Voraussetzungen kultureller Kontinuität – Jüdische Erfahrungen (Teil 1): Die Qualität der Eliten

Ambrogio Lorenzetti - Allegorie der guten Regierung (Wikimedia Commons/gemeinfrei)

Für das „Jewish People Police Institute“ (JPPI) der „Jewish Agency for Israel“ hat der Historiker Shalom Salomon Wald vor einiger Zeit unter dem Titel „Rise and Decline of Civilizations – Lessons for the Jewish People“ eine Studie über die Voraussetzungen langfristiger kultureller Kontinuität erstellt. Einige seiner Erkenntnisse sind auch in Zusammenhang mit unserem Vorhaben relevant, weshalb in den kommenden Tagen hier eine Serie mit entsprechenden Beiträgen erscheinen wird. Im ersten Teil widmen wir uns der Qualität der Eliten und den Anforderungen guter politischer Führung als Voraussetzung kultureller Kontinuität.

Allgemein kann man in diesem Zusammenhang von den im jüdischen Kontext geführten Diskussionen einiges lernen:

  • Im Judentum ist schon aus historischen Gründen das Bewusstsein dafür, dass der langfristige Fortbestand von Kulturen eine seltene Ausnahme darstellt, deutlich stärker ausgeprägt als in anderen Kulturen.
  • Aus dem Bewusstsein heraus, das Kulturen auch enden können und damit das unter großen Opfern erbrachte Werk vieler Generationen dauerhaft zerstört wäre, wird im Judentum allgemein sorgsamer mit dem eigenen Erbe umgegangen. Dies äußert sich auch darin, dass die strategische Auseinandersetzung mit Herausforderungen für den Fortbestand der eigenen Kultur im jüdischen Kontext deutlicher verbreiteter ist als etwa im postchristlichen Europa.
  • Ebenso ist das Bewusstsein für die Bedeutung der Religion als Identitätskern von Kulturen hier besonders ausgeprägt. In diesem Zusammenhang pflegen auch nicht gläubige bzw. säkulare Juden häufig jüdische religiöse Praxis.

Walds Studie hat in diesem Zusammenhang vor dem Hintergrund der Frage, wie der Fortbestand und die weitere kulturelle Entwicklung des Judentums dauerhaft sichergestellt werden können, u.a. vorhandene Thesen zum Aufstieg und Niedergang von Kulturen ausgewertet.

Wald versteht Geschichte dabei nicht als sekundäre Wirkung materieller Vorgänge, sondern als das Werk von Personen, die aus der Bindung an ein transzendentes Ziel besondere Kraft und Fähigkeiten entfalten und damit Gemeinschaften von Menschen auf dieses Ziel hin ausrichten konnten. Fortbestand und Entwicklung einer Kultur würden somit auch davon abhängen, ob solche Personen bzw. kulturelle Eliten in ausreichendem Maße und ausreichender Qualität zur Verfügung stehen.

In der Geschichte des Judentums macht er die folgenden positiven Eigenschaften bei den Persönlichkeiten aus, die auch in Krisensituationen einen Fortbestand der eigenen Kultur ermöglichten:

  • Glaube im Sinne einer persönlich erfahrenen Bindung an das Transzendente und Identifikation mit der aus dieser Bindung heraus gewachsenen Kultur;
  • Überzeugung, dass die Zukunft der eigenen Kultur ein langfristig orientiertes, entschlossenes Handeln erfordere;
  • Wahrnehmung eines entsprechenden Auftrags und des Willens, der eigenen Kultur zu dienen und sie zu schützen;
  • Mut und die Bereitschaft, bei der Ausführung dieses Auftrags Risiken und Nachteile in Kauf zu nehmen;
  • Integrität im Sinne einer asketischen Haltung und eines geringen Interesses an materiellen Dingen oder persönlichen materiellen Vorteilen;
  • Kulturelle und religiöse Bildung;
  • Ausgeprägte Kenntnis der politischen und geistig-kulturellen Lage des eigenen Umfelds;
  • Charisma im Sinne der Fähigkeit Menschen für ein gemeinsames Ziel und einen entsprechenden Auftrag zu begeistern und zu einen.

Wald betrachtet die im Alten Testament vorgestellte Person des Nehemia als Archetyp des Trägers jener Eigenschaften, die kulturtragende Eliten benötigen würden, um ihrer Aufgabe nachzukommen.

Die von ihm identifizierten Eigenschaften ermöglichen es nicht nur, die Qualität von Führung zu messen, sondern auch, Menschen gezielt in eine entsprechende Richtung zu entwickeln.

Teile von Walds Studie erscheinen dazu geeignet, um auch in einem christlich-abendländischen Kontext als Grundlage für eine Strategie kultureller Kontinuität zu dienen. Weitere Erkenntnisse Walds werden in den kommenden Tagen vorgestellt werden. (ts)

35 Kommentare

  1. Ich sehe bei der Übertragung der jüdischen Strategie folgendes Problem für ein christliches Projekt:

    Das einzige Volk, dem das das Christentum (wie das Judentum) am Ende aller Tage das Überleben versprochen hat, sind die Juden. Schweden, Italiener, Engländer und Deutsche usw. haben keinerlei Bedeutung. All diese Glaubenssätze des Christentums können wir um uns herum deutlich sehen: Sogar inwiefern der Kampf um das ethnische Überleben der Juden in unserem aktuellen Paradigma akzeptiert ist, während dies für andere Völker unserer Kultur nicht der Fall ist. Jede ethnische Gruppe benötigt ihren eigenen Mythos, der mit der Genese des jeweiligen Volkes beginnt und dessen Überleben bis zum Ende aller Tage garantiert. Ohne ein solches mythologisches Narrativ wird die Auflösung der ethnischen Gruppe mit der Zeit selbsterfüllend: Es gibt nichts, das sie zusammenhalten könnte. Wir sehen diesen Auflösungsprozess in unserer heutigen Zeit mit rasanter Geschwindigkeit ablaufen, in unseren Ländern und in unseren ethnischen Gruppen. Im Christentum ist es nicht möglich, dass Menschen germanischer Abstammung (als Volk) eine Beziehung zu Gott haben könnten, wie sie die Juden haben. Germanische (und andere) Völker können lediglich als Individuen eine Beziehung zu Gott haben. Menschen werden mehr als alles andere von Mythen beeinflusst: Mit einem Narrativ, in dem die eigene ethnische Gruppe keine Rolle spielt, wird genau das zwangsläufig auch eintreten (dies ist das Gegenteil von Gruppenselbstvertrauen).

    Jetzt mag es christliche Denker geben, die genau das (Christentum und nicht-jüdische Volksidentität) zusammenbringen – aber in der Bibel steht nichts davon, ja wird sogar abgelehnt.
    Und alles Christliche neigt dazu, mit der Zeit seine Lehrsätze zu überprüfen und zum Kern des Glaubens zurückzukehren – und das ist die Bibel.

  2. In Ergänzung zu den Thesen Walds und im Widerspruch zu R. wäre doch zu untersuchen, wie es die Länder im Südosten und Osten Europas geschafft haben, kulturelle Kontinuität zu erhalten. Insbesondere die orthodoxen Länder Georgien, Bulgarien, Rumänien, Serbien haben unter der Besatzung und Unterdrückung der Osmanen und einem aggressiven Islam gelitten, die Russen unter den muslimischen Tartaren. Danach kamen Jahrzehnten Kommunismus. Und was sehen wir heute? Rückbesinnung auf Religion, Kultur und Nation. Insbesondere die Orthodoxen betonen dabei ihre Volkszugehörigkeit und zugleich die Einheit der orthodoxen Kirchen. Aber auch manch römisch-katholische Nation, insbesondere Polen und Kroatien wissen sehr wohl um ihre Existenz. Matth. 28,18: „Darum gehet hin und lehret alle Völker und taufet sie im Namen des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes.“ Völker werden damit nicht aufgelöst oder relativiert, sie werden aber im Christentum mit einbezogen und erhalten eine Legitimation. Der Gründungsmythos bezieht sich dann häufig auf Apostel oder Heilige. In unserem Fall der heilige Bonifatius übrigens gilt er in der orthodoxen Kirche noch als gemeinsamer Heiliger. Darüber hinaus ist unser Schutzheiliger der selbe, nach dem dieses Projekt benannt ist. Es fehlt also nicht an mythischen Grundlagen lieber R.

  3. Das Christentum des europäischen Mittelalters war ein spezifisch keltisch-germanisches Christentum, die Anweisungen Gregors des Großen befolgend, passten die Missionare ihre Lehre den örtlichen Traditionen an- Ernle Bradford schrieb über die Kreuzritter „Auf ihren Mänteln war das Kreuz des Friedensfürsten, doch in der Hand führten sie den Hammer Thors“.
    Die Christianisierung Europas war kein Bruch, sondern ein kontinuierlicher Vorgang, deshalb konnten die Königreiche der Wikinger, der Westslawen und Ungarn das „fränkische“ Christentum in kurzer Zeit und mit veregleichsweise wenig Widerstand übernehmen. Es ist bezeichnend, dass so viele Angehörige der 68er-Generation die „Herr der Ringe“-Trilogie so mochten, obwohl Tolkien eigentlich alles ablehnte, was die 68er vertraten. Diese Leute hatten so wenig geistigen Bezug zu den heidnischen und christlichen Traditionen Europas, dass sie einfach nicht sehen konnten, dass Tolkiens Werk den Geist der Versöhnung der finnischen, keltischen und germanischen Mythologie mit den Christentum ausatmet. Das Christentum Europas ist es wert, verteidigt zu werden, denn einen anderen gemeinsamen Nenner, der Spanier und Russen, Norweger und Bulgaren unter einem Banner vereinen könnte, sehe ich nicht.

  4. Das Judentum ist die Religion der Juden. Das Christentum hingegen ist nicht die Religion der Deutschen, ist nicht die Religion der Europäer. Es ist die Religion eines jeden, der beitreten will. Und das ist tatsächlich ja überall auf der Welt passiert. Es gibt europäische, amerikanische, australische, asiatische und schwarzafrikanische Christen. Das Christentum ist in seinem Kern universell und egalitär.

    Das grundlegende Problem ist doch folgendes:
    Der mittelalterliche Katholizismus war gut austariert und angereichert mit römischen, germanischen und griechischen Elementen. Die explosive und revolutionäre Botschaft der Evangelien war sicher vor der Öffentlichkeit verwahrt. Geändert wurde das erst durch die protestantische Reformation. Das Christentum wurde auf seinen hebräischen Kern zurückgeführt, und damit wurde auch die explosive und revolutionäre Botschaft der Evangelien freigesetzt. Dieser Prozess wurde von den Puritanern und den Quäkern, die den Atlantik überquerten und Amerika gründeten, fortgesetzt und zu seinem Ende geführt. Und das sind diejenigen Leute, die heute über unsere Zivilisation herrschen. Es gibt mannigfaltige Gründe dafür, warum das Christentum in seiner Spätphase zu einer säkularen Kultur führt.
    Katholizismus und noch mehr das orthodoxe Christentum ist weniger die Botschaft der Evangelien, der Bibel – als vielmehr germanisch-slawisches (heidnisches?) Ritual, Tradition und Hierarchie. Das Problem ist aber, dass die gefährliche Botschaft der Evangelien jederzeit aufgeschlossen, gleichsam wie ein böser Geist aus der Flasche gelassen werden kann.

