Glaube und Heimat: Aus dem Lexikon für Theologie und Kirche

Das christliche Europa - Ausschnitt aus dem Genter Altar (Wikimedia Commons/gemeinfrei)

Zu den populären Irrtümern über das Christentum gehört auch die Annahme, dass es natürliche Bindungen leugne oder herabwerte. Ursache dieses Irrtums ist die Tatsache, dass das Christentum eine über allen natürlichen Bindungen stehende transzendente Bindung des Menschen anerkennt. Diese hebt seine natürlichen Bindungen, etwa an eine Familie oder eine Nation, jedoch nicht auf, wie der Irrtum meint, sondern verlangt ihre Hinordnung und Ausrichtung auf das Höchste.

Die christliche Soziallehre ist in diesem Sinne nicht nationalistisch, in dem es natürliche Bindungen über alle anderen stellt wie totalitäre Entwürfe der rechten Strömung der Moderne; aber es ist auch nicht utopisch, in dem die Natur des Menschen und seine natürlichen Bindungen leugnet oder als bloße soziale Konstrukte abtut wie die linke und manche liberale Strömung der Moderne.

Katholisches.info hat heute in diesem Zusammenhang einen Auszug aus der ersten Auflage des im Herder-Verlag erschienenen katholischen „Lexikons für Theologie und Kirche“ veröffentlicht, der das Verhältnis von christlichem Glaube und natürlicher Bindung an die eigene Heimat erkärt. Der Text ist dabei zwar stelllenweise sprachlich nicht mehr aktuell, gibt aber dennoch wieder, was in dreitausend Jahren christlicher und vorchristlicher Tradition in dieser Frage an Anworten auf eine Grundfrage des Menschseins gefunden haben. Diese Tradition trat erst in den vergangenen Jahrzehnten im Zuge des Eindringens utopisch-moderner Ideologien in die Kirche zunehmend in den Hintergrund, was den erwähnten Irrtum über das Christentum stärkte.

Die Erneuerung Deutschlands und Europas im Licht seiner christlichen Tradition erfordert vor diesem Hintergrund keinen Bruch mit dieser Tradition, sondern im Gegenteil einen Wiederanschluß an sie und eine Zurückweisung dessen, was in den vergangenen fünfhundert Jahren schrittweise an Traditionsbrüchen vollzogen wurde und dabei immer gravierendere Auflösungserscheinungen nach sich zog.

Vaterland, das Land, das uns Vater ist, das uns geboren, genährt, gestaltet und körperlich-geistig eingebettet hat. Vaterland ist das Land unseres Volkes, dessen Kinder wir sind, das mit […] seinem geschichtlichen Sein und Streben in uns eingegangen und uns ein über die Familie und Heimat hinausreichendes Leben geschenkt hat.

Sofern sich Volk zur Nation und zum Staat entwickelt, umfaßt Vaterland alle drei, aber sein Kernstück bildet die Volksgemeinschaft. Ähnlich wie Familie und Heimat ist Vaterland ein Geschenk des „Schicksals“. Wir werden bis zu einem sehr hohen Grad zwangsläufig in die volkhafte, nationale und staatliche Einheit hineingestellt und hineinentwickelt. Hier liegt der erste Ansatz für eine religiöse Wertung. Denn dem gläubigen Menschen ist das Schicksal Fügung und Führung Gottes im Dienste eines ewigen Zieles. So empfangen die im Volk und Vaterland ruhenden Werte unter religiösen Blick eine höhere Weihe.

