David Engels: Das Ende des Westens und die kommenden Verwerfungen

Thomas Cole - The Course of Empire - Destruction (Wikimedia Commons/gemeinfrei)

Der in Brüssel lehrende Althistoriker David Engels ist vor allem durch sein Werk „Auf dem Weg ins Imperium“ bekannt geworden, in dem er Parallelen zwischen bestimmten Phasen der römischen Geschichte und der aktuellen Entwicklung Europas aufzeigt und vor gravierenden Verwerfungen warnt. In der gedruckten Ausgabe des „Cicero“ (Ausgabe November 2016) fasste er seine Thesen zu den Auflösungsprozessen, die europäisch-geprägte Gesellschaften zunehmend kennzeichnen, zusammen.

Die existentielle Krise des Westens

Wenn Engels vom „Westen“ spricht, meint er die auf Säkularismus, Materialismus, Individualismus und Universalismus beruhende Kultur, welche die USA und die Europäische Union der Gegenwart prägt. Diese Kultur stehe Engels zufolge vor ihre Ende. Was im relativistischen Sprachgebrauch als „Transformation“ dargestellt werde, sei tatsächlich ein Ausdruck von „Niedergang, Selbstaufgabe, Auflösung oder gar Untergang“.

  • Der Westen stehe vor einer „fast endlosen Liste der Herausforderungen“, denen er sich zu stellen habe, „wenn er nicht den völligen inneren Zusammenbruch risikieren will“. Engels nennt u.a. die Krisen des Wirtschaftsmodells und Finanzsystems, die demographische Krise sowie Massenzuwanderung als Beispiele für existentielle Herausforderungen. Diese Krise des Westens erschöpfe sich jedoch nicht in materiell messbaren Phänomenen, sondern betreffe vor allem Fragen von „Sinn und Identität“.
  • Es mangele dem Westen vor allem an einer „positiven Identität“. Es finde eine „zunehmende Reduzierung kultureller Vielfalt auf die globale Zivilisation amerikanischen Zuschnitts“ statt. Das „Festhalten am Eigenen“ werde dabei zunehmend mit „Intoleranz, Nationalismus oder gar Extremisus gleichgesetzt“. Das westliche Modell könne daher niemanden mehr integrieren, sondern stelle die Menschen in seinem Einflussbereich vor die Wahl „entweder zur Selbstaufgabe oder zur Bildung unversöhnlicher Parallelgesellschaften“. In Folge dessen breite sich die „als Multikulturalismus missverstandene orientalische Gesellschaftsform des Gettos“ in Europa aus. Aus dieser Lage müsse „früher oder später ein Wettbewerb der verschiedenen Bevölkerungsgruppen um die Dominanz über die anderen entwickeln“.
  • Der Laizismus des Westens habe zudem „die Grundvoraussetzungen für das Absterben des Christentums“ im westlichen Raum geschaffen und damit die kulturelle Grundlage entsprechender Gesellschaften zunehmend beseitigt.
  • Mit der „vollständigen Relativierung der Geschlechterrollen“ und der „Leugnung der Mutterschaft“ habe das westliche Modell auf eine weitere Weise seine eigenen kulturellen Grundlagen angegriffen, was sich etwa in der demographischen Entwicklung auswirke. Die dahinter stehende Ideologie beruhe zudem auf einer falschen Darstellung der abendländischen Geschichte, da das Abendland mit seinem „ritterlichen Ideal und der Marienverehrung“ seit dem Mittelalter von einer „überaus großen Wertschätzung der Frau gekennzeichnet war“.
  • Zudem greife das westliche Modell seine eigene Geschichte an. Europaweit sei festzustellen, „dass der Stolz auf das eigene Wesen von Jahr zu Jahr ab- und die Betonung der historischen Verbrechen zunimmt“. Alles Vergangene gelte als „bestenfalls rückständig“ und werde „in den Leitmedien der modernen Massenkultur routinemäßig der Lächerlichkeit preisgegeben“. Eine „pathologische Selbstkritik“ dieser Art führe zu einer „gefährlichen Moralisierung jeglicher politischer Entscheidungsfindung“ und fördere eine „Kultur des permanenten Beleidigtseins real oder imaginär verfolgter Randgruppen“.
  • Postdemokratische Bestrebungen politischer Eliten würden gleichzeitig zu einer Entmachtung des Bürgers bzw. „zum Niedergang der politischen Beteiligung des Volkes und zum Aufstieg einer keinen Gruppe von Berufspolitikern führen“.

Die Unabwendbarkeit der Katastrophe

Eine erfolgreiche Bewältigung dieser sich gegenseitig verstärkenden Entwicklungen sei mittweilerweile unwahrscheinlich geworden. Die Krise werde daher mittelfristig in einen katastrophalen Zusammenbruch übergehen.

  • Der „drohende Zusammenbruch“ werde dabei allgemein „schlichtweg ignoriert“ und das Aufschieben der eigentlichen erforderlichen Entscheidungen als Ausdruck von Besonnenheit und Staatskunst dargestellt.
  • Insgesamt sei an die Stelle des alten „faustischen Dranges“ Europas „ein bis zum Selbsthass gehender Überdruss getreten, der viele Bürger die nahende Auflösung nicht nur fatalistisch akzeptieren, sondern sogar unter Vorspiegelung moralisierender Eigenkritik bejahen“ lassen.
  • Die „historische Verwurzelung unserer eigenen Kultur“ sei zudem „in den beiden letzten Generationen in solchem Maße unterbrochen worden, dass an ein inneres, organisches Anknüpfen an die Vergangenheit kaum mehr zu denken ist“. Es finde ein „sich rapide verdichtender materieller wie ideeller Zusammenbruch“ westlicher Gesellschaften statt.

Die kommenden Verwerfungen

Diese Entwicklung könne mittelfristig zunächst in Gewalt und Bürgerkrieg und anschließend in einem neuen, autoritären System zur Wiederherstellung von Recht und Ordnung münden. Es werde „ein trauriger Westen“ sein, „der sich aus der Asche unserer heutigen Welt erheben wird“.

Auf die Thesen und Argumente von Engels, die er in seinem Werk „Auf dem Weg ins Imperium“ vorbringt, wird hier bald noch näher eingegangen werden. (ts)