    Für mich ist klar: Das christliche Europa unser Vorfahren hat vor 200 Jahren die Welt erobert – aber nicht wegen des Christentums, sondern dieses Umstandes zum Trotz.

    • @R.
      Wenn das zuträfe was sie sagen, müssten jene, die die Auflösung aller Bindungen und Traditionen vorantreiben, vor allem besonders gefestigte Protestanten sein, was aber offensichtlich nicht der Fall ist.
      Daher eine Gegenthese: Das Christentum beruhte von Anfang an auf der Integration der Stärken der Kulturen, die es vorfand, angefangen bei Griechen und Römern und fortgesetzt über Kelten und Germanen und anderer. Es hat in diesem Traditionsprozess nicht seine Einhegung, sondern seine Entfaltung gefunden.
      Wäre es so wie Sie behaupten, müsste es zudem z.B. zwischen griechisch und römisch geprägten antiken christlichen Gedanken und Traditionen und jenen des Mittelalters einen radikalen Bruch geben, was aber rückblickend nicht der Fall ist. Zwar nahm das breite Volk im Mittelalters (davor allerdings auch nicht) nicht an theologischen und philosophischen Debatten teil was es schon aus sprachlichen Gründen nicht konnte, aber von einer Verheimlichung der eigentlichen Traditionen des Christentums oder einem Bruch mit seinen antiken Linien währed des Mittelalters kann gar keine Rede sein.

  5. Morbrecht, ich weiß ja nicht, welche Rolle die evangelische Kirche Ihrer Meinung nach in dem Schlamassel spielt, in dem wir uns befinden, aber ich für meinen Teil halte es für keine besonders ruhmreiche…

    Zweiter Punkt: Ich rede ganz einfach von dem germanischen Christentum des Mittelalters, also dem damaligem Katholizismus. Darüber müssen wir doch nicht diskutieren, oder?
    Und dieser verdeckte sehr wohl das, was in den Evangelien steht. Mit Hierarchie, Tradition, Ritual – alles Dinge, die ich schätze.
    Man könnte auch sagen, alle Dinge, die ich am Christentum schätze, sind eigentlich gar nicht christlich, sondern Resultat dieses Vermischungsprozesses. Die wunderbaren Klöster, Kathedralen und Kirchen sind doch auch zu allererst Ausfluss eines europäischen Genius und nicht in erster Linie christlich.
    Der Protestantismus führte das Christentum wieder allein auf die Bibel zurück (sola scriptura). Und wir wissen, was da alles drin steht. Jedenfalls kein Mythos, der mit der Genese unseres Volkes beginnt und dessen Überleben bis zum Ende aller Tage garantiert.

    • @R.:
      Ich bin selbst kein Protestant, aber die entschlossenen Protestanten, die es noch gibt, und die sich v.a. in den Freikirchen finden, sind meist Gegner von Auflösung und Verfall und widersprechen dem öffentlich-rechtlichen Protestantismus in den meisten gesellschaftspolitischen Fragen deutlich. Dieser ist im Grunde eine modern-utopische Ideologie im christlichen Gewand und hat weder mit der Konzentration auf Kerninhalte die Luther wollte noch mit der Tradition etwas zu tun. Den Bruch mit Lehre und Tradition haben leider auch Teile der katholischen Kirche vollzogen, aber das ist nicht überall so. In Polen etwa sieht das ganz anders aus. Die Probleme will ich aber gar nicht bestreiten, glaube aber wegen der existierenden Gegenbeispiele nur, dass sie aus dem Christentum heraus korrigierbar sind und eben nicht wegen, sondern trotz seiner Wurzeln bestehen.
      In den Evangelien kann es davon abgesehen schon aus historischen Gründen noch keine Tradition geben, aber eine Hierarchie gibt es bzw. sie wird hier gestiftet, und auch das Ritual beginnt hier. Die katholische Messe etwa bzw. die Liturgie besteht im Wesentlichen aus Zitaten und Bezügen auf die Evangelien und die Offenbarung des Johannes. Von dort aus gibt es eine ungebrochene Kontinuität der organischen Entwicklung der Tradition bis in die Gegenwart. Der Katholizismus hat dabei übrigens nicht nur griechische, römische, keltische und germanische Impulse integriert und ist dabei stärker geworden, sondern integriert solche Impulse weiter ohne sich dabei zu verlieren, etwa in Bezug auf die Naturwissenschaften in jüngerer Zeit.
      Das Traditionsprinzip bzw. das Prinzip der organischen Entwicklung auf ein transzendentes Ziel hin ist dabei auf jeden Fall Teil des Kerns des katholischen Christentums und von diesem im katholischen Denken nicht zu trennen. Ein Protestant würde das natürlich anders sehen, wie Sie ja auch schon bemerken.
      Was die Genese unseres Volkes angeht, die sie ansprechen: Die hätte ohne Christentum gar nicht stattgefunden, so wie bei den meisten europäischen Völkern, die erst nach bzw. während ihrer Annahme des Christentums entstanden. Im Fall Deutschlands schuf erst das Christentum die kulturelle Klammer, die den verschiedenen Stämmen die nötige Grundlage gab, um zu größeren Gemeinschaften zusammenzuwachsen. Gerade Kritiker des Christentums werfen ihm seine Rolle bei der Ethnogenese der Deutschen ja vor, wenn sie auf mögliche gewaltsame Aspekte davon (die nicht gesicherten Maßnahmen Karls des Großen gegen die Sachen etwa) verweisen.
      Aber es stimmt natürlich, was Sie bzgl. der Abgrenzung zwischen Judentum und Christentum sagen, was den Volksbezug der jeweiligen Religion angeht. Wobei die Tatsache, dass das Judentum mittlerweile das älteste noch bestehende Volk der Welt ist, nicht unbedingt ein Grund ist um die geistigen Wurzeln des Judentums für eine rein fiktive Erzählung zu halten.

      • @R., Morbrecht
        Es gab hier vor einigen Jahren mal rein pragmatische Diskussionen darüber, wie denn eine Religion aussehen müsste, die im Zusammenhang mit der Bewältigung von Krisenzeiten maximalen praktischen Nutzen hätte. Damals gab es auch Anregungen bzw. Fragen, ob man nicht vom Judentum lernen und für die unmittelbare eigene Herkunftsgemeinschaft einen religiösen Gründungsmythos etc. finden könnte. In der Diskussion wurde darauf hingewiesen, dass es solche Versuche seit dem 19. Jahrhundert schon gab, die so einen Mythos aus Mythen, Legenden und Forschung über die Ursprünge der Deutschen konstruieren wollten. Dabei zeigte sich jedoch trotz aller interessanten Ideen, dass sich so etwas eben nicht konstruieren lässt, sondern es wachsen muss. Soweit ich weiss, spielt keiner dieser neureligiösen Versuche in der Gegenwart noch irgendeine relevante Rolle.
        R., Sie hatten auf den „Genius der Deutschen“ hingewiesen. Ist es nicht interessant, dass dieser erst mit der Christianisierung Deutschlands in der Geschichte sichtbar wird? Wahrscheinlich hat das deutsche Volk nicht die gleiche historische Berufung wie das jüdische Volk, aber das bedeutet nicht, dass es nicht auch eine solche Berufung hätte, und sein Beitrag zum Christentum ist ja bedeutsam, worauf Sie ja auch hinweisen. Nun ist dem deutschen Genius eine Neigung zur Hybris manchmal nicht fern, und so waren auch einige der wichtigsten Schöpfer von Auflösungstendenzen mehr oder weniger Teil der deutschen Kultur. Aber das ist noch ein anderes Thema.

  6. Das Prinzip sola scriptura ignoriert die Entstehung der Bibel. Gehen wir nämlich vom Christentum des vierten Jahrhunderts aus, so bestand dort bereits die eine heilige katholische und apostolische Kirche. Diese hat doch erst die Bibel kanonisiert – und zwar aus ihrer Tradition heraus. Und diese bestimmte auch die Liturgien, die zur selben Zeit kanonisiert wurden: Die des Basilios des Großen, des Johannis Chrysostomos und eben die Lateinische. Das ignorieren die Protestanten und allen voran die evangelikalen Christen – leider auch zusehends Katholiken. In diesem Sinne hat Morbrecht Recht, dass diese Tradition keine Brüche erlitten hat und eine Tradition hin zur Transzendenz enthält.
    Das Problem im westlich katholischen Teil lag jedoch darin, dass durch die sprachliche Barriere des Lateins für die Mehrheit einer einst analphabetischen Bevölkerung alles „hocuspocus“ (hoc est corpus) blieb. In den Ostkirchen ist aber diese Transzendenz in der Spiritualität bis heute lebendig – in den NATIONALSPRACHEN. Und in diesen Sprachen steckt nicht nur ein christlicher Fundus, sondern auch Poesie, was unter anderem dazu beitragen mag, dass eben dort Nation und Kirche nicht zu trennen sind. Im übrigen sind die Klöster, wie auch die Hierarchien (wörtl.: heilige Herrschaft – kein laizistischer Begriff!!) weniger Germanisch oder Antik als tatsächlich Produkt der ersten Christen, der sogenannten Wüstenväter.
    Ein frohes Fasten

  7. Ich möchte es so sagen: Über deren Internetauftritt eröffnete sich mir die Möglichkeit, als Deutscher orthodox zu sein. Ich bin jedoch noch nicht persönlich dort gewesen und kenne daher nur Kommentare von anderen Gläubigen und Geistlichen. Zurück bleibt ein gewisses Geschmäckle, was auch auf dem Internetauftritt zu Tage kommt. Ich persönlich freue mich darüber, dass es Mönche gibt, die mit eigenen Händen ein Kloster errichten und die Liturgie in ein schönes Deutsch übersetzen wollen – mit ihrem Choral. Und obwohl ich der letzte bin, der etwas gegen eine Deutschtümelei hat, tümeln sie mir für ein Kloster etwas zu deutsch und wirken zugleich wie Anthroposophen. Jahresbriefe in Fraktur, handschriftliche Notizen in Sütterlin, Ikonen die blond sind mit germanischen Gesichtszügen. Und auf den Fotos die Familiaren, bei denen die Männer Lederhosen mit orthodoxen Bärten tragen, etwas wie junge Studenten in der Selbstfindungsphase wirken oder wie anthroposophische Gartenbaulehrer, und die Frauen aussehen, wie russisch Babuschkas – das hat etwas von einer Sekte und wirkt verschlossen. Zumal Lederhosen nicht zu Niedersachsen gehören. Persönlich werde ich es bei Gelegenheit dennoch besuchen – kanonisch sind sie allemal und ich habe ihnen jetzt schon einiges zu verdanken. Es ist wohl diese Außenwirkung, die sie von den übrigen Orthodoxen etwas isoliert, nebst der Kirchenpolitik. So sollte das Kloster anfangs zum Ökomenischen Patriarchat von Konstantinopel gehören; der Metropolit von Deutschland erhält allerdings Unterstützung durch die katholische Kirche und zwischen den beiden gibt es ein Abkommen, nicht im Wasser des anderen zu fischen. Der Metropolit muss jedoch noch andere Gründe gehabt haben. Es gibt des Weiteren in Hessen die Skite Geilnau (serbisch-deutsch), im brandenburgischen Götschendorf das russische Kloster St. Georg und in München das Kloster Hiob (einst russische Auslanskirche).
    Auf katholischer Seite – hier schon erwähnt – finde ich übrigens das Institut Philipp Neri in Berlin sehr interessant.
    Wer Interesse an der Orthodoxie hat, findet aber immer Gehör, viele Gläubigen teilen, was auf diesen Seiten zu lesen ist, und in einigen großen Städten gibt es überdies deutschsprachige Gemeinden.