Heimat- und Vaterlandsgefühl verleiht dem Menschen das Bewußtsein eines unzerstörbaren Hausrechts, eines seeligen Standorts, eines Verbundensein mit Menschen seiner Art und Sprache. Darin steckt ein ethischer Wert, denn für die meisten wirkt das Gefühl vollkommener Vereinsamung selig zerstörend. […]

Vaterlandsliebe ist gleich Elternliebe ein natürliches Gefühl. Papst Leo XIII spricht von der „natürlichen Liebe zum Vaterland.“ (Sapientiae christianae vom 10.1.1890). Der Christ erhebt sie zum Rang einer religiösen Tugend. Thomas von Aquin verknüpft die Vaterlandsliebe mit dem vierten Gottesgebot: „Gott nimmt die erste Stelle ein. An zweiter Stelle sind Grundlage unseres Seins und Geführtwerdens die Eltern und das Vaterland. Darum ist der Mensch nach Gott am meisten der Eltern und des Vaterlandes Schuldner. Wie es daher zur Religion gehört, Gott zu verehren, so gehört es zur Pietät, Eltern und Vaterland zu verehren“ (S.Th II/II qu. 101, art. 1). Diese Pietät beschreibt Thomas als „protestatio caritatis“ (ebd. art 3 ad 1), das heißt als in Wort und Tat sich offenbarende Liebe.

Thomas hat bereits den Unterschied im sittlichen Verhalten gegen Vaterland und Staat angedeutet, indem er dort von Pietät, hier von gesetzlicher Gerechtigkeit spricht. Wir würden heute sagen, dem Vaterland gebührt Liebe, dem Staat Loyalität, eine Unterscheidung, die besonders für die gegen ihren Willen in einen fremdnationalen Staat eingefügten Minderheiten wichtig geworden ist.

Die Betätigung der Vaterlandsliebe schließt die Übung aller Tugenden ein, die auf Erhaltung und Entwicklung der Volksgemeinschaft gerichtet sind. Aus rein egoistischen Gründen in der Flucht vor verlangten Opfern das Vaterland zu verlassen, widerstreitet dem Geist des Christentums, das Treue und Opferbereitschaft höher werdet als materielle Güter. Besonders in Notzeiten fordert das Vaterland höchste Einsatzbereitschaft. Leo XIII bekräftigt, dass „der gute Bürger den Tod für sein Vaterland nicht scheut“ (Sap. christ.). Diese Haltung ist echter Patriotismus. Aber auch das Vaterland hat Pflichten gegenüber seine Kinder, denen ist die Entfaltung des natürlichen und übernatürlichen Lebens Gewähr leisten muß.

Vaterlandsliebe zählt zu den wertvollsten Gütern des irdischen Daseins. Vaterlandsliebe ist ein Edelwert, der von der Kirche geschätzt und geschützt wird. Wer einen ungesunden Nationalismus, der die Lebensrechte anderer Völker mißachtet, lehnt sie sowohl den falschen Internationalismus, der das Vaterland verleugnet, wie den unrichtigen Pazifismus, der es wehrlos macht, entschieden ab. Aber Vaterlandsliebe ist ein Wert der im Gesamtreich der Werte und Willen Gottes begründet ist, eingeordnet bleiben muß und eben darin seine wahre Bedeutung erlebt.

In diesem Sinne muss ein auf der christlichen Tradition und insbesondere auf der katholischen Soziallehre beruhendes Vorhaben zum Schutz des Eigenen auch patriotisch sein und dabei den Versuchungen des Nationalismus wie auch des Universalismus gleichermaßen widerstehen. Es muss solchen Vorhaben eben nicht um bloße Politik gehen, sondern um das Erreichen von in der Sphäre des Heiligen verorteten, transzendenten Zielen.

11 Kommentare

  1. Als Balsam für die Seele der Massen durchaus verwendbar. Als Orientierungspunkt im anthropoligischen Kontext; eine klare Realitätsverweigerung, die wiedermaliges Scheitern vorprogrammiert. Jedwede Art von Religion, die in Staatsfürhung und Wissenschaft verwickelt ist, ist untragbar und führt geschichts-zyklisch zu Verfall. Einschließlich der „modernen“ schein-technokratischen Dogmen. Schein-technokratisch deshalb, weil Computer und Mathematik dazu missbraucht werden, um purer Dummheit einen scheinbar rationalen Anstrich zu verleihen. Affen-mit-Waffen, möchte man sagen. Diese Scharade versuchen die post-modernen Religionsrestaurierer für sich zu nutzen, um Technologie und weite Teile der Wissenschaft, die für politische Ziele instrumentalisiert wird, als neumodernen Humbug abzustempeln.

