dann im Laufe der Jahrhunderte – sie sind zu Asche geworden. Die anderen Risse, auch die, die sich jetzt auftun (Zerstörung der Familie, Sprache, Wehrfähigkeit u.v.m.), finden durch bewusst iniziierte geistige Revolutionen statt – durch Umerziehung. Ich persönlich bin da eher der Meinung, dass dieser Prozess durch eine kulturelle Wiederentdeckung umgekehrt werden kann – vielleicht auch mit einer Hávamál – aber nicht mit einer künstlich hergestellten Kultur – das wollte ich zu Ausdruck bringen.

    @ Morbrecht: D’accord

  9. Das Pferd anders aufgezäumt:

    https://www.youtube.com/watch?v=3YwGVQqR-9w

    „The face of evil can draw you in
    A cold veneer of beauty spread thinly over sin
    Before you start to run it can offer you flight
    But it’s too late now
    Here comes the unquiet sky

    Taciturn and gentle it floats across your path
    A shadow barely visible to the blameless heart
    Yet with it comes a sense
    Of darkness in your soul
    And waiting for the end
    Will take its toll
    The face of evil can be warm and secure
    A dependable guide with intentions all so pure
    So tear off the crimson mask and reveal the countless lies
    But it’s too late now
    Here comes the unquiet sky

    The face of evil can be woman or be man
    With an offer of friendship
    And a steady helping hand
    You were warned about those secrets
    So convincing and so wise
    But it’s too late now
    Here comes the unquiet sky

    Taciturn and gentle it floats across your path
    A shadow barely visible to the blameless heart
    Yet with it comes a sense
    Of darkness in your soul
    And waiting for the end

    These eyes in the mist burning red and burning bright
    But it’s too late now
    The unquiet sky
    There’s a pulse in the air that smothers all the light
    But it’s too late now
    The unquiet sky“

  10. @Attila Varga

    Ihr Kommentar ist derart luzide, dass ihn wohl kaum noch ein Deutscher heutzutage hinbekommt.
    Am Ende wird es sogar so aussehen, dass die Deutsche Nation, die in der Auseinandersetzung mit den Ungarn zu sich selbst fand – ähnlich vielleicht wie die Römer gegen die Punier, die Griechen gegen die Perser, die Spanier gegen die Mauren – nur noch durch die Ungarn gerettet werden kann. Ich denke hier z.B. an das Angebot von Victor Orban, Deutsche ‚Siedler‘ in Ungarn aufzunehmen, die vor dem Buntrassismus in Deutschland fliehen wollen (und in Ungarn vielleicht in ghettoähnlichen Gemeinschaften leben könnten).

    Wenn die Deutschen sehr oft eine (bewusst auch von außen) gespaltene Nation waren
    (BRD – DDR, Kapitalismus – Kommunismus, Katholizismus – Protestantismus), so ist ein Überleben diesmal nur möglich, wenn an der Ur-Spaltung angesetzt wird, und das ist die zwischen Christentum und Heidentum.
    (Der Atheismus kann für ein Volk, das überleben will, keine Rolle spielen.)

    @PhilosII

    Selbstverständlich ist das Christentum auch ein literarisches Konstrukt.
    Das soll nicht heißen, dass die Literaten nicht von Gott inspiriert waren und als Medium göttlicher Ideen fungierten, aber dennoch ist jedes Literaturerzeugnis (ohne Schrift wäre das Christentum nie geworden) ein Konstrukt.
    (vgl. auch Morbrechts Aussage zum „umfangreichen Gedankengebäude“)
    Das soll nicht heißen, dass die christliche Ethik, die freilich auch in anderen heidnischen Kulten ihre Vorläufer hat (z.B. im Pythagoreismus, Zorastrismus, Mandäismus usw.), nicht auch eine solch kulturformende und -umwälzende Kraft gewesen ist, dass man sie, wie die Neuheiden das machen, schlicht von der Hand weisen könnte. Ich halte das für Unfug – nicht zuletzt (wenn auch nicht wesentlich) wegen des geschichtlichen Christentums als Anfangsprinzip der Deutschen Nation (Heinrich, Otto).
    Ideen – Konzepte – Tagesaritkel – Geschichtsschreibung – Mythen – Gebete
    bilden ein vergleichbares Band zwischen Gott – Zukunft – Gegenwart – Vergangenheit – Gott
    wie
    Gott – Nachkommen – Enkel – Kinder – Geschwister – Eltern – Urgroßeltern – Ahnen – Gott.

    Christus ist der Sohn-Gott, und der hat einen Vater, und der ist für einen Germanen auch der Allvater.

    • Lieber Aristoteles,
      es ist für deutsche Siedler in Ungarn nicht notwendig, in Ghettos zu leben. Viele donauschwäbische Gemeinden in Ungarn wären froh, wenn sich bei ihnen deutsche Neusiedler niederlassen. Da sich in West- und Nordungarn deutsche, magyarische und diverse slawische Dörfer und Marktflecken abwechseln, kann man eigentlich nicht von Ghettos sprechen und es wäre schön, wenn in Ungarn Mehrsprachigkeit nicht mehr das Erlernen von Schulenglisch bedeutet, sondern wieder die Fähigkeit, sich mit alteingesessen Nachbarn in deren Muttersprache unterhalten zu können.

