Migration und die Zukunft Europas: Katholische Impulse

Das christliche Europa - Ausschnitt aus dem Genter Altar (Wikimedia Commons/gemeinfrei)

Auf Grundlage der katholischen Naturrechts- und Soziallehre ist es möglich, Antworten  auf existentielle Herausforderungen für Deutschland und Europa im Sinne des Gemeinwohls zu formulieren. Dazu gehört auch die Herausforderung durch Migration.

Entsprechende Impulse sind jedoch in den vergangenen Jahrzehnten in der öffentlichen Debatte gegenüber aktivistisch-utopischen Gegenentwürfen in den Hintergrund getreten.  In diesem Beitrag sollen daher jene Stimmen hervorgehoben werden, die in Migrationsfragen gemessen an den zu beobachtenden Entwicklungen realistischere Positionen auf der Grundlage der Soziallehre vertreten haben.

Diese Stimmen sind wichtig, weil sie deutlich machen, dass die katholische Kirche auch was die Herausforderung durch Migration angeht unverändert über eine geistige Grundlage und das Potenzial verfügt, um den existenziellen Herausforderungen der Gegenwart zu begegnen und sie zu überwinden. Es ist keine andere Institution erkennbar, die dies leisten könnte.

Die katholische Soziallehre über die gemeinwohlorientierte Gestaltung von Migration

Die Position der katholischen Soziallehre zur verantwortlichen Gestaltung von Migration geht zurück auf den hl. Thomas von Aquin, der als bedeutendste Philosoph unter den Kirchenlehrern mit seinem im 13. Jhd. entstandenen Werk u.a. die Soziallehre wesentlich mitbegründet hat. Der Umgang mit Fremden sei ihm zufolge nach den Erfordernissen des Gemeinwohl zu gestalten. Fremden, die als Reisende auftreten und sich an das Gesetz halten, sei Gastfreundschaft zu gewähren. Fremde, die sich dauerhaft niederlassen wollten, müssten sich kulturell assimilieren, damit ihre Präsenz nicht im Widerspruch zum Gemeinwohl stehe, und damit sie zu diesem einen Beitrag leisten könnten. Eine Präsenz von Fremden, die mit Bedrohungen für die Sicherheit eines Gemeinwesens verbunden sei, schade dem Gemeinwohl und sei daher abzulehnen.

Auf diesen Gedanken beruht die im Katechismus der Katholischen Kirche festgehaltene Position der Soziallehre, der zufolge ein Gemeinwesen nach seinen Möglichkeiten auch Fremden in Not helfen solle. Ein Migrant habe als Gast jedoch auch Verpflichtungen gegenüber seinen Gastgebern, etwa „das materielle und geistige Erbe seines Gastlandes dankbar zu achten, dessen Gesetzen zu gehorchen und die Lasten mit zu tragen.“

Johannes Paul II sagte in diesem Zusammenhang, dass Staaten sittlich verantwortlich seien, eine “Kontrolle der Zuwanderungsströme unter Berücksichtigung der Erfordernisse des Gemeinwohls durchzuführen. Die Aufnahme muß immer unter Einhaltung der Gesetze erfolgen und daher, wenn nötig, mit der Ausschaltung von Mißbräuchen einhergehen.“ Es müsse zudem das „besondere kulturelle Erbe jeder Nation bewahrt werden“.

Sonstige katholische Stimmen über die verantwortungsbewusste Gestaltung von Migration

Zahlreiche katholische Stimmen haben sich in der jüngeren Vergangenheit auf der Grundlage der katholischen Soziallehre und vor dem Hintergrund der aktuellen Herausforderungen über die verantwortungsbewusste, gemeinwohlorientierte Gestaltung von Migration geäußert.