    Als moralischer Kompass, der anthropologische Wahrheiten mit einem für „normale“ Menschen verdaulichen Zuckerguss versieht, sind Religionen durchaus tragbar. Leider beissen sich Technologie und Kirche unvermeidbar ab einem gewissen Entwicklungspunkt. Das Christentum müsste also nicht nur re-traditionalisiert, sondern auch zukunftstauglich aufgefrischt werden, wenn es im Hinblick auf kommende Entwicklungen nicht in der Ablage enden soll.

    Schließlich muss man Kindern und anderen Menschen erklären können, weshalb wir für die häretische Mondlanding und satanische Atomenergie nicht im Höllenfeuer geröstet wurden, anstatt mir järhlichen Bemühungen die Eklärbär-Maschinerie zu befeuern: Gott hat Vögel geschaffen damit wir Flugzeuge bauen können, oder der neueste Hit: Gott liebt die kleinen Dinge im Leben; deshalb Nanotechnologie!

  2. Sie sehen das zu schwarz-weiß, G Wheat. Sie selbst gehen hier dem (post-protestantischen?) Theo-Absolutismus auf den Leim: Wenn Gott (+), dann Gottesstaat, wenn „unbeweisbar“, dann weg mit der Religion. Nicht nur die Nation, auch Marx und Feuerbach wurden auch in Wittenberg geschaffen.

    Eine Tradition, auch eine wiederverbreitete Tradition, ideologisiert nicht in dem Maße. Liturgie und gelebtes Ritual, Gemeinschaftsstiftung sind hier Selbstzweck und Rückanbindung, bei allen sonstigen Zweifeln.

  3. @ G. Wheat
    „“Gott hat Vögel geschaffen damit wir Flugzeuge bauen können, oder der neueste Hit: Gott liebt die kleinen Dinge im Leben; deshalb Nanotechnologie!““
    So etwas habe ich ja noch nirgends gehört. Aber wenn wir schon beim Geschichten erzählen sind:
    Heutige Wissenschaft und Technik erinnert doch sehr an den Turmbau zu Babel. Kaum ein Bereich, wo nicht nach „Gottgleichem“ getrachtet wird. In den Labors wird nach der Formel für Unsterblichkeit geforscht, Die Physik sucht nach der universellen alles erklärenden Kraft. Chips im Gehirn werden mit der Maschine gekoppelt werden – die Borg lassen grüßen.
    Gott hatte damals Zeit die Sprache verwirrt, um dem Treiben ein Ende zu setzen. Und heute: Er vermischt die Rassen und Kulturen.
    Als Ergebnis könnte eine Epoche folgen, die der nach-antiken Zeit ähnelt.

    Ich halte den Weg von PE, das Projekt an das Christentum anzudocken, für gangbar; unter jetzigen Voraussetzungen vielleicht sogar für den besten Weg. Die Jahre werden aber womöglich zeigen, dass sich weitere Räume auftun, die genutzt werden können, um das Ziel zu verfolgen. Das Ziel ist wohl immernoch, das geistige und ethnische Erbe des Mittel- und Nordeuropäers zu wahren.

  4. @G. Wheat
    Viele von denen, die dazu beitragen könnten den anstehenden Herausforderungen zu begegnen, haben sich vom Christentum abgewandt. Das liegt nach meinem Eindruck daran, dass sie dieses nur als von modernen Ideologien überformtes Zerrbild kennen. Beiträge wie dieser sollen deutlich machen, dass die soziale bzw. politische Botschaft des Christentums aber keinesfalls das beinhaltet oder erfordert, was die Zerrbilder behaupten. Das ist deshalb wichtig, weil es in der Konsequenz bedeutet, dass man sich nicht vom Christentum als geistiger Wurzel Europas trennen muss um Europa zu erhalten, ganz im Gegenteil.