      Es ist übrigens erstaunlich, wie das offizielle Deutschland auf die Auswanderung von Deutschen nach Ungarn reagiert. Einerseits mit Hohn über diese Leute, die lieber im Land des „Diktators“ Orbán leben wollen, als in Kunterbuntistan- andererseits ist man froh, diese „Querulanten“ los zu werden. Ganz anders die Oberhäupter der syrischen und irakischen Christen! Diese nehmen gerne die finanzielle Hilfe aus Budapest und die Ausbildung christlicher Studenten an. Dabei betonen sie aber, dass Ungarn keine Anreize für christliche Flüchtlinger bieten soll, da diese in der Heimat gebraucht werden.

      In der Tat war es auch die Ungarnnot, die Otto half, die deutschen Stämme zu einen. Gottseidank kam Otto nie auf die Idee, die Magyaren, Dänen, Polen und Tschechen so zu behandeln, wie Rom die Punier. Deswegen ist Otto mein persönlicher Favorit zum Titel „Vater Europas“ und nicht der Sachsen- und Awarenschlächter Karl.

  11. @Morbrecht

    Vielen Dank für Ihr Bemühen um Ausgleich, aber
    Sie sagen:
    „Zur Frage der Bewahrung eines bestimmten Erbes finden sich ja auch so gut wie keine Aussagen im Neuen Testament“

    Das ist nicht ganz richtig, vgl. den Anfang von Matthäus, also an prominenter Stelle.
    Genealogien sind im geschichtlichen wie mythischen Sinne sehr wichtig. Doch gehört nicht nur König David in die Genealogie eines Deutschen, sondern auch König Otto. Und zwar in religiös-schriftlich fixierter Form.

    Sie sagen:
    „Der Unterschied ist tatsächlich, dass das Christentum in seinen Symbolen weniger die Wurzel betont als das Licht, auf das der Baum hinwächst.“
    Und:
    „Die Neuheiden denken den Menschen von seinen biologischen Aspekten her und wollen in erster Linie Abstammungsgemeinschaften von Menschen biologisch erhalten, wobei das Geistige ein Mittel zum Zweck ist.“

    Hier treiben Sie einen unnötigen Keil zwischen die Religionen, denn
    1) Das Irdische wird im leidenden Christus am Kreuz mindestens genau so stark betont,
    dort stirbt das angenagelte Tier.
    2) Der indogermanische Hauptgott Dewus, Zeus, Diespiter, Jupiter, Tiwaz, Tyr ist ein Himmelsgott, zu dem auch der Baum strebt, zum Vater als Geist.
    Beides ist wichtig, die Erde und der Himmel, die Wurzel und der Wipfel (50 zu 50), in beiden Religionen.

    https://de.wikipedia.org/wiki/Yggdrasil#/media/File:Odin%27s_Self-sacrifice_by_Collingwood.jpg

    In der Tat halte ich die neuntägige Baumfolter Odins, der das Geheimnis der Runen erlangen will, für ein schönes mythisches Bild, das den leidenden Jesus Christus am Kreuz in keinster Weise ausschließt. Beide ‚Söhne‘ repräsentieren ein Streben zu Gott.

    Jesus ist auf der einen Seite notwendig, weil er die allzumenschlichen polytheistischen Götter durch sein ‚vollkommenes‘ Auftreten in gewisser Weise überbietet und universalisiert.
    Andererseits nenne ich einen Troll, wer die griechischen, römischen und germanischen Göttergeschichten nicht auch allegorisch lesen will, gerade an den Stellen, über die sich die frühchristlichen Eiferer lustig gemacht haben, weil sie zu deutlich menschliche Schwächen zeigen.
    Auch ein moralisch guter Jude (im christlichen Sinn) kommt an vielen Stellen der Bibel nicht umhin, seinen Jahwe allegorisch zu lesen.

    Insofern zeigt die Einbindung des Alten Testaments auch den Weg, wie die Rückkehr zum nationalen Gott durch eine Konfrontation und Integration des universalistischen Christentums gelingen kann.

    Jeder Grieche sollte zu seinem Zeus, jeder Römer zu seinem Jupiter, jeder Kelte zu seinem Taranis, jeder Germane zu seinem Odin oder Wotan als Stammesgott zurückfinden können, ohne sich gegen Christus ausspielen zu lassen. Nur so können die europäischen Völker im Einklang mit dem Christentum überleben.

    ‚Odin‘ oder ‚Woden‘ kommt von ‚anblasen‘, ‚inspirieren‘, ‚mit Wut erfüllen‘ (d.h. auch im neutralen Sinn ‚mit Lebensenergie‘). Das ist etwas Hochgeistiges – ein Spiritus Sanctus.

  12. @Aristoteles
    Natürlich ist die Bibel ein Konstrukt, ob man als Christ daran glaubt, dass sie durch Hilfe des Heiligen Geistes entstanden ist oder nicht. Nur glaube ich, dass die gesellschaftspolitische, ethische Ausrichtung im Ursprung nicht erstrangig war – diesbezüglich sehe ich Kirche ganz anders, als Sie es andeuten. Die Kirche als eine Gemeinschaft von Gläubigen hatte schon Bestand und zwar anfangs in Untergrundgemeinden, bei Eremiten und auch während Konstantin immer noch als Minderheit. Dieses Christentum war geistig ausgerichtet, weniger ethisch, was noch heute bei den byzantinischen und altorientalischen Kirchen des Ostens zu sehen ist. Kirchliche Tradition steht in dieser Geistlichkeit. Das die römische Kirche eine Machtkirche wurde, verdanken wir wohl dem Anspruch Roms einerseits, andererseits aber auch dem Einfluss Karls des Großen, den ich ebenfalls ungern als „pater europae“ betrachte (ohnehin eine ideologische und ahistorische Zuschreibung) und der eine religiöse Legitimation benötigte, auf die er wiederum weltlichen Einfluss hatte. Dieser Machtanspruch findet Ausdruck in alten gesellschaftlichen Normen und den modernistischen karitativen Dogmen unter Karl dinal Marx und Wölkchen.