  8. @R.

    Sie liegen in Ihrer Einschätzung hinsichtlich der anthropoligischen Position des Christentums in Bezug auf die europäischen, insb. des deutschen Volkes richtig. Auch die Hervorhebung des egalitären Charakters vom Christentum stimmt voll und ganz. Das Problem in Diskussionen mit christlichen Verfechtern ist, dass jene oft nicht merken, dass sie selbst im hohen Maße entwurzelt sind und nach dem Nächsten trachten, was ihnen in den Sinn kommt. Dabei ist das Christentum der geistige Bruder der Europäischen Union, wenn man ein modernes Beispiel mag.

    @PE
    R., Sie hatten auf den „Genius der Deutschen“ hingewiesen. Ist es nicht interessant, dass dieser erst mit der Christianisierung Deutschlands in der Geschichte sichtbar wird?

    Es wäre interessant, wenn es denn stimmen würde. Cum Hoc, Ergo Propter Hoc ist ein Fehlschluss. Das „Geschenk“ der Römer an die Germanen war die Bürokratie und Organisation, sowie die militärische Disziplinierung. Die Ausbreitung des Christentums ist der fanatischen Organisation zu verdanken und nicht einem geistigen Höhenflug. Die Urvölker Europas haben eine tiefgreifendere und fundamentalere geistige Verwurzelung besessen, als das Christentum in der Lage war/ist/sein wird es ihnen zu bescheren. Der Erfolg des Christentums bestand in seinem anfänglichen Misserfolg diese alten geistigen Bestände völlig auszumerzen, trotz der Inkorporierung einiger Traditionen. Doch irgendwann haben die christlichen Dogmen gefruchtet.

    Was kein Fehlschluss ist, ist die Tatsache, dass z.B. der Widerstand gegen die Osmanen oder Verfallserscheinungen immer geringer wurde, je weiter das Christentum gedacht und gelebt wurde. Denn zu später Stunde, konnte nicht mehr so einfach auf die alten traditionellen Reserven zugegriffen werden, die man über jahrhunderte hinweg bekämpft hat. Dieser Umstand lässt sich bereits an den sukzessiven Kreuzzügen nachzeichnen; die einsetzende Dekadenz, die Lethargie, das Verlieren im „freistaatlichen“ Geplänkel.

    Wenn der Fehler im System steckt, helfen auch einige geistliche Stimmen nicht, die nach einer „traditionelleren“ Ausrichtung des Christentums streben. Das Christentum hat im weitesten Sinne keine Tradition. Es assimiliert lokale Bestände. Wie die meisten Religionen, zieht es wie ein missionierender schwarm Heuschrecken von Land zu Land. Nährt sich an den Feldern der Traditionen und löst sich in der Folge selbst auf. Es ist per Definition ein entwurzeltes Glaubenssystem, eingebettet in eine rührende Familienstory – die wie Globalisierung selbst.

    Was dem Islam historisch Einhalt geboten hat, war nicht die beflügelnde Geschichte von Jesus Christi, sondern durchorganisierte Armeen, schwere Reiterei, eiserne Disziplin und überlegene Taktik und Strategie. Und nur weil man den Islam jetzt nutzt, um den noch verbleidenden wehrhaften Europäern Globalismus einzupeitschen, heißt es nicht, dass der Islam durch seine überlegene Geisteshaltung gewinnt und man ihm eine eben so ausgehölte geistliche Haltung entgegensetzen muss. Schließlich würde man auch nicht behaupten, dass das Christentum erfolgreich wäre, würde man nun anfangen, Saudi Arabien mit Bayern zu fluten – „Bratwürste Welcome!“.

    Auch Osteuropa wird oftmals verkehrt als Beispiel für die Wehrhaftigkeit vom Christentum zitiert. Der Sozialismus hat all seine umspannenden Länder in einer kulturellen Zeitkapsel eingefroren. Das Christentum wurde entgegen häufigen Behauptungen durchaus toleriert, wenn man nicht gerade 10m vom Parteibüro entfernt eine Prozession geführt hat. Polen, als ein bekanntes Beispiel, taut nun auf. Das Christentum befindet sich dort stark auf dem Rückzug. Man sagt nein zu Russland und ja zur westlichen Dekadenz. Die Restbestände des „polnischen Katholizismus“ sind nach außen hin Kreuz und Papst, aber in der Praxis alte Traditionen, die mit dem Christentum so viel zu tun haben, wie das iPhone mit technischem Fortschritt. Polen wird im sprint liberaler. Es wird noch eine Weile dauern, bis man es nicht mehr als ein Beispiel für „kulturellen Erhalt“ nutzen kann.
    Ukraine ist ein weiteres, schönes Beispiel. Man hat die Rechten in der Ukraine genutzt, um den Maidan zu befeuern, nur um im Anschluss das Land an den Westen sprichwörtlich zu verkaufen. Jetzt hängen die ukrainischen Nationalisten in der Luft und wundern sich, wieso auf einmal amerikanische Firmenbosse im eigenen Parlament sitzen.

    Die These vom „einfrierenden Sozialismus“ lässt sich deshalb mit der durchaus ironisch zu bewertenden Konzentration von „Rechten“ im Osten unterstreichen, die es laut einiger Historiker nicht geben dürfte und man stattdessen das Phänomen von „gelangweilten und perspektivlosen Jugendlichen nach dem Fall der Mauer“ nimmt, um diesen Umstand zu „erklären“. Doch der Blick in den Osten, Russland, was sehr traditionell und nationalistisch eingestellt ist, und das weniger durch die Orthodoxe Kirche, zeigt noch einmal deutlicher: der Fortbestand von Tradition und nationalen Interessen ist davon abhängig, wo „der Westen“ nicht gewesen ist. Denn auch hier entbehrt es nicht einer gewissen Komik, dass der Sozialismus in diesen Ländern verhindert hat, dass das Christentum sich entwickeln kann, und somit die traditionellen Bestände nicht so einfach „wegtolleriert“ wurden.

    Man möge mir eventuelle Rechtschreibfehler entschuldigen.

  9. Hätte das Judentum ohne das Christentum überlebt?
    Hätte das Christentum seinen Siegeszug ohne den Hellenismus antreten können?

    Hervorragend ist der Hinweis auf Nehemia.
    Auch die Nürnberger Gesetze werden irgendwann kein Tabu mehr sein – Israel sei Dank.

    Noch längst ist der Einfluss des gnostischen Christentums auf die Edda nicht voll ausgelotet.
    Die Edda, die Bibel und die Deutsche Geschichte (ab Heinrich und Otto) bieten fast alles,
    was ein Volk zum Überleben braucht.

    Leider werden gerade in diesen fundamentalen Fragen immer wieder Spaltungen erzeugt.

    Klar ist jedenfalls, dass ein Volk ohne Gott verloren ist.
    Verloren ist ein Volk aber auch ohne Stamm(esreligion).

  10. @ G. Wheat
    Nun, Sie scheinen die Weisheit mit dem Löffel gegessen zu haben.
    Und wenn das Christentum keine Identität besitzt, noch dem Islam etwas entgegen halten kann, was ist dann Ihr Rezept.
    Ich habe den Eindruck, dass sie eine ganz persönliche Antipathie gegen alles Christliche hegen und in allem einen Fehler in selbigem finden. Ihr Beispiel sind die Kreuzzüge, die einhergehend mit den christlichen Dogmen sukzessive abnahmen. Dann sehen Sie darin allerdings einen legitimen Eroberungszug. Was aber war der eigentliche historische Grund und wer ist losgezogen? Wurde nicht aus Byzanz um Hilfe gerufen und waren es nicht Scharen von Analphabeten, die mit einem deus vult eben dieses Byzanz plünderten und damit schwächten? Waren etwa diese Kreuzritter noch starke Europäer?
    Ein anderer Vorwurf, das christliche Verfechter selbst im hohen Maße entwurzelt seien und nach dem Nächsten trachteten, was ihnen in den Sinn komme. Dabei sei das Christentum der geistige Bruder der Europäischen Union, wenn man ein modernes Beispiel mag.
    Ganz ehrlich: Die verwurzelten Katholiken und Orthodoxen, selbst einige wenige Protestanten, die ich kenne, haben eine feste Identität und wissen ganz genau, wo sie stehen. Die Europäische Union gilt ihnen als sozialistischer Mammon, als Quasireligion. Anders ist es bei den Kritikern und Relativierern – zu letzteren scheinen Sie zu gehören. Sie betrachten gemütlich von der Couch alles von Außen. Sie sehen die Caritas, die Diakonie, hören Morslsprüche aus den Amtskirchen und vielleicht haben Sie etwas von der katholischen Soziallehre gelesen. Gut, Punkt an Sie. Aber der ganze Egalitarismus, den Sie anführen, ist genau das Problem, welches im Inneren der Kirchen des Westens diskutiert wird; er ist weltlich. Wovon Sie offensichtlich keine Ahnung haben und was Sie anscheinend eben aus Ihrer relativistischen und materialistischen Argumentation nicht verstehen können, ist die transzendente Seite dieses Glaubens (korrigieren Sie mich, sollte ich irren). Um es vielleicht auf Ihren Geschmack zu bringen: In meinem Garten grabe ich in meiner Heimaterde, rieche am schwarzen Mutterboden und Danke Gott für mein schönes Vaterland. Alles ist durchzogen von der Schöpfung, alles lebt – keine Soziallehre. Wenn wir unsere Feinde lieben sollen, wie unseren Nächsten, dann wird im Original der Begriff des persönlichen Feindes gebraucht, nicht dem auf dem Schlachtfeld. Und selbst wenn es stünde, es ist immer noch die Rede vom Feind. Um solch ein Beispiel zu verwenden, man kann es beim Wort nehmen aber dahinter steckt ein Erkenntnisprozess.
    Nun aber zu Ihnen, ich sprach es oben schon an. Was ist nach allem Relativieren Ihre Lösung der Probleme? Wollen Sie die germanischen oder antiken Götter wieder hervorkramen? Eine neue Religion erfinden? Oder sind Sie einer der hoffnungslosen Neinsager, die zwar klug aber nie konstruktiv in allen möglichen Foren mitdiskutieren.
    Man verzeihe bitte auch mir orthografische Fehler!