  • Papst Franziskus: Er bekräftigte, dass Staaten das Recht hätten, ihre Grenzen zu schützen, und das dies insbesondere für Staaten gelte, die durch Terroristen bedroht würden. Die Voraussetzung für Frieden unter den Völkern sei die Achtung der eigenen Identität ebenso wie die Achtung Identität von Fremden sei. Im Mai 2016 warnte Franziskus davor, Grenzen auf irrationale Weise für Migranten zu öffnen. Im November 2014 sagte Franziskus vor dem Europaparlament, dass es Aufgabe der Regierungen Europas sei, „die europäische Identität zu bewahren“, und dass Migration nur dann gelingen könne wenn sie dieser Aufgabe nachkämen. Er sprach sich zudem dafür aus, irreguläre Migration zu unterbinden, „wenn die Zahlen untragbar werden“. Eine legitime Aufnahmegrenze sei erreicht, wenn eine „Gefahr der Nichtintegration“ bestehe. Es sei legitim, wenn sich europäische Staaten die Frage stellen, ob es genügend Kapazitäten gebe, um irreguläre Migranten aufzunehmen.
  • Benedikt XVI.: Dem inneren Absterben der tragenden seelischen Kräfte Europas, das im Zuge der Durchsetzung säkularer Ideologien mittlerweile von „als pathologisch zu bezeichnenden Selbsthass“ geprägt sei, entspräche es, „dass auch ethnisch Europa auf dem Weg der Verabschiedung begriffen“ erscheine. Es gäbe in Europa eine „seltsame Unlust an der Zukunft.“ Ein Gemeinwesen könne „ohne Richtpunkte des Eigenen nicht bestehen“.
  • Peter Kardinal Turkson: Der Präfekt des Dikasteriums für die ganzheitliche Entwicklung des Menschen, das sich als päpstliche Behörde auch mit Migrationsfragen befasst, warnte im Kontext mit ungesteuerter Migration nach Europa vor Konflikten, die hierdurch erzeugt und verstärkt werden können.
  • Pietro Kardinal Parolin: Der im Vatikan für dessen politische und diplomatische Aktivitäten tätige Kardinal bezeichnete Migration als Herausforderung für das geistliche und kulturelle Erbe Europas.
  • Kurt Kardinal Koch: Bezüglich der Präsenz des Islam in Europa dürfe es keine Blauäugigkeit geben, insbesondere was die Aggressivität des Islam angehe. Es sei auffällig, dass sich vor allem das linke Spektrum für islamische Interessen einsetze, obwohl islamische Überzeugungen oft im Widerspruch zu linker Weltanschauung stehen würden. Europa könne die Begegnung mit dem Islam nur dann bestehen, wenn es zu seinen christlichen Wurzeln zurückfände.
  • Georg Gänswein (Erzbischof und Privatsekretär von Papst Benedikt XVI.): Es gäbe Islamisierungsversuche, die eine Gefahr für die Identität Europas darstellen und nicht weggeredet werden dürften. Papst Benedikt XVI. habe in seiner islamkritischen  Regensburger Rede dem entgegenwirken wollen.
  • Christoph Schönborn (Erzbischof/Wien): Nachdem frühere Versuche der islamischen Eroberung Mitteleuropas abgewendet wurden, deute sich nun ein neuer Eroberungsversuch an. Europa sei dabei, sein christliches Erbe zu verspielen und habe kein geistliches Rüstzeug mehr, um der Herausforderung durch den Islam zu begegnen.
  • Rudolf Voderholzer (Bischof/Regensburg): Der Islam beruhe auf Negation der  Kerninhalte des Christentums. Nur wer das Christentum nicht kenne oder nicht ernst nehme, könne eine Integration des Islams in Europa für möglich halten.
  • Andreas Laun (Weihbischof/Salzburg): Es sei angesichts von zunehmender islambezogener Gewalt in Europa ein wehrhafteres Christentum vonnöten, „in dem Sinne, dass Christen aufhören, den Islam schönzureden oder so zu tun, als ob der Islam eine friedliebende Religion wäre“.
  • Kurt Krenn (Bischof/St. Pölten): Es drohe eine Islamisierung Europas. Der Islam könne in seiner vitalen und aggressiven Art nicht mit dem Christentum in Europa zu einer politischen Einheit zusammenfinden.
