Frankreich: Die Krisenwahrnehmung geistiger Eliten

Rembrandt - Das Gastmahl des Belsazar (Wikimedia Commons/gemeinfrei)

Ein aktueller Beitrag in der „New York Times“ stellt die in Teilen der geistigen Elite Frankreichs über die weltanschaulichen Lager hinweg verbreitete Wahrnehmung vor, dass das Land und seine Gesellschaft sich in einem kulturellen Auflösungsprozess befinden würden. Diese als „Déclinisme“ bezeichnete Wahrnehmung stützt sich nicht mehr nur auf christliche und konservative Denker wie in der Vergangenheit, sondern umfasst mittlerweile auch liberale und progressive Stimmen.

Gerade letzere rücken dabei offenbar zunehmend von ihrer früheren Annahme ab, dass vorwiegend materielle oder ökonomische Faktoren diese Auflösungsprozesse bestimmen würden. Statt dessen wird die Bedeutung geistiger (etwa weltanschaulicher und religiöser) Faktoren stärker anerkannt. Islambezogene Herausforderungen und die Schwäche der säkularen Gesellschaft und des laizistischen Staates, angemessen auf diese zu antworten, stehen dabei häufig im Mittelpunkt der Betrachtungen.

Auch die Wahrnehmung dessen, was aufgelöst wird und zu bewahren wäre, scheint zunehmend auch von säkularen Autoren religiös oder zumindest unter Einschluss einer religiösen Komponente definiert zu werden. Islambezogene Herausforderungen scheinen in diesem Zusammenhang positive Nebenwirkungen zu haben, weil sie zum Einen die Aufmerksamkeit auf sonst weniger direkt sichtbar werdende kulturelle Auflösungsprozesse westlicher Gesellschaften richten; und zum Anderen, weil sie das Bewusstsein für die eigentlichen,  geistigen Triebkräfte des Geschehens schärfen. (ts)