  11. I. PE ist zu PSM geworden. Damit hat sich diese Diskusion ins Praktische verlagert. Und das ist ein großer Schritt in die richtige Richtung, ganz gleich wie oft und wie intentsiv diese Diskussion noch geführt werden wird. – Ich halte es zudem für richtig, daß sie geführt wird. Für falsch hielte ich es, wenn man darauf strukturelle Kritik an PSM anknüpft.

    II. Wenn man die die Verbindung zu Kulturerhalt und Christentum untersucht, so stellt sich automatisch die Frage nach der Kausalität:
    1. Ist in besonders starken Zeiten
    a) das Christentum als geistiger Notnagel, als einigendes Band, gestärkt worden, WEIL man sich wehrte oder ist es
    b) selbst die geistig-moralische Ursache des sich Wehrens gewesen?

    2. Und handelte es sich in starken Zeiten überhaupt um
    a) KERNchristliche Zeiten (Chlodwig-Karl der Große ./. Franziskaner) oder
    b) war das Christentum nur ein – wenn auch dick aufgetragener – Anstrich?

    Mit GW und R. ist anzunehmen, daß dies nicht der Fall war.

    III. Gib mir lieber einen guten Plan heute, als einen perfekten morgen, sagte General Patton und hatte recht. So möge das Christentum – wie so häufig zuvor – als Notnagel dienen. In einer deutschen Form, den germanisch-keltischen Unterbau!, den grichisch-römischen Einfluß nicht vergessend und die Schwächen, daß beide nicht kanonisiert sind, im Hinterkopf behaltend, DAMIT man eine Diskussion zur Unzeit mit der Kenntnis dieser Schwäche auch unterbinden kann.

    Das heißt PE geht mit PSM den gleichen historischen Weg (auch wenn die Lage, die Eigenlage, nicht ganz identisch ist).

  12. Selbst wenn das Christentum eine fremde Wüstenreligion ist bzw wäre, die durch eine „feindliche Übernahme“ das Imperium Romanum kaperte und dann als Erbe des Imperium die europäischen Völker jenseits der alten Reichsgrenzen in die mediterrane Gedankenwelt „hineinzog“; selbst wenn man sich immer wieder die zahllosen Fehler und Verbrechen der Kirchen vergegenwärtigt:
    Vor der Christianisierung der Kelten, Germanen und Slawen bildeten diese Völker Reiche und Bünde. Doch waren diese Gebilde von jenen charismatischen Heroen abhängig, diese sie schufen. Meistens zerbrachen sie nach dem Tode jener Männer oder spätestens zwei Generationen später. Arminius wurde von seinen eigenen Verwandten ermordet, Marbod von seinen eigenen Stammesgenossen vertrieben und ihr Werk brach sofort auseinander. Es waren schlicht und einfach keine Strukturen vorhanden, die ihre „Proto-Staaten“ zusammen gehalten hätten. Als Chlodwig sich taufen ließ, bekam er mit dem Klerikern auch Verwaltungsfachleute, Beamte, Diplomaten und Ideologen, welche das Frankenreich zusammenhielten, auch wenn ein Schwächling oder Dummkopf auf den Thron saß, auch wenn sich die Merowinger und Karolinger in Machtkämpfen zerfleischten. Im angelsächsischen England und keltischen Schottland fanden solche Vorgänge statt, später in der Slavia und Skandinavien. Ohne die Christianisierung wären die Ungarn ebenso aus der Geschichte verschwunden wie Hunnen und Awaren; ohne die Orthodoxie wären die Fürsten von Moskau mit dem „Sammeln russischer Erde“ gescheitert. Sogar das lange heidnische Litauerreich bediente sich russischer- christlicher- Vasallen und katholischer Missionare, um eine Administration aufzubauen.
    Ist es nicht ein „Wunder“, dass ausgerechnet jene Sachsen, bei deren Christianisierung so viel Blut vergossen wurde, die fränkische Reichsidee vollendeten? Dass die Christianisierung und endgültige Staatenbildung der Skandinavier und Polen von den Sachsen ausging?
    Selbst WENN die Kreuzzüge nichts mit der Befreiung des Heiligen Landes, dem Schutz der Pilger oder dem Hilfeersuchen Konstantinopels zu tun gehabt hätten: Sie waren schlicht und ergreifend für den inneren Frieden Europas notwendig, denn sie schufen ein Ventil für die überschüssige Energie für die nachgeborenen, erblosen Adels- und Bauernsöhne und Ruhelosen des feudalen Europa.
    Im Übrigen freut mich das hohe Niveau dieser Diskussion und ich hoffe, dass wir uns hier nicht nur einem unterhaltsamen Nischensport hingeben, sondern auch etwas für die praktische Anwendung herauskommt.

  13. @PhilosII

    Ein anderer Vorwurf, das christliche Verfechter selbst im hohen Maße entwurzelt seien und nach dem Nächsten trachteten, was ihnen in den Sinn komme. Dabei sei das Christentum der geistige Bruder der Europäischen Union, wenn man ein modernes Beispiel mag.
    Ganz ehrlich: Die verwurzelten Katholiken und Orthodoxen, selbst einige wenige Protestanten, die ich kenne, haben eine feste Identität und wissen ganz genau, wo sie stehen.

    Ach, mit dieser alten Leier können Sie es nichteinmal mit einer Gruppe unterbelichteter Abiturienten im Vollrausch aufnehmen. Das Christentum ist ein missionierendes Glaubenssystem. So wie Brasilien christlich ist, so ist es theoretisch auch Deutschland. Beide beten zum Kreuz hin. Das eine ist ein Kriegsgebiet, das andere (noch) relativ gegehbar. Mit Ihrer Argumentation, wenn man das überhaupt so nennen darf, können Sie sich in beliebten Talk Shows einfinden, zusammen mit den KulturministerInnen, und vom „richtigen“ Christentum predigen, während letztere ihnen etwas vom „falschen“ Islam erzählen.

    Wovon Sie offensichtlich keine Ahnung haben und was Sie anscheinend eben aus Ihrer relativistischen und materialistischen Argumentation nicht verstehen können, ist die transzendente Seite dieses Glaubens

    Ich bitte Sie! Keiner ist so transzendent wie ich! Nach sechs Gläsern Wein sehe ich Lichter und Zusammenhänge, die nur ich wahrnehmen kann. Ab 2,5 Promille steige ich mit unter Deus Vult! in die Badewanne.

    Um es vielleicht auf Ihren Geschmack zu bringen: In meinem Garten grabe ich in meiner Heimaterde, rieche am schwarzen Mutterboden und Danke Gott für mein schönes Vaterland. Alles ist durchzogen von der Schöpfung, alles lebt – keine Soziallehre. Wenn wir unsere Feinde lieben sollen, wie unseren Nächsten, dann wird im Original der Begriff des persönlichen Feindes gebraucht, nicht dem auf dem Schlachtfeld.

    Das ist Ihre Art des Rituals. Dieses, und den Glauben an das Christentum will Ihnen keiner wegnehmen oder Sie gar lächerlich machen. Aber sobald es den persönlichen Garten verlässt und für mehr gehalten wird als es eigentlich ist, dann müssen Sie mid Widerstand rechnen. Der Glaube an etwas, nicht das Wissen, war immer Bestandteil menschlicher Entwicklungsgeschichte. Ob Religionen, Dogmen, Naturtraditionen oder gar moderne scheintechnokratische Glaubenslehren wie bestimmte Marktmechanismen – alles Teil der gleichen Medaille. Das Problem mit Glaubensströmungen war schon immer, dass Sie abseits ihrer teils positiven Effekte in der Historie (z.B. Einigung etc.) immer eine Tendenz besitzen ad absurdum gedacht und gelebt zu werden.

    Nun, Sie scheinen die Weisheit mit dem Löffel gegessen zu haben.
    Und wenn das Christentum keine Identität besitzt, noch dem Islam etwas entgegen halten kann, was ist dann Ihr Rezept.

    Löffel? Eimer, lieber PhilosII, Eimer. Spaß bei Seite. Ein Problem bei der Entwicklung von mönglichen Ansätzen zur Kulturbewahrung, aber vielmehr zur Krisenbewältigung besteht vor Allem darin, falsche Lösungswege zu entwerten, die auf diesen Prozess viel negativer einwirken als die eigentlichen Verfallserscheinungen, die durch ihre relativ einfache Struktur deutliche Ansätze sichbar werden lassen. Diese „falschen Lösungswege“ sind besonders in Europa durch unsere Geschichte etabliert und haben mögliche Auswege unnötig in Sackgassen und Treibsand geleitet. Die Vielfalt dieser Ansätze reichet von der Politik bis hin in kleinere Personenkreise.
    Nur damit Sie wissen wovon ich rede, ein kleines Beispiel: seit den 50ern ist die Einstellung unter einigen politischen und wirtschaftlichen Eliten in Deutschland verbreitet, dass bedingt durch den Ausgang des zweiten Weltkrieges, Deutschland nur durch eine rein wirtschaftliche Vorherrschaft in einem vereinten Europa überleben kann. Unendlich hat man diese These geritten, ungeachtet dessen, dass dieser Ansatz nicht nur eine kulturelle Auflösung zur Folge hat, sondern auch den Verlust nationalstaatlicher Souveränität bedeutet, den man in Teilen in Kauf nimmt. Leider haben die Vordenker nicht berücksichtigt, dass dieses Konzept irgendwann zwangsläufig zum zersetzenden und unkontrollierbaren Selbstläufer wird, da ein rein wirtschaftlicher Ansatz zur Bewahrung von Macht und Souveränität immer am eigenen Ast sägt.
    Gleiches gilt für Ansätze aus den geistigen Reihen des Christentums, die schon längst gescheitert sind und niemals einen gesamtgesellschaftlichen Nährboden in unserer und vor uns liegener Zeit finden werden. Die Epoche von romantischen Dogmen ist vorbei. Wir befinden uns im Zeitalter von scheintechnokratischen Glaubenssätzen und Individualreligionen. Oder anders ausgedrückt: nur wo die seele Leidet und die Allgemeinbildung gering ist, da haben solche Ansätze durchaus Erfolgschancen. Sobald aber die objektiv wahnehmbare Verbreitung von Bildung und Technisierung zunimmt, so verliert das Christentum seine Deutungshoheit. Dieser simple Zusammenhang ist geräuschlos an den Konservativen vorbeigezogen und man hat sich an Dinge gekrallt und gekreischt, so gleich man verwundert war weshalb keiner sich mehr für Gott begeistern kann. Man hat sich die Deutungshoheit durch die eigene Verborhtheit nehmen lassen. Diese kulturellen Lücken wurden dann mit Idiotie befüllt – alles aus dem Unverständnis heraus, wie Menschen und Gesellschaften funktionieren; eine Blamage für jene, die sich gern nur zu oft ein „realistisches Verständnis von Mensch und Natur“ auf die Fahne schreiben.

    Kurzum: Religion für den Vorgarten? Ja. Religion für kleine Unternehmungen, um eine Grundlage zu schaffen? Religion für Gesellschaften nach dem dritten Welkrieg, in denen nichteinmal Toaster funktionieren? Ja. Religion als kultureller Kompass in technologisch und wissenschaftlichen fortgeschrittenen Gesellschaften im 21. Jahrundert? Nein. Letzteres sind wir zwar nur zu 1/10, aber es reicht als Verwehrung.