  13. Mich erstaunt, mit welcher Verbissenheit hier einige Leser über religionspolitische und theologische Aspekte diskutieren.
    Was bringt das denn? Über Glauben kann man eh´ nicht streiten.

    Eine stärkere Beschäftigung mit Religion im Kontext der gewünschten Bewahrung unserer ethnisch-kulturellen Identität wird (erst) in dem Moment konstruktiv, wo erstens der Glaube an eine jenseitige / übernatürliche Realität nicht bloß noch Nischen- oder Sektencharakter hat, wo Religion, und zwar völlig egal welche (mit Ausnahme des Islams), also auch von einer halbwegs großen Anzahl von Menschen wieder ernst genommen wird, wo drittens eine religiös gebundene Gruppierung auch eine gewisse Größe erlangt und wo viertens auch eine wie auch immer geartete Verbindung zwischen wirtschaftlich und politisch einflussreichen Gruppierungen und religiösen Strukturen besteht.

    Im Hinblick auf diese Punkte hat die katholische Kirche trotz aller Probleme noch ein gewisses Restpotential und die orthodoxen Kirchen ein durchaus ernstzunehmendes Potential – siehe Kardinal Parolin.
    Die Beschäftigung mit irgendwelchen alt- oder neuheidnischen Konzepten scheint mir abwegig.

    Ganz allgemein:
    Mir scheint, dass es hier Leute gibt, die einerseits selbst nicht wirklich gottgläubig sind und andererseits doch mit dem Gedanken spielen, losgelöst von echter eigener Gläubigkeit/Spiritualität trotzdem religiöse Kulte einzuführen, zu implementieren, um sie als Widerstandsanker gegen die katastrophale Überformung unseres Landes und Kulturraumes zu verwenden.
    Das kann m. E. allenfalls(!) im Kontext der katholischen oder orthodoxen Kirche eine gewisse begrenzte Erfolgsaussicht haben – anderweitig gar nicht.
    Die Zeit, da man religiöse Kulte/Ideologien in diesem Sinne instrumentalisieren konnte, endete wohl spätestens in den 1960er Jahren.

    Anders verhält es sich mit dem Islam (für vormoderne Zeitgenosen) und der heutigen linken gottlosen Zivilreligion mit ihrer Bezugnahme auf den humanitären Universalismus und den Holocaust als das mythische absolute Böse (für etwas modernere Leute).

    Außerdem: Man wird den herrschenden Nihilismus nicht dadurch besiegen können, dass man auf jene Konzepte/Strukturen setzt, die schon vom Nihilismus besiegt worden sind …

    • Lieber Waldgänger,
      ihre Argumentation hat viel für sich, aber die Geschichte ist wie ein großer unaufgeräumter Dachboden. Das Gerümpel (bitte verzeihen Sie meine Ausdrucksweise) ist unter anderem Gerümpel und Staub verborgen, doch geht nichts verloren, eines Tages kommt es unerwartet zum Vorschein.Als Peter Scholl-Latour in den 1970ern das Wiedererwachen des radikalen Islam und später der Orthodoxie ankündigte, wurde er von Medien und Fachleuten noch belächelt oder schlicht zum Phantasten erklärt. Die linke Holocaust-Ersatzreligion bekommt bereits unübersehbare Risse, da ihre Vertreter die Angriffe islamischer Fundis gegen Juden und Homosexuelle offenbar für OK oder zumindest für nicht erwähnenswert halten.
      Wie schon Saruman der Bunte sagte: „Die Welt ist im Wandel“ und wir können nur raten, wer bei der kommenden Krise gegen wen kämpfen wird.

  14. „pater europae“….
    ist es nicht erstaunlich, welche geistigen Väter die EU für sich raklamiert?
    -Karl den Großen statt Otto, der das HRRDN schuf aus germanischen, romanischen und slawischen Ländern und der die Größe besaß, mit ehemaligen Feinden (Ungarn, Dänen, Polen und Böhmen) Freundschaft zu schließen.
    -Die Mörderbande der Französischen Revolution mit ihren ekelhaften Exzessen statt beispielsweise den Wiener Kongress, der auf die Verstümmelung und Demütigung des besiegten Frankreichs verzichtete (man denke da an die „Friedens“verträge von 1919/20!)
    -den Codex Hammurapi und nicht den Codex Ur-Namu, obwohl der baylonische Text lediglich ein weit brutaleres, größenwahnsinniges Plagiat des sumerischen Orginals ist?

