Krisenahnung und -Vorbereitung bei wirtschaftlichen Eliten

Rembrandt - Das Gastmahl des Belsazar (Wikimedia Commons/gemeinfrei)

Ein aktueller Beitrag im Magazin „The New Yorker“ über Krisenahnung und Krisenvorbereitungsmaßnahmen von sehr wohlhabenden Nordamerikanern gewährt einige Einblicke in die alles andere als optimistischen Erwartungen von Teilen der wirtschaftlichen Eliten der westlichen Welt über die potentiellen Entwicklungen der nächsten Jahre.

Dass die europäisch-geprägten Gesellschaften Europas und Nordamerikas vor einer Reihe gravierender Verwerfungen stehen, die langfristige Folgen haben werden, war in der Vergangenheit Schwerpunkt unserer Betrachtungen. Dabei ging es insbesondere um die Frage, wie diese Verwerfungen aussehen könnten, und wie man ihnen mit dem Ziel kultureller Kontinuität begegnen könnte.

Bei den Darstellungen bzgl. der Krisenerwartung der erwähnten Eliten fällt vor dem Hintergrund der dabei gewonnenen Erkenntnisse folgendes auf:

  • Die dargestellten Konzepte sind alle untauglich, um langfristig Kontinuität sicherstellen zu können. Für weniger extreme langfristige Verwerfungen wären die meisten dargestellten Ansätze nicht angemessen, weil sie den damit verbundenen Herausforderungen nicht wirksam begegnen. Bei extremen Verwerfungen hingegen könnten diese Vorbereitungen den Eintritt der Folgen für die betroffenen wohlhabenden Personen jedoch bestenfalls für einige Monate oder einige Jahre verzögern.
  • Historiker haben beschrieben, wie die Eliten des zerfallenden römischen Reiches den heraufziehenden Verwerfungen dadurch begegneten, dass sie sich auf weitgehend autarke Landgüter zurückzogen. Die im Artikel dargestellten Maßnahmen ähneln dem auffallend.
  • Die Frage nach den Ursachen der sich abzeichnenden Krisen und insbesondere die Frage nach langfristig wirksamen Antworten darauf scheint bei den dargestellten wirtschaftlichen Eliten keine Rolle zu spielen. Über eine Betrachtung der materiellen Folgen dieser Krisen geht die Analyse seitens dieser Eliten kaum Fall hinaus, und die verfolgten Konzepte sind alle individualistisch bzw. beziehen sich ausschließlich auf die eigene Person und ggf. noch ihr engeres Umfeld. So gut wie alles, was den Horizont der eigenen Person, der Zeit des eigenen Lebens und die eigenen materiellen Interessen übersteigt, scheint beim Umgang mit Krisentendenzen vollständig ausgeblendet zu werden. Langfristige Kontinuität ist auf dieser geistigen Grundlage jedoch nicht möglich, auch wenn man noch so große Mittel in die eigenen Sicherheitsmaßnahmen investiert.

Gravierende Krisen entstehen überwiegend in Gesellschaften, wo es an einer ausreichenden Zahl kompetenter Männer mangelt, die sich über dem Individuum und jenseites des nur Materiellen liegenden Idealen und einer darauf gegründeten Vorstellung von Gemeinschaft verpflichtet fühlen, die Lage ihres Umfelds und der erforderlichen Maßnahmen zutreffend beurteilen und auf dieser Grundlage bereit sind zu handeln. Die im Artikel dargestellten wirtschaftlichen Eliten und ihr Handeln sind vor diesem Hintergrund eine wesentliche Ursache der Krise europäisch geprägter Gesellschaften.

Auch dort, wo die Krisen bereits eingetreten sind oder unvermeidlich erscheinen, ist langfristige Kontinuität noch möglich. Sie wird aber nicht durch die individualistisch und materialistisch denkenden Eliten ermöglicht werden können, welche diese Krisen erst ermöglicht haben. Auch im untergehenden römischen Reich waren es nicht die wirtschaftlichen und politischen oder auch militärischen Eliten und ihre individuellen Maßnahmen, die über die Zeit der Verwerfungen hinaus Bestand hatten, sondern die Werke und Taten eines Benedikt von Nursia oder eines Cassiodor. Wer unter den aktuellen Bedingungen kulturelle Kontinuität gewährleisten will, muss dies entsprechend berücksichtigen. (ts)