    @Attila Varga

    Diese These verliert Ihre Gültigkeit, wenn Sie die Entstehung und Verbreitung des Römischen Reiches „vor Christus“ skizzieren. Es war ein Multi-Kulti Sauladen, der irgendwann, vor seinem Fall, sich etwas was anderes auf die Fahnen geschrieben hat. Was Rom ausgezeichnet hat, und später den Grundstein für moderne europäische Völker gelegt hat, war die fortschrittliche Verwaltung, Organisation und Militarisierung. Der Christliche Glaube hat nur als Deckel gedient, der weitestgehend hätte substituiert werden können.

    • Wheat:
      Das kann man sicherlich so sehen, aber alle Imperien werden irgendwann Mutikulti, wenn sie nur groß genug sind. Der Deckel war aber nicht das Christentum, sondern die Monarchie. Die republikanische Verfassung war geeignet für ein Großitalien+ein paar Nachbargebiete, aber nicht mehr für das Imperium zu Zeiten von Caesar und Augustus. Das Christentum wurde benötigt, weil das Gottkaisertum mit seiner gottgleichen Bürokratie die Bürger dieses Reiches geistig allein ließ. Das Judentum konnte sich nicht durchsetzen, weil es an eine Ethnie gebunden war, der Mithraskult war zu elitär, das Manichäertum zu wenig anziehend, so konnte sich das Christentum durchsetzen (die germanischen, keltischen, thrakischen Götter waren keine Alternative, weil sie einfach mit den olympischen gleichgesetzt wurden). Es war eine gute Wahl, denn die Errungschaften der Antike wurden von der Kirche ins Mittelalter gerettet, weil dazu sonst niemand in der Lage war.
      Sie stehen der Religion offenbar ein wenig skeptisch gegenüber, dies tun viele Leute, doch was schlagen sie als Kompass für das angebrochene Jahrtausend vor?

    • Lieber Wheat,

      „Mit Ihrer Argumentation, wenn man das überhaupt so nennen darf, können Sie sich in beliebten Talk Shows einfinden, zusammen mit den KulturministerInnen, und vom „richtigen“ Christentum predigen, während letztere ihnen etwas vom „falschen“ Islam erzählen“.

      In der Tat ließen sich diese Staatschristen mit ihren Weihnachtsliedersingen und Blockflötenspielen als Abiturient_*_Innen und -eninnen vortrefflich vorführen. Aber wer sich in und mit diesen Redeschaus abgibt, hat längst die Sphären des Denkens verabschiedet und sich dem buntesrepublikanischen Niveau ergeben. Zugleich nutzt eine solche Diskussion nur innerchristlich, da dort dieses eine Vakuum Raum für Idiotie (sic) bereitet hat und zu dessen Behebung m.E. dieses Portal auch steht. Die anderen vacua müssen in den ihrigen Bereichen neu besetzt werden.

      „Das ist Ihre Art des Rituals. Dieses, und den Glauben an das Christentum will Ihnen keiner wegnehmen oder Sie gar lächerlich machen. Aber sobald es den persönlichen Garten verlässt und für mehr gehalten wird als es eigentlich ist, dann müssen Sie mid Widerstand rechnen. Der Glaube an etwas, nicht das Wissen, war immer Bestandteil menschlicher Entwicklungsgeschichte. Ob Religionen, Dogmen, Naturtraditionen oder gar moderne scheintechnokratische Glaubenslehren wie bestimmte Marktmechanismen – alles Teil der gleichen Medaille. Das Problem mit Glaubensströmungen war schon immer, dass Sie abseits ihrer teils positiven Effekte in der Historie (z.B. Einigung etc.) immer eine Tendenz besitzen ad absurdum gedacht und gelebt zu werden“.

      In der Tat haben Sie Recht, dass man mit Widerstand rechnen muss, sobald man seinen Vorgarten verlässt. Aber auch hier ergibt sich Ihr materialistisches Bild. Denn es geht nicht um den spießigen Vorgarten mit Gartenzwergen, ausgerichteten Beetkannten und „Krüppelkoniferen. Es ist der anthropomorphe Raum*, den ich in diesem Beispiel wieder besetze und für mich, meine unmittelbare Umgebung – den Nächsten (Familie, Freunde und Nachbarn) – zurück erobere. Weg vom Vorort, weg von den materiellen Abhängigkeiten und hin zu einer belebten Heimat. Diese ist innerlich geistig, äußerlich drückt sie sich im Raum aus, den man selbst gestaltet. Dieser Raum ist dabei nur im gewissen Maße ein Gegenstück zur (Post-)moderne, er kann auch Ergänzung sein. Dennoch gebe ich Ihnen insgesamt Recht über die unterschiedlichen Glaubenslehren, die Sie vortrefflich – wiedermal – relativieren. Sie schreiben später auch, dass

      …„Die Epoche von romantischen Dogmen […] vorbei (seien). Wir bef(ä)nden uns im Zeitalter von scheintechnokratischen Glaubenssätzen und Individualreligionen.“

      Mein persönlicher Ansatz, lieber Wheat, ist es auch nicht, im Christentum und insbesondere in meiner Confessio, der Orthodoxie, den Heilboden für alle zu finden. Den kann man in keinem Glaubensansatz zu 100 Prozent finden und schon gar nicht im 21. Jh. Lassen Sie es mich so ausdrücken: Gott ist für mich in gewisser Weise eine philosophische Größe, eine personelle Instanz, die m. E. hinter allem Seienden existiert, vom Urknall bis zur Erkenntnis, dass das Leben zwangsweise da entsteht, wo die Voraussetzungen gegeben sind. Hinter dieser Erkenntnis könnte auch eine Göttlichkeit existieren, die aus einer inneren Logik alles schafft, aus der eigenen Existenz – ohne Willen und unpersönlich. Aus ersterer persönlicher Erkenntnis heraus, hat sich mir der Weg zum Christentum erschlossen., der aus den Mysterien heraus im eigentlichen Sinne nicht undogmatisch aber dennoch dogmenlos ist. Darin besteht auch das Recht zu zweifeln, da dieses Zweifeln einem erlaubt, sich weiterzuentwickeln, zu hinterfragen und sich nicht unbedingt allzu ernst zu nehmen. Das bedeutet aber nicht, in irgendeine Beliebigkeit zu verfallen! Gleiches gilt ebenfalls für das Judentum, dessen einer Kern ebenfalls der Zweifel ist, und für den Buddhismus, dessen Spiritualität ebenfalls aus dem Individuum kommt. Ebenso können Sie zu der Ansicht kommen, dass es sich nicht lohnt, zu fragen, was hinter einem Urknall steht oder warum das Weltall nicht beim absoluten Nullpunkt in sich zusammenfällt. Es aber für rein wissenschaftlich erklärbar halten und kein kosmisches Gesetz oder gar einen Willen dahinter sehen wollen bzw. können. Auch das ist eine persönliche Erkenntnis und wenn es Ihre ist, sehe ich mich weder genötigt, noch berechtigt, diese zu ändern.
      Sie folgern dann mit einem typisch atheistischen Argument:

      „Oder anders ausgedrückt: nur wo die seele Leidet und die Allgemeinbildung gering ist, da haben solche Ansätze durchaus Erfolgschancen. Sobald aber die objektiv wahnehmbare Verbreitung von Bildung und Technisierung zunimmt, so verliert das Christentum seine Deutungshoheit“.

      Einem Argument, nachdem geringe Bildung und seelische Mißstände (drei „s“ gehen gar nicht!) nach religiösen Gefühlen riefen. Wenn das Argument auch nicht falsch ist, so ist es auch nicht absolut wahr! Und gerade dieses Argument, dass geringe Bildung oder der gesellschaftliche Zustand nach einem dritten Weltkrieg wieder Platz hätten für Religion führe ich auf die westliche Betrachtung christlicher Geschichte zurück. Eben weil dort die Kirche zur weltlichen Macht griff, alles auf Latein beließ und die ungebildete Bevölkerung ihren Glauben Kraft kirchlicher Autorität aufgedrückt bekam – was auch Platz für Aberglauben ließ. Wenn man von Russland und Rumänien absieht, war dieses in der Ostkirche, wie im Judentum auch, nicht ganz der Fall. Aus dieser Tradition heraus, ließt man nicht nur die Bibel und lässt sich etwas von Autoritäten erzählen, sondern man setzt sich mit den Schriften der Kirchenväter und anderer Geistlicher auseinander – reflektiert und entwickelt sich und sucht Gespräche zur Fortentwicklung. Es führte sogar dazu, dass Bischöfe abgewählt und Priester vertrieben wurden. So gesehen ist das klassische Christentum tiefer gehend, literarischer und hat für jeden nach seinem persönlichen Niveau etwas zu bieten. Aber ich will hier eigentlich gar nicht zu apologetisch werden, noch Sie, lieber Wheat, vom Christentum überzeugen. Ich finde Ihr relativistisches Bild nur etwas zu absolut – nihilistisch. Dazu auch Ihre nächste Aussage:

      „Ein Problem bei der Entwicklung von mönglichen Ansätzen zur Kulturbewahrung, aber vielmehr zur Krisenbewältigung besteht vor Allem darin, falsche Lösungswege zu entwerten, die auf diesen Prozess viel negativer einwirken als die eigentlichen Verfallserscheinungen, die durch ihre relativ einfache Struktur deutliche Ansätze sichbar werden lassen. Diese „falschen Lösungswege“ sind besonders in Europa durch unsere Geschichte etabliert und haben mögliche Auswege unnötig in Sackgassen und Treibsand geleitet. Die Vielfalt dieser Ansätze reichet von der Politik bis hin in kleinere Personenkreise.“

      Also doch die Weisheit mit dem Eimer gemästet!? Ich kann Ihre Argumentation nachvollziehen und bin mir mit ihrem Beispiel der deutschen Nachkriegspolitik dessen durchaus bewusst. Aber wenn man Ihren Ansatz konsequent weiterdenkt, so fordern Sie ein lückenloses und sich nicht widersprechendes Denken. Sowohl in einer historische Aufarbeitung, als auch einer „rationalen“ Zukunft? Gleiches machen doch gegenwärtig die sogenannten „Kulturwissenschaftler“, „Erziehungswissenschaftler“ und zu Teilen Sozial- und Politikwissenschaftler auch. Das Problem, sie setzen normativ an, in dem sie von einem in sich widerspruchslosen Menschen ausgehen, der völlig aufgeklärt ist. Sie pädagogisieren, setzen Kinder und Schüler einem Leistungsverständnis aus, dass sich nicht aus dem Denken und den Erkenntnisprozessen ergibt, sondern dem bloßen Verstehen fassbarer, nicht sinnlicher, Dinge. Hier frisst der Relativismus die eigenen Kinder. Denn ich bin der festen Überzeugung, dass es diesen Menschen nur in den Utopien der Linken – und da zähle ich auch den Nationalsozialismus zu – geben kann. Der Mensch, wie er ist, bleibt widersprüchlich, unkontrollierbar und am Ende auf sich zurückgeworfen.