  15. @Attila Varga
    Als Peter Scholl-Latour in den 1970ern das Wiedererwachen des radikalen Islam und später der Orthodoxie ankündigte, wurde er von Medien und Fachleuten noch belächelt oder schlicht zum Phantasten erklärt

    Ich glaube, Ihnen ist beim Durchwühlen des „Dachbodens“ auf der Suche nach Omi’s Geheimrezept für Staatsaufbau ein ganzes Regal auf den Kopf gefallen! Der Islam war im Zuge der Säkularisierung und Re-Nationalisierung, wie es im Paradebeispiel Iran damals stattgefunden hat. Nicht zuletzt durch westliche Einflüsse. Der „radikale Islam“, mit seinen unzähligen Splittergruppen, ist ein Nebenprodukt Jahrzehntelanger „Lokalpolitik“ der NATO, dessen ursprünglicher Zweck zwischen Bollwerk gegen eventuelle sowjetische Annexion und Aushölung stark nationalistischer Strukturen im Nahen Osten pendelt. Letzteres ist der moderne Modus Operandi. Ob induzierte Frühlingsrevolutionen nach südamerikanischen Muster, Waffenlieferungen, Wirtschaftsverträge und geopolitisches Geplänkel: es ist ein Bonsai Garten der vorwiegend Angelsächsischen Spielkinder. Ob gezielt gefördert oder durch das Schaffen vom Machtvakkuum durch den Abriss von despoten aber stabilen Regimen (Irak, Lybien etc.), spielt ebenfalls nur eine untergeordnete Rolle.

    Wenn Sie den dabei entstehenden Export von „Kultur“ bzw. Menschen aus diesem Kulturraum in alle Welt, oder sogar Import zwecks multikultureller (Um-)Erziehung von störrischen Nationen, Unterdrückung aller natürlichen Gegenreaktionen inbegriffen, als ein religionshistorisches Aufwachen eines magisch-spirituellen Wesens sehen, vor dem Sie offentlichtlich einen geschichtlichen und emotionalen Kniefall hinlegen, dann sollten Sie, wenn wir schon Saruman zitieren, weniger Pfeifenkraut rauchen.

    @Waldgänger

    Sie haben sich (positiv) gewandelt, werter Waldgänger. Ihre Beiträge machen es mir mittlerweile unmöglich, meine Liste von „gehen-Sie-doch-AfD-Buttons-Verteilen“-Sprüchen abzuarbeiten.

  16. Lieber @ Attila Varga vom 3. April 2017 um 12:46

    Ich stimme Ihnen gewiss zu, dass es in der Vergangenheit vieles gibt, was man vielleicht wieder entdecken könnte und was vielleicht(!) doch noch einmal auftaucht.
    Andererseits gebe ich zu bedenken, dass hierfür bestimmte Rahmenbedingungen gegeben sein müssen. Eine Renaissance früherer Gedanken oder Konzepte kommt nie automatisch und auch keineswegs „immer“, sondern stets nur dann, wenn die Zeit dafür reif ist.
    Bedenken wir auch die gewaltige Fülle von n i c h t stattgefundenen Renaissancen zu Themen, für deren Wiederkehr die Rahmenbedingungen eben nicht gegeben waren …

    Für die Renaissance des Islams waren im 20. Jahrhundert die Rahmenbedingungen gegeben. Dass sie ihn als Beispiel anführen, finde ich insofern schon richtig.
    Wenn @ G.Wheat an dieser Stelle auf den fördernden Einfluss der USA verweist (z.B. in Afghanistan), so ist das nicht falsch, doch würde ich daraus nicht den Schluss ziehen, dass der Islam o h n e diese Förderung nicht groß geworden wäre. Eine Förderung gelingt ja auch nur da, wo schon sowieso etwas am Wachsen ist.
    Für die Renaissance des Islams waren die Bedingungen gegeben. Hamed Abdel-Samed hat das ja verschiedentlich sehr schön erläutert und auf die Vorgänge um 1920 herum verwiesen.
    Auch gilt es, die spezielle orientalische Psyche und die letztendlich vormoderne Kultur dieses Raumes zu berücksichtigen.

    Ob eine Renaissance auch für die „unter Gerümpel und Staub“ verborgenen christlichen Traditionen möglich sein kann oder gar für Konzepte der Ottonen? Vielleicht kommt noch mal so eine Zeit, doch überwiegt bei mir der Zweifel.
    Ich würde Ihnen ja gerne folgen, würde mich über eine Renaissance zu einer Stellung der Kirche wie um das Jahr 1900 herum freuen … allein: mein Herz sagt ja, doch mein Verstand sagt nein.

    Die Crux ist doch, dass das Christentum in seiner ü b e r k o m m e n e n Form für Europäer des 21. Jahrhunderts einfach eine zu große intellektuelle Zumutung bedeutet, und zwar für den Naturwissenschaftler ebenso wie für den Polizisten, Angestellten, Fernfahrer oder Mitarbeiter einer Agrargenossenschaft. In Afrika mag es anders sein. Dass nebenher eine zivilreligiöse Konkurrenzreligion implementiert worden ist, und dass in Wahrheit nihilistische Elemente eine massive offizielle Förderung erfahren, kommt nur noch h i n z u. Aber auch ohne diese zusätzlichen Negativa wäre das Christentum heute kaum noch vermittelbar.

    Und dort, wo es noch gedeiht, da gedeiht es m.E. nur, weil die Gläubigen andere, alternative Zugänge gefunden haben oder vermittelt bekommen haben. Ich denke da jene amerikanischen Pfingstgemeinden.