  • Stefan Oster (Bischof/Passau): Das Verhalten und Auftreten von Islamvertretern im Zusammenhang mit Terrorismus und anderen islambezogenen Problemen werfe grundsätzliche Fragen bzgl. des Verhältnisses des Islams zu anderen Religionen auf.
  • Karl Wallner (Rektor der Philosophisch-Theologischen Hochschule Benedikt XVI. Heiligenkreuz): Nach Anschlägen muslimischer Migranten kritisierte er die Beschwörung von „Werten“ in den Reaktionen darauf: „Unter ‚Werten‘ versteht man dabei einen orientierungslosen Tolerantismus, der hedonistisch, identitätsvergessen und daher schwach ist. […] Eine Beschwörung von genau jenen ‚Werten‘, die der eigentliche Grund für diese ungeheure Destabilisierung Europas sind, ist das, was uns am allerwenigsten in eine friedliche Zukunft hilft.“
  • Robert Spaemann (katholischer Philosoph):  Kultureller Pluralismus könne eine  historisch begründete Gegebenheit sein, solle aber aus ethischen Gründen kein politisches Ziel darstellen, weil er Konfliktpotential vergrößere. Das katholische Christentum unterscheide im Rahmen des Gedankens der „Ordo Amoris“ in ethischen Fragen nach dem Grad der Nähe, wo aus praktischen Gründen nicht alle Menschen gleich behandelt werden könnten.
  • Frantisek Radkovsky (Bischof/Pilsen): Multikulturalismus führe zu Identitätsverlust in Europa, und islamische Zuwanderung habe in diesem Zusammenhang negative Folgen. In diesem Zusammenhang sprach er auch von einem Aussterben Europas in Folge einer negativen Haltung zu  Familie und Kindern.
  • Raymond Burke (em. Kardinal und Erzbischof sowie Kardinalpatron des Malteserordens): Sorgen vor Islamisierungstendenzen seien angesichts der Lage begründet. Der Islam strebe politische Herrschaft an, und der wachsende Anteil von Muslimen in westlichen Gesellschaften sei in diesem Zusammenhang ein Problem. Westliche Gesellschaften müssten diesen Tendenzen durch Wiederanbindung an ihre christlichen Wurzeln begegnen.
  • Antonio Cañizares Llovera (Erzbischof/Valencia): Die seit 2015 laufende Migrationswelle stelle eine „Invasion der Einwanderer“ dar, die sich als „trojanisches Pferd“ erweisen könnten.
  • Bechara Boutros Rai (Kardinal): Die laufende Welle islamischer Migration nach Europa seien Teil der Expansion dieser Religion. Durch die Kombination von Migration sowie höheren Geburtenraten und stärkerer religiöser Bindung bei Muslimen drohe eine Islamisierung Europas.
  • László Kiss-Rigó (Bischof/Szegedin-Tschanad, Ungarn): Die seit 2015 laufende Migrationswelle aus dem Nahen Osten sei eine „Invasion“ und stelle eine Bedrohung für das Christentum in Europa dar.
  • Jean-Clément Jeanbart (Erzbischof der Melkitischen Griechisch-Katholischen Kirche. Aleppo): Teile der Kirche in Europa seien im Umgang mit dem Islam zu sehr der politischen Korrektheit verpflichtet. Die voraussetzungslose Aufnahme muslimischer Migranten werde für Europa noch gravierende Folgen haben. Anschläge wie die in Paris gäben einen Ausblick auf das, was Europa noch bevorstehe.
  • Bashar Warda (Erzbischof/Erbil, Irak): Es sei verständlich, dass angesichts der Bedrohung durch Terrorismus Menschen in Europa Sorgen bzgl. muslimischer Migranten empfänden.
  • Carlo Liberati (Erzbischof und em. Prälat/Pompei, Italien): Islamische Zuwanderung, demographische Entwicklung und Säkularismus drohten, Italien zu einem nichtchristlichen Land werden zu lassen. Migration in der gegenwärtigen Form schade zudem dem Gemeinwohl.
  • Samir Khalil Samir (Jesuit und Professor am Päpstlichen Orientalischen Institut): Europa verhalte sich ignorant gegenüber der Herausforderung durch den Islam. Der Islam sei aufgrund seiner kulturellen Gegensätzlichkeit allenfalls schwer in Europa integrierbar. Entsprechende Konflikte würden die große Herausforderung unserer Zeit darstellen. Die Politik in Europa handele unmoralisch wenn sie dies im Versuch ignoriere, muslimische Migranten als Wähler zu gewinnen. (ts)