      „Dieser simple Zusammenhang ist geräuschlos an den Konservativen vorbeigezogen und man hat sich an Dinge gekrallt und gekreischt, so gleich man verwundert war weshalb keiner sich mehr für Gott begeistern kann. Man hat sich die Deutungshoheit durch die eigene Verborhtheit nehmen lassen. Diese kulturellen Lücken wurden dann mit Idiotie befüllt – alles aus dem Unverständnis heraus, wie Menschen und Gesellschaften funktionieren; eine Blamage für jene, die sich gern nur zu oft ein „realistisches Verständnis von Mensch und Natur“ auf die Fahne schreiben.“

      D’accord. Der populäre Konservativismus a la CDU, Republikaner … der Nachkriegszeit hat sich lediglich „erhalten“ können, da er sich im Windschatten des Kalten Krieges befand. Komischerweise widersprechen Sie meiner Argumentation in keiner Weise, wenn Sie schreiben, dass die Lücken, die der Konservativismus hinterließ, mit Idiotie gefüllt wurden; Marx, Bedford-Strohm & Co. lassen grüßen! Dieser Relativismus kam von Links und nährte sich mit dem Scheitern der Elterngeneration, die eben diesem holen Konservativismus anhing. Indem Sie aber, lieber Wheat, selbst alles relativieren, tragen Sie zum Werk der Kulturzerstörung mit bei. Zumindest dann, wenn Sie Ihre durchaus berechtigten Einsprüche verabsolutieren.
      Ich freue mich schon auf weitere Beiträge!

      * R. P. Sieferle: Finis Germania. Schnellroda 2017. S. 51 ff.

  14. @Attila Varga
    Sie stehen der Religion offenbar ein wenig skeptisch gegenüber,

    Bitte reduzieren Sie mein Geschriebenes nicht auf emotionale Skepsis. Religion im Allgemeinen und Glaube im engeren Sinne, ist ein Modus Operandi unserer Natur. In vielfältiger Form, Ausdehnung und Tiefe. Der Glaube an eine Marke Schokoriegel ist vom Prinzip her gleich mit dem Glauben an etwas anderes – es ist ein Glaube. Eine Annahme, die gute Gefühle spendet und Komplexität reduziert. Etwas was als Maßstab dienen kann. Je nach Zeit und Mensch unterschiedlich. Der eine fühlt es, braucht es, der andere nicht und greift lieber zu Keksen. Das Christentum ist, wie jede andere Religion auch, Bestandteil unserer Geschichte, aber keine philosophische Wahrheit, die man als gegeben hinnehmen muss. Dass jenes aber durchaus Fakten in Form von gesellschaftlichen Strukturen und Handlungen, ist etwas Anderes. Oder in der Analogie, die Sie nicht böswillig gemeint ist: wenn ein Irrer Stimmen hört und daraufhin jemanden Umbringt, sind die Stimmen, trotz geschaffener Fakten deshalb nicht echt.

    Sie stehen der Religion offenbar ein wenig skeptisch gegenüber, dies tun viele Leute, doch was schlagen sie als Kompass für das angebrochene Jahrtausend vor?

    Zur Beantwortung dieser allgemeinen Frage müsste man einen hunderttausend schweren Magnus Opus in den Kommentarbereich gießen. Aber eines kann ich Ihnen sagen: das Christentum oder vergleichbare Religionen, als Kompass für ganze Gesellschaften, die ungeachtet der Verfallserscheinungen, sich trotzdem in einem gewissen Maß in eine positive Richtung entwickelt haben, ist nicht tragbar. Ab einer bestimmten Entwicklungsstufe von Zivilisationen, verändert sich die Form vom „Glauben“. Weg von ritualisierten, lokalen, „rudelartigen“ und sich nur schleichen veränderten Kontexten, hin zu überregionalen, sich schnell entwickelnden Kontexten und Routinen und Informationsmengen. Das was Kultur und Identität darstellt, bedarf nun anderer Struktur, ohne auf alle alten und bewährten Ideen verzichten zu müssen. Religionen, wie das Christentum, haben schlichtweg als Trägerrakete ausgedient, es sei denn man findet lokale Kontexte hervor, die von dem Vorwärtsdrang der Masse entfernt ist.

    P.S.: Es gab Versuche im angelsächsischen Raum, mit einer Art „iChrist“ bzw. „E-Religion“ in diese Kerbe zu schlagen. Sehr Amüsant und der Lektüre wert.

    • Lieber Wheat,
      dass das Christentum als Trägerrakete ausgedient hat, bezweifele ich. Wenn ihre Aussage wäre, der Katholizismus in jener Form, wie sie der erste und hoffentlich letzte Jesuitenpapst, Wölki und Marx predigen,hat ausgedient, so würde ich ihnen recht geben.
      Ihre Argumentation, wenn ich diese richtig verstanden habe, scheint auf die Vernunft des Menschen zu bauen, aber Hand aufs Herz, wie vernünftig und klug ist denn der Mensch? Schauen sie sich doch in ihrem eigenen Umfeld um. Wir manipulieren unseren Nächsten und werden manipuliert, es hat schon seinen Grund, wenn die Kirche die Menschen als Schäfchen=Schafe bezeichnet.
      Alles was in den letzten Jahrhunderten im Abendland die Kirche ersetzen sollte, hat sich als Ersatzreligion herausgestellt und ist bereits gescheitert (Kommunismus, Okkultismus, neuheidnischer Faschismus,der republikanische Staatskult der französischen Revolution usw) oder ist gerade am Scheitern (die Anbetung des Konsums, CO2-Religion, Genderideologie usw,).
      Der Glaube ist immer dann über sich hinausgewachsen, wenn die Gesellschaft und die Kirche völlig am Boden lagen. Erst dann hat er seinen edlen Kern entdeckt, erst aus der Krise konnte er neue Kraftreserven schöpfen, denn dafür ist GLAUBE da, da erweist sich seine Überlegenheit gegenüber dem WISSEN. Dafür freilich geht es dem Westen noch nicht schlecht genug, aber keine Angst, es wird schon…
      Darüber hinaus gibst es Leute, die wirklich glauben und zu diesen gehöre auch ich. Sie mögen es für angeborene Dummheit halten, eine Folge übermäßigen Alkoholgenusses oder die mangelnde Versorgung des Gehirns mit Nährstoffen, aber ich kanns nicht ändern und will es auch nicht.
      Ob Sie oder PhilosII und ich recht haben, entscheidet nicht unsere anregende Diskussion, sondern der Gang der Geschichte. Und ich fürchte, wir werden es bald genug herausfinden.

  15. @ GW

    1. „Der Glaube an eine Marke Schokoriegel ist vom Prinzip her gleich mit dem Glauben an etwas anderes – es ist ein Glaube. Eine Annahme, die gute Gefühle spendet und Komplexität reduziert.“ Diese Aussage ist – hoffentlich und vermutlich – weit unter Ihrem eigenen Niveau.
    Eine Annahme ist, schon gar keine Zweifels-„default“-Entscheidung kein Glaube auf und an Tatsachen. Ein göttliches Prinzip, sei es als irdisches oder als rein-geistiges Grundprinzip verstnanden, ist von eiskalten Materialisten (im Wissenschaftlichen wie Einstein oder Heisenberg) angnommen worden.
    Zu behaupten, daß ein solches Prinzip existieren könne, bedarf nun weitaus weniger „wissenschaftlicher Dreistigkeit“ als dessen konsequenter Negation aus Mangel an Beweisen.
    Ein Indizienprozess gewinnt JEDE empirisch aufzeigbare Religion gegen jede Form des Atheismus. Selbst schlechte Hörensagenzeugen sind noch besser als – NICHTS.

    2. „Bitte reduzieren Sie mein Geschriebenes nicht auf emotionale Skepsis.“ Nein. Das sicher nicht, obwohl auch ich vermute, daß Emotionales die Ursache für die Verweigerung einer simplen geistigen Übung halte. Nämlich statt Reduzierung von Komplexität, die reduzierung des Umgangs mit dem ungewissen. Damit können selbst Höchstbegabte zum Teil nicht umgehen. Würde ich in einem echten Intelligenztest aufnehmen. Sie verwenden eine „Skepsis“ die keine ist. Weil sie eben eine negierende Aussage tätigen und damit eben wiederum eine machen. Und diese wiederum der behaupteten Skepsis nicht unterziehen. Es gibt kein Beweis für Aussage A. Daraus folgt nicht, daß Aussage A unwahr ist, noch viel weniger, daß deswegen Aussage B = Nicht-A stimmt. Denn Aussage B ist ja ebenfalls unbewiesen. Daraus müßte bei Anwendung der gleichen Vorgehensweise folgen daß B unwahr ist und deswegen A=Nicht-B stimmt.
    Dieser Schluß ist genauso „einfältig“ wie der Umgang mit dem Ungewissen „zweifältig“ also „zweifelnd“ ist. Sie zweifeln nicht. Sie glauben. Bloß eben daran, daß es es nichts geben könne, was nicht eindeutig identifiziert und damit ungewiß ist.

    Ich habe noch keinen Gottesbeweis gesehen. Noch viel weniger einen Gegenbeweis oder Beweis des Gegenteils. Ganz im Gegenteil ist dies wohl praktisch ausgeschlossen, wenn nicht sogar theoretisch. Hingegen gibt es unzählbare Hinweise, die sich sehr wohl deuten lassen, wenn auch keinswegs zwingend.

    Mit Verlaub, aus dem überaus seltenen experiementellen „Beweis“ gängiger Hypothesen und Theorien, Naturgesetze genannt, und ist deren Gültigkeit im Ansatz noch nicht bewiesen. So könnte man eben auch mit Ihrer „Skepsis“ behaupten, daß das alles zwingend falsch ist, weil es ja nicht letztbewiesen ist.
    Und das dürfte wohl auch eher zutreffen. Kein „Naturgesetz“, das bisher nicht der Regel gehorcht, daß das Neuere Recht das Ältere verdrängt. Nach der Art wie Naturgesetze bestimmt werden, kann man das „Hyper-Naturgesetz“ formulieren, daß alle Naturgesetze einer Relativität unterliegen und auf Dauer keinen Bestand haben. Fangen wir mal mit der Evolutions-Arbeitshypothese an. Da bleibt doch schon heute kein Stein mehr auf dem anderen.

    Also kurz: Ich vermute, Sie haben sich verschrieben: Sie meinten wohl Sepsis. Da hilft ein Schluck aus der Pulle zur inneren Desinfektion natürlich!

    In einem bin ich bei meinem Gottesbild aber auf Ihrer Seite: Praktisch fliegt man auf dem Mond. Für etwas Weltliches zu beten ist nicht nur deutlich unwahrscheinlicher in der Erfolgsaussicht, sondern hat auch durchaus ein innerreligiöses Geschmäckle: Wer ist denn nun der Lenker dieser weltlichen Welt? Ist das nicht im christlichen Quellcode durch Jesu Versuchung sehr deutlich dokumentiert?