    Im Moment sehe ich bei u n s aber lediglich die Chance für eine gewisse Stärkung äußerlicher Aspekte christlich-abendländischer Tradition. Man erregt sich über die linken Versuche, Martins-Umzüge oder Weihnachtsmärkte zu beschädigen, man erregt sich über die politische Prostitution unserer ewig-regierungstreuen Landeskirchen mit ihren Göring-Eckardts und Käßmanns, man ist empört ob skandalöser Übergriffe auf Kirchen – seien es Umwandlungen in Moscheen oder der freche Diebstahl von Kultobjekten. Irgendwer nannte das mal „Kulturchristentum“.
    Allerdings bedeutet das nicht, dass jene, die über solche Dinge erregt sind, deswegen gläubig würden, dass sie selbst (wieder) Christen würden.

    Um ganz allgemein gläubig, gottgläubig, spirituell zu werden, bedarf es eines Zugangs.
    (Dass ich weiß, d a s s es den gibt, unterscheidet mich nebenbei von @ G.Wheat.)
    Doch leider, leider ist d e r Zugang, den das mittlerweile archaisch(!) gewordene Christentum heute bietet, nur noch für Wenige begehbar. Früher noch gangbare Wege sind verschüttet.

    An anderer Stelle schrieb ich schon einmal, dass es im Prinzip die größte und wichtigste Herausforderung wäre, eine Reform unserer abendländischen Religiosität herbeizuführen, die den Menschen an sich wieder einen Zugang zu jener Sphäre verschafft.
    Es ist nicht nur deshalb wichtig, weil das Leben ohne die Rückbindung (religio) an das Numinose an sich schon schwieriger und ärmer ist, sondern eben auch deshalb, weil ein gemeinsamer Glaube und Kult einer Gesellschaft inneren Halt gibt und sie stärkt. In dem Erkennen, dass man etwas Gemeinsames hat, erkennt man ja den Unterschied zu anderen und kann Eigenes verteidigen. ( Mit der universalistischen Ethik der heutigen Kirchen wird eben das sabotiert.)
    Das Fehlen dieses inneren Halts in unserer Gegenwart lässt das aktuelle Desaster dann zur Katastrophe werden … !
    Wahrscheinlich kann mir hier auch G.Wheat zustimmen, denn des gibt ja eine Reihe von Hinweisen dafür, dass nihilistische Kulturen keine besondere Stabilität und auch keine besondere Langlebigkeit aufweisen. Insofern müsste auch der atheistische Anhänger von Stabilität die Religion begrüßen – und sei es als Mittel zum, Zweck.

    Nun gibt es aber Dinge in der Geschichte, die irgendwann w i r k l i c h erledigt sind und die aller Voraussicht nach keine Chance für eine Renaissance haben – der Polytheismus der Griechen etwa. Über diese Konzepte ist die Geschichte, ist die geistige Evolution des Menschen wohl für immer hinweggegangen. Ich fürchte, dass es auch in der christlichen Tradition Konzepte gibt, nebenbei zentrale Konzepte, die in diesem Sinne geistig überholt sind.

    Zwar mag eine kleine Minderheit theologisch sehr versierter und spirituell erfahrener Leute diese alten Konzepte noch mit Erfolg als Zugang zum Numinosen verwenden können – ich denke etwa an Mönche – doch sollte man hieraus keine Regel ableiten und denken, dass das alle könnten.

    @ G.Wheat vom 3. April 2017 um 20:40
    Hmm? Wenn Sie meinen … So mild geworden, wo Sie doch ansonsten gern unnötig bissig austeilen, etwa gerade oben gegen @ Attila Varga …

  17. Sicherlich haben die angelsächsischen Mächte den fundamentalistischen Islam gefördert, dies tun sie seit den 1830er Jahren, als das orientalische Great Game zwischen Briten, Franzosen und Russen so richtig losging. Auch das Deutsche Reich förderte im I. Weltkrieg, als Gegenzug zu Lawrence von Arabien und Co., den Heiligen Krieg der Senussi in Libyen und islamistische Gruppen im Iran. Aber dabei handelte es sich um geopolitische Schachzüge, der neuzeitliche Islamismus ist nicht in Washington, London oder Berlin erfunden worden. Bei den Beziehungen zwischen den USA und Saudi Arabien arbeiten seit langen zwei Arten von Imperialismus zusammen, versuchen dabei auch, sich gegenseitig auszunutzen und zu betrügen.
    Wie Scholl-Latour, der greise König der Unken, schon richtig bemerkte, brachte der Islam in seinen Wüsten, Steppen und Gebirgen immer wieder radikale Bewegungen hervor, die sich zunächst gegen das islamische Establihment richteten und dem Krieg gegen „Ungläubigen“ neue Impulse brachten. Und jetzt hat eine andere Art von Wildnis, der Dschungel der urbanen Zentren, eine weitere dieser Bewegungen hervorgebracht. Es ist den Salafisten durchaus klar, dass sie im Afghanistankrieg gegen die Sowjets und beim „Arabischen Frühling“ als Handlanger der USA fungierten. Sie übernahmen den Job, weil sie dadurch stärker werden konnten und sich damit effektiver gegen ihre einstigen Verbündeten wenden können. Daran ist nichts außergewöhnlich, das Weströmische Reich wurde ja nicht von Alarich, Attila oder Geiserich abgehakt, sondern von einem Germanen in römischer Generalsuniform.
    Die Schützenhilfe durch die Angelsachsen hat die Salafisten gestärkt, aber wäre diese ausgeblieben, wären die Fundis lediglich gezwungen gewesen, eine andere Strategie zu verfolgen.
    Was die weitere Entwicklung in Deutschland und Westeuropa angeht, so stelle ich Mutmaßungen an, die nicht mehr oder weniger Substanz haben, als die Überlegungen anderer auch. Ich persönlich halte das Erstarken der Christentums für eine mögliche Option, weil ich einen solchen Vorgang in Osteuropa beobachten konnte. Ob das westliche Europa (wo ich keine Anzeichen für einen erfolgreichen Widerstand anderer Art sehe!) diesen Weg geht, weiß ich nicht und harre der weiteren Entwicklung.

