Glaube und Ethos: Gerechter Zorn im Christentum

Giotto di Bondone - Jesus vertreibt die Händler aus dem Tempel (Wikimedia Commons/gemeinfrei)

Der Philosoph Marc Jongen sieht in einem Mangel an „Thymos-Spannung“, d.h. in einem Mangel an Zorn gegen bestimmte Mißstände und Fehlentwicklungen, einen wesentliche Ursache von Auflösungserscheinungen europäischer Gesellschaften. Was Zorn angeht, so können jedoch sowohl Mangel als auch Überfluss destruktive Folgen haben. Das Christentum hat in diesem Zusammenhang das Konzept des „gerechten Zorns“ geschaffen, das beide Extreme vermeidet und als ethische Grundlage für die Auseinandersetzung mit den Herausforderungen und Verwerfungen geeignet ist, denen Christentum in Europa gegenübersteht.

Gerechter Zorn

Gerechter Zorn nach christlichem Verständnis führt zu leidenschaftlichem Einsatz gegen das, was das Richtige und Gute bedroht. Er stärkt die Entschlossenheit, gegen das nicht zu Duldende zu kämpfen und hilft, entsprechende Widerstände zu überwinden.

Wie bei allen Leidenschaften kommt es auch bei der Bewertung des Zorns darauf an, auf welches Ziel er hingeordnet wird. Er kann abhängig davon sowohl gute und edle Taten fördern als auch einen Ansatzpunkt für das Böse darstellen.

Gerechter Zorn hat die folgenden Eigenschaften:

  • Er richtet sich gegen eine Verletzung der Ordnung Gottes, gegen das Böse und gegen das Unrecht und strebt nach Korrektur eines Misstands sowie nach der Bewahrung oder Herstellung von Gerechtigkeit.
  • Er dient nicht den Interessen des Individuums, sondern bewirkt im Gegenteil, dass diese zurückgestellt werden und Risiken eingegangen werden.
  • Er führt zu einer das Unrecht oder den Mißstand korrigierenden, im Sinne von Wirksamkeit im Ziel angemessenen Handlung, und nicht zu zielloser Empörung oder bloßem Aktionismus.

Der hl. Thomas von Aquin hat sich ausführlich mit dem Zorn bzw. dem gerechten Zorn auseinandergesetzt. Er sah in der Abwesenheit von Zorn gegenüber dem Bösen eine Verfehlung, weil das Böse durch mangels Zorn ausbleibenden Widerstand gefördert werde. Eine grundsätzliche Abwesenheit oder Unterdrückung von Zorn im Angesicht von Unrecht kann dementsprechend eine Verweigerung des Dienstes an Gott und dem Nächsten nach sich ziehen und sich dabei moralisch als Ausdruck von Tugend (etwa als Friedfertigkeit) tarnen, wobei es sich tatsächlich aber nur um Feigheit handelt.

Gerechter Zorn steht nicht im Widerspruch zum Dienst am Nächsten bzw. zur Nächstenliebe, da das Gegenteil von Liebe Gleichgültigkeit ist. Wer aus Angst zu werten gerechten Zorn vermeidet, ist auch nicht zur Nächstenliebe fähig.

Gerechter Zorn als Eigenschaft Gottes

Gerechter Zorn ist eine Eigenschaft Gottes, die im Alten Testamtent besonders betont wird, aber auch im Neuen Testament erwähnt wird. Gott antwortet darauf auf einige Verfehlungen des Menschen.

Jesus Christus handelte etwa aus gerechtem Zorn, als er die Händler und Geldwechsler aus dem Tempel in Jerusalem vertrieb. Jesus Christus reagierte zudem mit „Zorn und Trauer“ auf das Unverständnis, das ihm die Phärisäer entgegenbrachten.

Abgrenzung zu falschem Zorn

Moralisch falscher, blinder Zorn wird weder durch die Vernunft noch durch Demut und Nächstenliebe kontrolliert. Er beschränkt sich auf ein Streben danach, Schaden für einen anderen Menschen zu erzeugen, etwa in Form von Rache, ohne das hierdurch darüber hinaus etwas Gutes bewirkt wird, etwa eine Korrektur von Fehlverhalten oder eine Beseitigigung eines Mißstands. Diese Art von Zorn kann zu schweren Verfehlungen führen und ist zudem Ausdruck von innerer Schwäche und Unordnung sowie eines Mangels an Haltung und Disziplin.

Es stellt eine Versuchung für Christen dar, egoistischen und ungeordneten Zorn für gerecht zu erklären. Im Epheserbrief heisst es, dass Zorn nicht zu Verfehlungen führen solle. Eine ähnliche Aufforderung findet sich in den Psalmen.

Gerechter Zorn in der Philosophie der Antike

In der Philosophie Platons, deren Gedanken später über dem Umweg der Werke seines Schülers Aristoteles von der christlichen Theologie und Philosophie aufgegriffen wurden, gilt der Zorn (Thymos) neben dem Logos (Vernunft) und dem Eros (Begehren) als eine der drei grundlegenden Eigenschaften der menschlichen Seele.

Platon beschreibt Thymos als charakterliche Voraussetzung des im schützenden Dienst am Gemeinwesen stehenden Mannes. Diesem Mann verleihe ein durch den Verstand kontrollierter Thymos Tapferkeit, Entschlossenheit und das Streben nach Gerechtigkeit.  In den Werken Homers, etwa in den Beschreibungen des Achilles in der Ilias, ist Thymos die Kraft, die den Helden in seinem Kampf antreibt und ihm Tapferkeit gibt, die in ihn aber auch überwältigen, in ihm Destruktives freisetzen und ihn zu blinder Grausamkeit führen kann. (ts)