    Nun, wer nicht zweifeln kann, ist zum primitiven Glauben – auch an das Nichts – verurteilt.

  16. @ G.Wheat
    Der wissenschaftlich, technische Fortschritt: Ja, in ein paar Jahren/Jahrzehnten wird es Marsmissionen geben, die Gentechnik wird „Wunder“ vollbringen, Roboter werden uns umgeben, vielleicht wird der Jungbrunnen erfunden. All das wird stattfinden. Und dennoch bezweifle ich, dass wir „in einer Welt des wissenschaftlich technischen Fortschrittes“ leben werden. Das @PE bzw. PSM geht wohl auch von einer künftigen Regression allgemeiner Bildung und Kultur aus. Nicht nur, dass Analphabeten nach Europa strömen (und in den Herkunftskontinenten zu Hauf nachwachsen); auch die Bildung der Europäer selbst befindet sich auf einer abschüssigen Ebene. Und selbst, wenn die Massen mit den Segnungen der Technik täglich verkehren und umgehen werden, bedeutet das keineswegs, dass diese Massen Teil des Fortschrittes und des zugehörigen Denkens und Wissens werden. Bislang ist es weitgehend gelungen, „die Leute mitzunehmen“ (um diesen Politsprech zu nutzen). Aber wird das weiterhin so sein? Der Einsatz der Melkmaschine, die zum Melkschemel ein technischer Fortschritt ist, erfordert weder eine intelligentere Rinderherde, noch zieht ihr Einsatz eine Intelligenzförderung bei den Rindern nach sich. Die Technologie virtueller Welten, die Technik außerterrestrischer Weltraumfahrten oder die Impfung gegen Nierensteine wird von der verdummenden Masse allenfalls unreflektiert bestaunt und konsumiert werden.
    Will sagen: Ihre Annahme, dass Glaube und Religion im Zuge einer rasant fortschreitenden wissenschaftlich-technischen Entwicklung an Bedeutung verlieren werden, eine weitere Marginalisierung erleben werden, teile ich angesichts von Tribalisierung und Bildungsverfall nicht. Die Formen werden sich ändern, die Intensität wird sich steigern. Szenarien, in denen Prozessionen auf europäischen Straßen nicht lediglich traditionell geliebte Gepflogenheiten sind, sondern breit angelegter devoter inbrünstiger Kult wird, sind nicht auszuschließen. – Soweit meine pessimistische Variante.

  17. @Hartwig

    Ich habe zu keinem Zeitpunkt behauptet, dass Deutschland oder vergleichbare Bürohallen, sich als Ganzes Entwickeln. Deshalb die Relativierung, dass wir es nur bis zu 1/10 sind und sein werden. Gesellschaften im Wandel hin zur Globalisierung fragmentieren sich. Nicht nur kulturell spalten sich die Gemüter. Auch wirtschaftlich und in der Teilhabe an objektiv guter technologischer Entwicklung. Die Hauptprofiteure neuer Technik und Wissenschaft sind jene, die sich bereits jetzt an Volkskörpern nähren; nicht nur Wohlstand ist ungleich verteilt, bzw. geraubt. Die übrigen Sägespäne rieseln auf den „Rest“ in Form von digitalen Ampeln, iPhones und internetfähiger Waschmaschine nieder. Damit will ich zum Ausdruck bringen, dass wir uns nicht nur in einem kulturellen und wirtschaftlichen Verteilungskampf befinden, sondern auch in einem Kampf um Technologie. Dieser ist vom Stellenwert her genauso wichtig, wie die Bekämpfung von Verfallserscheinungen, da wir mit zunehmender Technisierung proportional von ihr abhängiger werden (müssen). Umso wichtiger, dass wir diesen Kampf führen, statt puritanischem Verzicht und Rückschritt in das analoge Dasein. Das ist jedoch eine falsche Debatte für dieses Forum bzw. PE.

    Hinsichlich der Tribalisierung gebe ich Ihnen recht, aber damit haben Sie sich schon die implizierte Frage selbst beantwortet; Stammeskühe und Dorffeuer, aber keine Gesellschaften zu Jerusalem. Diese Tribalisierung findet übrigens nicht nur in der „Dummen Masse“ statt. Auch „elitäre“ Zirkel praktizieren vermehrt Rituale in kleinen Kreisen, weil man sich von den vielen Neu-Millionären angewidert fühlt; mal ist es Satan, mal die prähistorische Diät, mal eine Gruppe ukrainischer Edelhuren oder einfach die klassische „we’re the champions“-Party im mit Arschlochbildern beschmückten Atelier eines modernen Künstlers. Wir Deutschen müssen noch viel lernen, wenn man sieht, wie devot der Schäuble den Kissinger auf einer Rahmenkonferenz mal wieder anrollt, vergelichbar mit dem lüsternen Zusteuern einer alten Dame mit Rollator auf den Wochenmarkt.

    @Heiligen drei Könige (Attila Varga, Exmeyer, PhilosII)

    Bitte, liebe Herren, ziehen Sie die Diskussion nicht von einem lockeren anthropoligischen Gespräch in Richtung einer eventuellen Klärung vom Gottesbeweis – in einer Kommentarbereich einer Webseite! Mir ist durchaus bewusst, dass meine Paragraphen wie Febreze im Hornissennest wirken, aber sie müssen sich etwas beherrschen und sich an das erinnern, was ich hier öfters an meine Kommentare anhänge: keiner will Ihnen Ihren persönlichen Glauben nehmen. Wenn ich das Christentum, bzw. Religionen im klassischen Sinne, kritisiere, dann meistens aus einer strikten politisch-anthropologischen Perspektive. Vermischen Sie deshalb nicht ihre persönlichen Ansichten mit dieser Kategorie.
    Das Christentum hat als gesellschaftsleitender Köper in einer fortgeschrittenen Zivilisation nichts zu suchen. Bevor hier wieder alle den Zaun einrennen: nein, wir sind nicht „so“ fortgeschritten und man kann oftmals auch die Zivilisation nicht in dem erkennen, was uns umgibt, aber das bedeutet nicht, dass man an alten Krankheiten, vormals Segen, feshalten muss, weil sie unsere Geschichte gekreuzt hat. Das hat weder Etwas mit Materialismus oder Nihilismus zu tun, auch wenn ich mich nicht zu keinem der beiden Begriffe zähle. Wir stehen vor praktischen Herausforderungen, die mit Philosophie und Religion so viel zu tun hat, wie iPhones mit technischem Fortschritt. Wenn PE das Christentum in ein für das Unterfangen praktisches Mittel umfunktioniert, habe ich keinerlei Einwände. Wenn man nun aber anfängt, das Christentum als Lösung für globale und gesamtgesellschaftliche Probleme heranzuziehen, die völlig andere Entstehungshintergründe besitzen und entsprechend andere Lösungen auf dieser Ebene erfordern, dass ist das realitätsfremd. Globale Prozesse und anthropologische Fakten lassen sich eben nicht damit vereinfachen, in dem man alles mit dem Rückgang von Religion in den Gemütern zu erklären versucht. Damit ist man grandios gescheitert. Auch das „System“ wird irgendwann grandios scheiten, aber ich garantiere Ihnen, nicht wegen einer geistlichen Rückeroberung der Welt.

    P.S.: @exmeyer
    Es gibt kein Beweis für Aussage A. Daraus folgt nicht, daß Aussage A unwahr ist
    Heißt im Umkehrschluss nicht, dass man auf Grundlage A handeln darf, gerade weil man sie weder widerlegen noch beweisen kann. Somit eröffnet sich die Frage, wie A überhaupt bekannt ist. Deshalb sollte A dort bleiben, wo sie entstanden ist: im eigenen Kopf. Weiterhin: wenn A nur entstehen kann, wenn man über A unterrichtet worden ist, dann ist auch die Subjektivität von A anzuzweifeln. Oder anders ausgedrückt: Werkzeuge und Feuer sind z.T. unabhängig „entstanden“, aber A nicht entstehen konnte, solange die Hornissen nicht mit Raumduft über den Kontinent gejagt worden sind und mit ihren lästigen Stacheln andere solange belästigt haben, bis man von A überzeugt war.

    • Lieber Wheat,
      zunächst mal danke für die Inthronisierung, aber ein gut bezahlter Verwaltungsposten tut´s auch. Mittlerweile haben wir ein Stadium erreicht, in den wir wie die Bevölkerung von Konstantinopel über philosophische Spitzfindigkeiten streiten, während die Osmanen vor den Mauern ihre Frühstucksköfte anrichten.
      Wie bei Diskussionen dieser Art üblich, werden wir Sie genausowenig von unserer Meinung überzeugen, wie Sie uns gekrönte Häupter. Da sie ebensowenig wie wir über eine garantiert wirksame Strategie verfügen, werden wie halt abwarten müssen, was der September 2017 mit sich bringt.

  18. Sehr interessante Debatte. Es führt in der Tat weiter, das Christentum in den jeweiligen historischen Bezügen zu sehen.

    @ R. hat sich ja von allen Lesern wohl am meisten auf den Inhalt des Hauptartikels bezogen, und zwar mit sehr starken Argumenten.
    Das Judentum stabilisiert ein bestimmtes („auserwähltes“) Volk.
    Das Christentum stabilisiert (im günstigsten) Fall eine Region, ja einen ganzen Kulturkreis, und zwar in Abgrenzung, ja Ausgrenzung(!) von den (Noch-)Heiden. (Dass dem neuzeitlichen Christentum diese Abgrenzung nicht mehr gelingt, macht seine besondere Schwäche aus.)

    Die von @PhilosII und @ Morbrecht vorgetragenen Hinweise auf die kulturschaffende, verbindende und staatserhaltende Wirkung des mittelalterlichen Christentums sind zwar auch richtig, doch muss man sich bewusst machen, dass das damalige Christentum eben weit weniger Religion im spirituellen und modernen Sinne war als vielmehr bloß die herrschende ideologisch-politische Doktrin.
    Die geistigen Inhalte des Christentums bzw. des Evangeliums, die ja wirklich teilweise geradezu „explosiv und revolutionär“ waren (vgl. @ R.), wurden zwar von den Gnostikern der Spätantike, den Katharern und Franziskanern des Hochmittelalters, einem Jan Hus des Spätmittelalters oder einem Martin Luther der Renaissance erkannt und in den Vordergrund gestellt, spielten aber für die Festigung von Staaten und Kulturen nur eine ganz untergeordnete Rolle.
    Man sprach im Mittelalter in Quellen auch nicht so sehr von „Christentum“ als vielmehr von der „Kirche“ (ecclesia). Die revolutionären Inhalte blieben eher verborgen.

    Heute sind die Menschen wiederum so aufgeklärt und rational – in etwa so wie @ G. Wheat – dass das Religiöse an sich bereits als Zumutung betrachtet wird. Ein Anknüpfen an die vorgegebenen Dogmen und die Machtkirche des Mittelalters oder der frühen Neuzeit ist daher heute unrealistisch. Das Vorgeben eines Kultes gelingt nicht mehr! Nebenbei bewahrt uns das immerhin vor einer größeren Zahl von Proselyten, denn ein Glauben an den Koran und Allah ist ja für moderne Menschen eine mindestens ebenso große geistige Zumutung!