  18. @Waldgänger

    Die Rückanbindung an Glaubensstrukturen, die über den Zweck von Gruppenzusammenhalt hinaus gehen behebt nicht das Problem; Sie haben keine Garantie, dass in 100 Jahren ebenjener Glaube nicht wieder aufgelöst wird. Per Definition sind Religionen nur so stark, wie die Verbreitung von beschränktem Wissen innerhalb von Gesellschaften und der authoritären Strukturen, die sie aufrecht erhalten. Schließlich wurde der Kapitalismus nicht einfach so die neue Weltreligion. Perioden von Informationsbeschneidung und authoritärer Auferlegung folgten im Voraus. Sowohl der Erfolg vom Kapitalismus als auch vormals des Christentums begründet sich einzig und allein durch die Ausnutzung primitiver Denkstrukturen des Menschen: Grenzenloser Hedonismus oder fanatischer Kult sind zwei Seiten der gleichen Medaille.

    Das Argument, man müsse doch irgendwas aus dem Boden stampfen, damit es auch der Dümmste versteht bzw. man alle „mitnehmen“ kann ist ehrwürig, ja gar romantisch, aber realitätsfremd und verkennt die Tatsache, dass auch bestimmte Teile vom „Eigenen“ nicht immer schützenswürdig sind. Auch beim Aufbau von Vorhaben, die v.a. auf die Zukunft ausgerichtet sind, gilt es zu selektieren. Ansonsten verschleppt man die alten Krankheiten, wo sie in Zukunft wieder aufkeimen können. Deshalb also: nein zu einem Vorhaben der den Tumor in Form von bestimmten Mitgliedern/Anhängern und untauglichen Ritualen am Leben hält, nur damit er abermals über den gleichen Stein der menschlichen Entwicklungsgeschichte stolpert. Das gilt insbesondere für ganze Gesellschaften umfassende Ansätze.

    Die zu erbringende Transformationsleistung der neueren Generationen ist aus anthroplogischer Sicht nichts weiter als ein Stolperstein der Evolution, den es zu überwinden gilt, um neue, starke und resiliente(re) Formen des Zusammenhalts in hoch technisierten Gesellschaften mit potentiell(!) freien Zugang zu Information zu bilden. Es ist nichts weiter als die Entwicklung der Menschheit, bzw. teile dieser. Die Zukunft hat keinen Platz für das Christentum, unserer gegenwärtigen Wirtschaftsformen und auch dem Großteil der lebenden Menschen mit entsprechenden Einstellungen. Diejenigen, die diesen „darwinistischen Check“ meistern, werden die historischen Sinusschwingungen des Aufbaus und Zerfalls von auf alten Konzepten beruhenden Gemeinschaften durch andere ersetzen, die sich widerrum in Zukunft anderen Herausforderungen stellen werden müssen. Der ewige Zyklus.

    Ich versuche Ihnen, das einmal anders zu erklären: mit Ideologien/Glaubensansätzen verhält es sich wie mit den aus der Biologie bereits bekannten r/K-Strategien. Je nach Umfang der zur Verfügung stehenden Nahrung und physischer Sicherheit, kann eine der beiden Strategien entweder in einer Katastrophe oder einem Zugewinn enden. Analog dazu, sind bestimmte Glaubensansätze unter spezifischen Bedingungen erfolgreicher als andere. Das Christentum bzw. primitive fanatische Kulte, die auf Unhinterfragbarkeit beruhen werden immer in Kontexten fruchten, die von einer spezifischen Art von „Überlebensstress“, Sozialem Umfeld, Zugang zur Information und Technisierung gekennzeichnet sind. Übertragen auf die Praxis, lassen sich bereits jetzt künftige Milieus abzeichnen, die sich gedanklich und sozial auf Religionen stützen werden. Hier wird PE Erfolg haben, da Verfallserscheinungen, für die Menschen, die davon betroffen sind, eben diese Art von äußerem „Stress“ produzieren, in dem man sich auf nichts anderes stützen kann. Selbstverständlich gibt es auch Unterschiede bei den Menschen, die in solchen Situationen eher zum Christen- oder Atheistentum tendieren. Auf gut Deutsch: keiner wird sich mit Quantenphysik auseinandersetzen, solange man Angst hat, im eigenen Stadtteil überfallen zu werden. Simpel.

    Ähnliche Aussagen könnten für das genau gegenteilige ideologische Spektrum getroffen werden: die Neoliberalen, Reichen, Hipster-Kulte und Kosmopolitische Traumtänzer. Diese sind zumeist anderen Einflüssen ausgesetzt und leben in ganz anderen Illusionen. Dort fruchtet die Idee vom Kapitalismus und weltlichem Altruismus auf Grund innerer Verblendung und des bereits vorhandenen bzw. angestrebten Überflusses. Die „Konservativen“, als Beispiel vom „Dazwischen“, waren meistens ein Bindeglied zwischen Religion/Ideologie und Wohlstand, die sich mittlerweile durch die Spaltung zwischen Arm & Reich in eben beide Lager aufteilt und somit ideologisch auseinander driftet: die einen enden bei PEGIDA, die anderen im hamburger Edelviertel.

