Glaube und Heimat: Aus dem Lexikon für Theologie und Kirche

Das christliche Europa - Ausschnitt aus dem Genter Altar (Wikimedia Commons/gemeinfrei)

Zu den populären Irrtümern über das Christentum gehört auch die Annahme, dass es natürliche Bindungen leugne oder herabwerte. Ursache dieses Irrtums ist die Tatsache, dass das Christentum eine über allen natürlichen Bindungen stehende transzendente Bindung des Menschen anerkennt. Diese hebt seine natürlichen Bindungen, etwa an eine Familie oder eine Nation, jedoch nicht auf, wie der Irrtum meint, sondern verlangt ihre Hinordnung und Ausrichtung auf das Höchste.

Die christliche Soziallehre ist in diesem Sinne nicht nationalistisch, in dem es natürliche Bindungen über alle anderen stellt wie totalitäre Entwürfe der rechten Strömung der Moderne; aber es ist auch nicht utopisch, in dem die Natur des Menschen und seine natürlichen Bindungen leugnet oder als bloße soziale Konstrukte abtut wie die linke und manche liberale Strömung der Moderne.

Katholisches.info hat heute in diesem Zusammenhang einen Auszug aus der ersten Auflage des im Herder-Verlag erschienenen katholischen „Lexikons für Theologie und Kirche“ veröffentlicht, der das Verhältnis von christlichem Glaube und natürlicher Bindung an die eigene Heimat erkärt. Der Text ist dabei zwar stelllenweise sprachlich nicht mehr aktuell, gibt aber dennoch wieder, was in dreitausend Jahren christlicher und vorchristlicher Tradition in dieser Frage an Anworten auf eine Grundfrage des Menschseins gefunden haben. Diese Tradition trat erst in den vergangenen Jahrzehnten im Zuge des Eindringens utopisch-moderner Ideologien in die Kirche zunehmend in den Hintergrund, was den erwähnten Irrtum über das Christentum stärkte.

Die Erneuerung Deutschlands und Europas im Licht seiner christlichen Tradition erfordert vor diesem Hintergrund keinen Bruch mit dieser Tradition, sondern im Gegenteil einen Wiederanschluß an sie und eine Zurückweisung dessen, was in den vergangenen fünfhundert Jahren schrittweise an Traditionsbrüchen vollzogen wurde und dabei immer gravierendere Auflösungserscheinungen nach sich zog.

Vaterland, das Land, das uns Vater ist, das uns geboren, genährt, gestaltet und körperlich-geistig eingebettet hat. Vaterland ist das Land unseres Volkes, dessen Kinder wir sind, das mit […] seinem geschichtlichen Sein und Streben in uns eingegangen und uns ein über die Familie und Heimat hinausreichendes Leben geschenkt hat.

Sofern sich Volk zur Nation und zum Staat entwickelt, umfaßt Vaterland alle drei, aber sein Kernstück bildet die Volksgemeinschaft. Ähnlich wie Familie und Heimat ist Vaterland ein Geschenk des „Schicksals“. Wir werden bis zu einem sehr hohen Grad zwangsläufig in die volkhafte, nationale und staatliche Einheit hineingestellt und hineinentwickelt. Hier liegt der erste Ansatz für eine religiöse Wertung. Denn dem gläubigen Menschen ist das Schicksal Fügung und Führung Gottes im Dienste eines ewigen Zieles. So empfangen die im Volk und Vaterland ruhenden Werte unter religiösen Blick eine höhere Weihe.

Heimat- und Vaterlandsgefühl verleiht dem Menschen das Bewußtsein eines unzerstörbaren Hausrechts, eines seeligen Standorts, eines Verbundensein mit Menschen seiner Art und Sprache. Darin steckt ein ethischer Wert, denn für die meisten wirkt das Gefühl vollkommener Vereinsamung selig zerstörend. […]

Vaterlandsliebe ist gleich Elternliebe ein natürliches Gefühl. Papst Leo XIII spricht von der „natürlichen Liebe zum Vaterland.“ (Sapientiae christianae vom 10.1.1890). Der Christ erhebt sie zum Rang einer religiösen Tugend. Thomas von Aquin verknüpft die Vaterlandsliebe mit dem vierten Gottesgebot: „Gott nimmt die erste Stelle ein. An zweiter Stelle sind Grundlage unseres Seins und Geführtwerdens die Eltern und das Vaterland. Darum ist der Mensch nach Gott am meisten der Eltern und des Vaterlandes Schuldner. Wie es daher zur Religion gehört, Gott zu verehren, so gehört es zur Pietät, Eltern und Vaterland zu verehren“ (S.Th II/II qu. 101, art. 1). Diese Pietät beschreibt Thomas als „protestatio caritatis“ (ebd. art 3 ad 1), das heißt als in Wort und Tat sich offenbarende Liebe.

Thomas hat bereits den Unterschied im sittlichen Verhalten gegen Vaterland und Staat angedeutet, indem er dort von Pietät, hier von gesetzlicher Gerechtigkeit spricht. Wir würden heute sagen, dem Vaterland gebührt Liebe, dem Staat Loyalität, eine Unterscheidung, die besonders für die gegen ihren Willen in einen fremdnationalen Staat eingefügten Minderheiten wichtig geworden ist.

Die Betätigung der Vaterlandsliebe schließt die Übung aller Tugenden ein, die auf Erhaltung und Entwicklung der Volksgemeinschaft gerichtet sind. Aus rein egoistischen Gründen in der Flucht vor verlangten Opfern das Vaterland zu verlassen, widerstreitet dem Geist des Christentums, das Treue und Opferbereitschaft höher werdet als materielle Güter. Besonders in Notzeiten fordert das Vaterland höchste Einsatzbereitschaft. Leo XIII bekräftigt, dass „der gute Bürger den Tod für sein Vaterland nicht scheut“ (Sap. christ.). Diese Haltung ist echter Patriotismus. Aber auch das Vaterland hat Pflichten gegenüber seine Kinder, denen ist die Entfaltung des natürlichen und übernatürlichen Lebens Gewähr leisten muß.

Vaterlandsliebe zählt zu den wertvollsten Gütern des irdischen Daseins. Vaterlandsliebe ist ein Edelwert, der von der Kirche geschätzt und geschützt wird. Wer einen ungesunden Nationalismus, der die Lebensrechte anderer Völker mißachtet, lehnt sie sowohl den falschen Internationalismus, der das Vaterland verleugnet, wie den unrichtigen Pazifismus, der es wehrlos macht, entschieden ab. Aber Vaterlandsliebe ist ein Wert der im Gesamtreich der Werte und Willen Gottes begründet ist, eingeordnet bleiben muß und eben darin seine wahre Bedeutung erlebt.

In diesem Sinne muss ein auf der christlichen Tradition und insbesondere auf der katholischen Soziallehre beruhendes Vorhaben zum Schutz des Eigenen auch patriotisch sein und dabei den Versuchungen des Nationalismus wie auch des Universalismus gleichermaßen widerstehen. Es muss solchen Vorhaben eben nicht um bloße Politik gehen, sondern um das Erreichen von in der Sphäre des Heiligen verorteten, transzendenten Zielen.