    Auch die Gedanken von @ Attila Varga zur gelungenen Synthese vorchristlicher und christlicher Traditionen sind natürlich richtig – und doch hilft uns das heute nicht großartig weiter.
    Die im Mittelalter gelungene Synthese vollzog sich ja im Schutz der Machtkirche(!) und war lediglich eine Art taktisches Zugeständnis der überlegenen Leitideologie an unterworfene Kulturen.
    Eine Erneuerung der Machtkirche ist heute wiederum unrealistisch, weil die Mächtigen ihrer nicht mehr bedürfen … !

    Möchte nur am Rande bemerken, dass ich persönlich sehr wohl glaube, dass es ein „Mehr“ und eine spirituelle Realität gibt – doch ist sie leider modernen Menschen nicht mehr mit den Worten, Begriffen und Bildern der Antike zu vermitteln.

    Zurück zum Ursprungsgedanken von Projekt Sankt Michael: Man kommt leider schwerlich um die Erkenntnis herum, dass gerade ein „tief verstandenes“ Christentum starke universalistische Tendenzen hat und sich nicht sonderlich gut zur Stabilisierung eines ganz bestimmten Landes eignet. Und die von Wald herausgearbeiteten förderlichen Bewusstseinsinhalte jüdischer Eliten sind nun überdies im (christlichen) Westen extrem selten …

    Andererseits sehen wir, wie gut und erfolgreich sich das universalistisch orientierte Kirchenchristentum des Mittelalters und der frühen Neuzeit dennoch für die Einigung und Festigung Europas gegenüber den feindlich gesinnten anderen Kulturräumen eignete – insbesondere gegenüber dem Islam.
    Ich denke, man sollte in diese Richtung weiterdenken und die Vernetzung mit ähnlich gesinnten christlichen Gruppen in ganz Europa suchen und verstärken. Insbesondere müsste hierbei die theologische Abgrenzung gegenüber dem Islam und das Herausarbeiten der theologischen und geistigen UNVEREINBARKEIT mit ihm forciert werden. Damit ließe sich im besten Fall zwar nicht das eigene Land als ethnisch-kulturelle Größe stabilisieren, aber immerhin der eigene europäische Kulturraum.
    Natürlich würde ein solches Vorhaben all jene in den Kirchen zu Gegnern machen, die den heute üblichen prinzipienlosen globalistischen Universalismus pflegen. Ich denke aber man könnte sehr wohl einen noch stärkeren theologischen Keil zwischen die globalistische Linkschristen und die Traditionschristen treiben.

    Das Hauptproblem bleibt jedoch die Religionsferne der Massen.
    Daher wiederhole ich eine hier schon früher vorgetragene Äußerung: Das Christentum wird für die Masse der Gegenwartseuropäer wirklich erst dann wieder interessant und als Alternative denkbar, wenn im Sinne einer zweiten Reformation ein ganz erheblicher Teil theologischen Ballastes entsorgt oder in moderne Sprache und Denkweise transformiert worden ist.
    Das ist es, was uns fehlt: eine Art neuer Martin Luther!

  19. @Waldgänger
    Das Vorgeben eines Kultes gelingt nicht mehr!

    Im Gegenteil, werter Waldgänger. Wie ich bereits erörtert habe, sind Kulte und Religionen außerhalb des bekannten theistischen Spektrums vorhanden. Diese formen sich aus dem grundlegenden Zug des Menschen: dem Glauben and Etwas. Eine wissenschaftliche Trennung zwischen z.B. der katholischen Kirche und einem auf Glaubenssätzen basierten Wirtschaftssystem, welches wir heute vorfinden, existiert nicht. Die heutigen Priester reden deshalb vom unendlichen Wachstum statt seelischer Erlösung. Aus Habem Papam wird Jährliche Prognose der Wirtschaftsweisen. Diese vereinfachte Analogie vermag man auf den ersten Blick belächeln, aber auf einem wissenschaftlichen Grundniveau sind z.B. Wirtschaftssysteme, Politik oder gar andere Bereiche oftmals nichts anderes als institutionalisierte Dogmen und Kulte, die auf einer Überzeugung und einem Glauben an Etwas beruhen.

    Es ist ganz wichtig, diesen Umstand zu begreifen. Das Christentum und viele unserer alten Normen mögen zwar gewichen sein, aber sie wurden mit eben neuen, vergleichbaren, Strukturen ersetzt. Rituale existieren immernoch, ganz besonders auf dem Individuallevel von Menschen. Aus dem Krichengang kann somit ein ritualisierter Gang zu Starbucks werden, mit Implikationen hinsichtlich des „Richtig-Machens“ und des „Dazu-Gehörens“, sowie die anschließende signalisierte Außenwirkung (z.B. Selfies auf Instagram vom besagten Starbucksaufenthalt). So absurd es klingen mag, auch der Black Friday ein Ritual im Westen.

    Sogar Wissenschaftler, wenn man sie oft überhaupt so nennen darf, begreifen diesen Zusammenhang nicht. Vom Zeitalter der Gesellschaften umspannenden Großreligionen hin zu schnelllebigen Trends/Mikroreligionen/Gruppenkulten. Der Glaube ist nicht mit dem Abgang des Christentums verschwunden, nein, er ist nur anders strukturiert. Deshalb kann man auch nicht die Aussage treffen, dass ein Religions-Vakuum herrscht. Diese vom Christentum und anderen normen hinterlassenen Lücken wurden mit neuen ersetzt. Politische Auswirkung: dieser einfache Zusammenhang war und ist durch den Großteil der Konservativen nicht nicht wahrnehmungsfähig, was eine sehr lange Zeit dazu geführt hat, den Rückgang vom Christentum zu lamentieren, während sich unter den eigenen Füßen bereits neue Glaubenssysteme ausgebreitet haben. Man ist immernoch geistig zu versteinert, um von den alten Begrifflichkeiten und Denkweisen wegzukommen; ohne Religion, gibt es keinen Glauben, ohne Diktator keine Diktatur, ohne Waffen keine Waffengewalt, ohne Pille mehr Kinder, ohne Arbeitslosengeld kein Sozialismus, ohne Mietwohnung keine Lärmbelästigung, ohne Hitler auf dem Lehrplan keine Propaganda in den Schulen usw..
    Diese fulminante Dummheit und Inkompetenz, die einem darwinistischen Weltwunder gleicht, ist, was uns am meisten geschadet hat, weit vor irgendwelchen globalistischen Bestrebungen seitens der „Freidenker“.

    • @ G. Wheat

      Ich stimme Ihnen zu.
      Meine Äußerung bezog sich auch nur auf theistische Kulte; diese sind heute nicht mehr ohne Weiteres implementierbar.

      ……………

      Nachträge:
      Den von mir oben erwähnten „neuen Martin Luther“ wirds natürlich sobald nicht geben.

      Das Tragische ist, dass wir in Deutschland und in Europa außerhalb der Kirchen nichts haben, was eine Art geistig-moralisches Fundament darstellen könnte – doch dieses „Fundament ist eben sehr schwach und es wird von den heute Mächtigen auch gezielt weiter geschjwächt und ins eigene Konzept einbgebaut.
      Von daher soll in den heutigen Kirchen – egal welche – auch gar kein freier unabhängiger geist mehr hochkommen. Gleichzeitig werden die Massen mit „Opium fürs Volk“ (d.h. materieller Konsum, Sex, Unterhaltung) versorgt, in Abhänguigkeit gebracht und so den Religionen entzogen.

      • Lieber Waldgänger,
        wenn sie bei „Deutschland und Europa“ das westliche Europa meinen, so haben sie völlig recht. In Polen geht ohne die Kirche allerdings gar nichts, im Dritten Rom hat die Orthodoxie am Hofe Putins in etwa die Rolle wie einst im Zweiten. In Ungarn waren direkt nach der Wende die Kirchen am Sonntag praktisch leer, in den letzten Jahren werden die Gottesdienste immer besser besucht von Angehörigen aller Generationen; die Bischöfe von Szeged und Veszprém griffen den Papst wegen dessen Migrationspolitik offen an.In der Slowakei,Kroatien, Rumänien, Serbien und Bulgarien sind die nationalen Bewegungen untrennbar mit der Kirche verbunden.Vielleicht müssen die Osteuropäer dem bestehenden Weltwirtschaftssystem und ihren lokalen Oligarchen-Handlangern dafür danken, dass sie bei „Privatisierung“ nach 1989 derart ausgeraubt wurden, dass sich der materielle Konsum in überschaubaren Grenzen hielt…
        Auch in dieser Hinsicht ist Europa tief gespalten:Im wohlhabenden Nordwesten sind die katholische, evangelische und anglikanische Kirche Teil des „fortschrittlichen“ Mainstreams geworden; die katholischen Kirchen der Mittelmeerländer sind regelrecht verseucht.
        In Osteuropa ging die Vermehrungsrate ebenfalls zurück, auch wenn es in Ungarn und einigen anderen Ländern nach einer Trendwende aussieht, doch käme dort kein Kirchenmann oder ernstzunehmender Politiker auf die Idee, die „Lücken“ mit aggressiven, anpassungsunwilligen Fremden zu stopfen.

  20. Typen wie G Wheat hat es zu Zeiten europäischer Gläubigkeit gegeben, es gibt sie jetzt und wird sie weiterhin geben. Der Grund für den Disput hier: Er verwechselt die individuelle mit der kollektiven Lebensdimension, die nebeneinander bestehen.

    Und er versteht nicht, dass natürlich die „vornehme Heuchelei“ immer im Spiel war und auch weiter sein wird: Wenn ich mir als quasi „aristokratischer“ Freidenker das Recht rausnehme, Agnostiker zu sein, heißt das nicht, dass ich den Glauben als für das übrige Volk als nützlich und achtenswert halte. Ich kann alles Mögliche tun, aber ich werde Lieschen Müller und ihrem Otto Normalverbraucher meine blasphemischen „Eskapaden“ nicht unter die Nase reiben, aus Respekt vor ihr und dem Glauben meines Volkes.

    • Lieber Graurabe, auch wir uns traditionalistisch gebenden Christen agieren häufig nicht anders als G Wheat und meinen, erst einmal die eigenen Reihen ideologisch festigen zu müssen, bevor wir uns der externen Bedrohung zuwenden. Dies müssen wir alle; Gläubige, Agnostiker, Preußenbegeisterte, Neuheiden uswusw.; uns abschminken- sonst hängen wir eines Tages in schöner, wenn auch später Eintracht gemeinsam am Baukrahn.

      • @Attila Varga: Erinnert an das Schicksal von Byzanz, wo man angeblich noch 1453 darüber diskutierte, wieviele Engel auf eine Stecknadel passen. Hätten sie nur daran gedacht, wieviele Griechenköpfe wohl auf die Zinnen ihrer Stadt passen… Uns zur Lehre.

  21. Leider nicht nur angeblich. Große Teile der byzantinischen Eliten waren Verräter (einige machten im Osmanischen Reich weiter Karriere) oder einfach nur bescheuert- eine Situation, die uns nicht unbekannt sein dürfte.

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