    Um bei der Debatte um das Christentum, bzw. jedweder anderer glaubensgestützter Ideologie, voranzukommen, darf man diese Ansätze nicht wie ein Kondom über alle historischen Epochen hinweg sowie alle sich unterscheidenden gesellschaftlichen Teile stülpen. Ich könnte einigen Kommentaren durchaus zustimmen, wären sie denn auf bestimmte Kontexte beschränkt. Aber wir ja haben bereits festgestellt: Religionen differenzieren ungern und drehen sich lieber auf der eigenen flachen Erdscheibe um die eigene Achse, bis alle über den Rand geschleudert werden – dann nennt man es es halt den prognostizierten Neustart.

  19. G.Wheat:
    „Per Definition sind Religionen nur so stark, wie die Verbreitung von beschränktem Wissen innerhalb von Gesellschaften und der authoritären Strukturen, die sie aufrecht erhalten“.
    Mal eine Frage. Wer hat diese Definition aufgestellt? Auf welcher wissenschaftlichen Grundlage ist diese „Definition“ entstanden. Haben Sie Quellen für diese Definition? Und bitte nicht bei Habermas oder Judith Butler!

    „Schließlich wurde der Kapitalismus nicht einfach so die neue Weltreligion“.
    Ich stimme Ihnen zu, wenn quasi religiöse Tendenzen in allen möglichen modernen Strukturen zu finden sind – Sie verglichen in der letzten Diskussion moderne Rituale mit denen von Religionen. Sie sprachen bereits anderswo den „linguistic turn“ an (im übrigen aus der Literaturwissenschaft die Soziologie und die sogenannten Kulturwissenschaften beeinflussend – „turn“), in diesem Fall ist wohl auch der Begriff des „performative turn“ angebracht (aus den Theaterwisseschaften bei den je anderen übernommen). Allein, die großen Religionen bestehen nicht aus performativen und linguistischen Konstrukten; sie sind lediglich Ausdruck auf die Antwort metaphysischer Fragen, die übrigens auch manche Quantenphysiker beschäftigen.
    Ich schrieb Ihnen auch in der letzten Diskussion, dass Sie das Christentum nicht verstanden haben und auch jetzt geben Sie alles zum Besten, dieses unter Bewis zu stellen. Sehen Sie es so: Das Christentum im tieferen katholischen und orthodoxen Verständnis sind Lebensweisen (Way of life), begleitende Stützen, die den Suchenden in einer Form des Mysterienkults (performativ und linguistisch) in seinen Fragen an das Jenseitige weiter bringen wollen. Sie bedienen sich Lehrgrundsätze (Dogmen), die e i g e n t l i c h nicht gesellschaftspolitisch gedacht sein sollten, natürlich aber Einfluss haben. Daher kann der Vergleich mit Ideologien nur bedingt greifen, da letztere „am Reisbrett“ entstehen und den metaphysischen Bezug ohne wirkliche Metaphysik ersetzen; gar, wie z.T. im Kommunismus, verbieten und damit ein selbständiges Denken einschränken.

    „Sowohl der Erfolg vom Kapitalismus als auch vormals des Christentums begründet sich einzig und allein durch die Ausnutzung primitiver Denkstrukturen des Menschen: Grenzenloser Hedonismus oder fanatischer Kult sind zwei Seiten der gleichen Medaille“.
    Genau hier hinkt Ihre Argumentation und zwar aus zweierlei Gründen: Sie selbst stellen sich über die Jahrtausende, und damit meine ich nicht nur das Christentum, das Judentum oder den Buddhismus, Sie stellen sich ebenso über Platon, seine Ideenlehre, der gesamten Philosophie oder der Leser hier; hedonistisch, anmaßend – primitiv? Wobei ich behaupte, dass der fanatische Kult dem Hedonismus entspringt (vergleiche dazu die IS-Kämpfer) und ein und dieselbe Seite der Medaille sind. Des Weiteren glauben Sie:
    „Es gebe einen Fortschritt: Die zu erbringende Transformationsleistung der neueren Generationen ist aus anthroplogischer Sicht nichts weiter als ein Stolperstein der Evolution, den es zu überwinden gilt, um neue, starke und resiliente(re) Formen des Zusammenhalts in hoch technisierten Gesellschaften mit potentiell(!) freien Zugang zu Information zu bilden“.
    Diese Utopie habe ich bereits zuvor bei Ihnen angekreidet. Wir hatten sie in den letzten 100 Jahren in Europa zu genüge und aus der Sicht eines Historikers ist diese Argumentation ebenso hanebüchernd wie die Theorie zyklischer Entwicklungen. Geschichte wiederholt sich stets in neuen Konstellationen, unvorhersehbar und zufällig; eine Entwicklung, Fortschritt oder der ewig linke Begriff der „Progression“ sind nicht zu definieren – gewiss auch nicht für einen „Anthroplogen?“.
    Und wenn der Mensch tatsächlich durch technischen Fortschritt in ein völlig neues Stadium seiner Existenz gerät, dass er sich dann um die metaphysischen Fragen nicht mehr kümmert und Religionen „überwunden“ werden, dann muss aber auch die Frage gestellt werden, ob das Thema auf dieser Seite greift; weil es neue Fragen aufwirft: Warum braucht der Mensch dann keine Religion mehr? Denkt er nicht mehr? Ist der freie Zugriff auf alle Informationen nicht schon Realität? Ist der Mensch ohne Fehler eigentlich noch Mensch?
    Aber ich bin mir sicher, lieber G.Wheat, Sie haben die Antwort schon gefunden und können uns primitiven Menschen den Weg weisen; wir brauchen seit Ihrer Niederkunft weder Religion noch Kant
    Herzlich, Ihr PhilosII

