Voraussetzungen kultureller Kontinuität – Jüdische Erfahrungen (Teil 1): Die Qualität der Eliten

Ambrogio Lorenzetti - Allegorie der guten Regierung (Wikimedia Commons/gemeinfrei)

Für das „Jewish People Police Institute“ (JPPI) der „Jewish Agency for Israel“ hat der Historiker Shalom Salomon Wald vor einiger Zeit unter dem Titel „Rise and Decline of Civilizations – Lessons for the Jewish People“ eine Studie über die Voraussetzungen langfristiger kultureller Kontinuität erstellt. Einige seiner Erkenntnisse sind auch in Zusammenhang mit unserem Vorhaben relevant, weshalb in den kommenden Tagen hier eine Serie mit entsprechenden Beiträgen erscheinen wird. Im ersten Teil widmen wir uns der Qualität der Eliten und den Anforderungen guter politischer Führung als Voraussetzung kultureller Kontinuität.

Allgemein kann man in diesem Zusammenhang von den im jüdischen Kontext geführten Diskussionen einiges lernen:

  • Im Judentum ist schon aus historischen Gründen das Bewusstsein dafür, dass der langfristige Fortbestand von Kulturen eine seltene Ausnahme darstellt, deutlich stärker ausgeprägt als in anderen Kulturen.
  • Aus dem Bewusstsein heraus, das Kulturen auch enden können und damit das unter großen Opfern erbrachte Werk vieler Generationen dauerhaft zerstört wäre, wird im Judentum allgemein sorgsamer mit dem eigenen Erbe umgegangen. Dies äußert sich auch darin, dass die strategische Auseinandersetzung mit Herausforderungen für den Fortbestand der eigenen Kultur im jüdischen Kontext deutlicher verbreiteter ist als etwa im postchristlichen Europa.
  • Ebenso ist das Bewusstsein für die Bedeutung der Religion als Identitätskern von Kulturen hier besonders ausgeprägt. In diesem Zusammenhang pflegen auch nicht gläubige bzw. säkulare Juden häufig jüdische religiöse Praxis.

Walds Studie hat in diesem Zusammenhang vor dem Hintergrund der Frage, wie der Fortbestand und die weitere kulturelle Entwicklung des Judentums dauerhaft sichergestellt werden können, u.a. vorhandene Thesen zum Aufstieg und Niedergang von Kulturen ausgewertet.

Wald versteht Geschichte dabei nicht als sekundäre Wirkung materieller Vorgänge, sondern als das Werk von Personen, die aus der Bindung an ein transzendentes Ziel besondere Kraft und Fähigkeiten entfalten und damit Gemeinschaften von Menschen auf dieses Ziel hin ausrichten konnten. Fortbestand und Entwicklung einer Kultur würden somit auch davon abhängen, ob solche Personen bzw. kulturelle Eliten in ausreichendem Maße und ausreichender Qualität zur Verfügung stehen.

In der Geschichte des Judentums macht er die folgenden positiven Eigenschaften bei den Persönlichkeiten aus, die auch in Krisensituationen einen Fortbestand der eigenen Kultur ermöglichten:

  • Glaube im Sinne einer persönlich erfahrenen Bindung an das Transzendente und Identifikation mit der aus dieser Bindung heraus gewachsenen Kultur;
  • Überzeugung, dass die Zukunft der eigenen Kultur ein langfristig orientiertes, entschlossenes Handeln erfordere;
  • Wahrnehmung eines entsprechenden Auftrags und des Willens, der eigenen Kultur zu dienen und sie zu schützen;
  • Mut und die Bereitschaft, bei der Ausführung dieses Auftrags Risiken und Nachteile in Kauf zu nehmen;
  • Integrität im Sinne einer asketischen Haltung und eines geringen Interesses an materiellen Dingen oder persönlichen materiellen Vorteilen;
  • Kulturelle und religiöse Bildung;
  • Ausgeprägte Kenntnis der politischen und geistig-kulturellen Lage des eigenen Umfelds;
  • Charisma im Sinne der Fähigkeit Menschen für ein gemeinsames Ziel und einen entsprechenden Auftrag zu begeistern und zu einen.

Wald betrachtet die im Alten Testament vorgestellte Person des Nehemia als Archetyp des Trägers jener Eigenschaften, die kulturtragende Eliten benötigen würden, um ihrer Aufgabe nachzukommen.

Die von ihm identifizierten Eigenschaften ermöglichen es nicht nur, die Qualität von Führung zu messen, sondern auch, Menschen gezielt in eine entsprechende Richtung zu entwickeln.

Teile von Walds Studie erscheinen dazu geeignet, um auch in einem christlich-abendländischen Kontext als Grundlage für eine Strategie kultureller Kontinuität zu dienen. Weitere Erkenntnisse Walds werden in den kommenden Tagen vorgestellt werden. (ts)