  20. @PhilosII
    Wer hat diese Definition aufgestellt? Auf welcher wissenschaftlichen Grundlage ist diese „Definition“ entstanden. Haben Sie Quellen für diese Definition?

    Abgesehen davon, dass Sie sich selbst unabhängig informieren sollten, tue ich Ihnen den Gefallen; Eine der unzähligen Quellen, leider keine Soziologische, sondern pure Mathematik:(link). Die Kritiker solcher Studien behaupten, dass Faktoren wie Armut nicht berücksichtigt werden, und bestätigen damit sogar passiv, aber ungern, dass die Verbreitung von Religion auch mit geringem wirtschaftlichem Wohlstand und anderen Härten zusammenhängt. Natürlich könnten Sie jetzt sagen: „aber momentchen! Ich hab hier einen Miliardär gefunden, der voll smart ist und jeden Sonntag in die Kirche geht! So!“, aber leider reden wir hier nicht von schwarzen Schwänen, wie man sie in der Schlusstechnik der Induktion einsetzt.

    Diese Utopie habe ich bereits zuvor bei Ihnen angekreidet.
    Sie benützen doch schon bereits diese Utopie, um mich vom Christentum zu überzeugen; den Kommentarbereich eines magischen Universums, dessen alleinige Nennung sie damals auf den Scheiterhaufen geschickt hätte. Aber sogar der Papst hat erkannt, dass man mit Hilfe des elektronischen Satans und einer Tastatur ein paar coole Tweets absenden kann – natürlich mit Gottes‘ Segen. Wie sonst können diese Schriftzeichen auf das sich eweig wandelnde heilige Papier namens Monitor gelangen, ohne dass sie 10 erotisch weiße Engel auf eben jenes mit Himmelstinte gekritzelt hätten.

    Und wenn der Mensch tatsächlich durch technischen Fortschritt in ein völlig neues Stadium seiner Existenz gerät, dass er sich dann um die metaphysischen Fragen nicht mehr kümmert und Religionen „überwunden“ werden, dann muss aber auch die Frage gestellt werden, ob das Thema auf dieser Seite greift; weil es neue Fragen aufwirft: Warum braucht der Mensch dann keine Religion mehr?

    Das sind durchaus Fragen, über die Sie in aller Ruhe reflektieren sollten. Aber die Tatsache, dass Sie nicht jeden Samstag von Ihrem Wohnunsfenster aus ein nichtsahnendes Schweinchen im Stadtpark erlegen müssen – auch wenn es einen gewissen Reiz hätte – um an das begehrte Schnitzel zu kommen, ist ein gute Grundlage zum Nachdenken. Ok, schlechtes Beispiel. Dann stattdessen einfach das nächste Mal auf die Wahl von 112 auf Ihrem herätischen Teufelsgerät verzichten, wenn es schwarz vor den Äuglein wird und sich von Gott richten lassen. Ich hoffe dennoch er ist gnädig und ich darf noch in Zukunft mit Ihnen Kommentare tauschen.

    Sie versetzen mich zurück in meine Jugend, wo ich äußerst gern mit „Marktschreiern“ diskutiert habe: „SIEHST DU DAS!? [Fingerzeig auf ein Fahrzeug] DIESE GOTTESANMAßUNG IST UNSER UNTERGANG. DU WIRST GERICHTET FÜR ALL DEINE SÜNDEN!!“. Natürlich kein edles Beispiel, aber für die Wiedergabe von langen und recht anspruchsvollen Gesrpächen mit gebildeten Geistlichen, die ich durchaus genossen habe, fehlt mir leider die Zeit.
    Trotzdem verlaufen alle nach dem gleichen Muster, sobald ihnen die Argumente ausgegangen sind, von denen es einige wirklich in sich gehabt haben und man einen unbelesenen Menschen recht schnell in die Ecke hätte drängen können, war man wieder schnell beim Ausgangspunkt: „Ehrfurcht? Fühlen Sie sich nicht schlecht? Fehlt Ihnen nicht Etwas? Halten Sie sich etwa für was Besseres?“. Das waren keine eifrigen Lokalpastoren, im Gegenteil.

    Ich muss trotzdem anfügen, dass ich auch einigen respektablen Geistlichen begegnet bin, die nach Selbstwidersprüchen einfach postuliert haben: „Ich besitze hierzu kein Wissen, aber mein Herz ist bei Gott.“ Das ist eine Aussage, die ich respektieren kann und eine ehrliche zugleich. Den historischen und anthropologischen Schamanismus hingegen, den Sie in einigen Kommentaren an den Tag legen, werter PhilosII, kann ich leider nicht respektieren.

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