    Das ist eine gute Nachricht, denn säkulare konservative Bewegungen, die sich etwa auf ein nationales Erbe beziehen, konnten immer nur dort wirken, wo noch genügend kulturelle Substanz vorhanden war. Das gilt für die Gegenwart m.E. aber nicht mehr. Die Bewältigung der Herausforderungen die kommen werden wird auch die Erneuerung kultureller Substanz erfordern, und das ist noch nie einer säkularen Bewegung wirklich gut gelungen.

    Ohne jemandem zu nahe treten zu wollen, aber auch die diversen Parteien und Bewegungen in Europa, die auf Grundlage säkularer Vorstellungen versuchen etwas gegen Auflösung und Verfall zu unternehmen, kommen kaum darüber hinaus, technokratisch auf einzelne Phänomene zu reagieren. Das ist zwar prinzipiell schon einmal eine gute Sache, wird aber nicht reichen. Sie können diese Prozesse damit bestenfalls aufhalten, nicht umkehren. Nicht aus theologischen, sondern aus strategischen Erwägungen braucht es dafür ein Vorhaben, das aus der gleichen Quelle schöpft, aus der Europa und seine Kulturen einst entstanden sind, und das ist die Religion bzw. das Christentum. Was an technokratischen Überlegungen sonst noch erforderlich ist, ist vergleichsweise leicht zu beantworten und ergibt sich von dort aus.

    Diejenigen, die von einer „häretischen Mondlandung oder satanischer Atomenergie“ ausgehen, dürften davon abgesehen ohnehin kaum erreichbar sein. Zu finden sind Menschen, die von solchen Absurditäten ausgehen, nach meinem Eindruck aber (von einigen irrelevanten christlichen Splittergruppen und Sondergruppen einmal abgesehen) eher im atheistischen Bereich, wo man solche absurden Klischees zur Selbstvergewisserung zu brauchen scheint.

  5. @Garaube
    Wenn Gott (+), dann Gottesstaat, wenn „unbeweisbar“, dann weg mit der Religion.

    In der Konsequenz stimmt es. Religion kann man nicht einfach punktuell und periodisch „einsetzen“, wenn und wann es einem passt. Jedwede Art von Dogmen strebt nach Absolutismus und völliger Durchdringung. Siehe Islam. Das Christentum hatte auch seine fanatischen Höhepunkte, die sich glücklicherweise durch atheistische und agnostische Quertreiberei nicht vollends manifestieren konnten. Deshalb mein Aufruf zur zukunftstauglichen Neuausrichtung. Der Neuanschluss an das alte Christentum, besonders vom Schlage der katholischen Kirche, steuert zwangsläufig in die gleiche Problematik weshalb es überhaupt zerfallen ist: Schismen, Auslegungsmöglichkeiten von grundlegenden Lebensprinzipien, Unvereinbarkeit mit „hartem Fortschritt“. Ein Amalgam aus europäischen, nationalen, philosophischen und christlichen Denkrichtungen ist für eine solide Ausrichtung im Hinblick auf die Zukunft notwendig; „eine Mehrschichten-Torte schmeckt am besten und man verpasst nix“ – wenn Ihnen die Aussage eher passt.

    @Hartwig
    So etwas habe ich ja noch nirgends gehört.

    Dann kennen Sie sich auch nicht wirklich mit theologischen Strömungen, Entwicklungen und Gegenwartsdiskursen aus. Die Attribution der Tier- und Naturwelt als Gottes‘ kalkulierte Anleitung ist nicht neu. Intelligent Design ist ein solcher Ansatz, über den Sie sich gern informieren können.

    Heutige Wissenschaft und Technik erinnert doch sehr an den Turmbau zu Babel.

    Im Gegenteil! Massenproduktion von nutzlosem Schrott trifft es wohl eher. Der einzige Bereich in den genügend Ressourcen fließen ist die Rüstungsindustrie, keine Sorge – nicht die Deutsche! Denn trotz des weltlichen Chaos ist man sich bei einem Thema einig: derjenige mit der dicksten Rakete in der Hose darf als erster an den Kuchen.
    Aber es bleibt trotzdem eine Industrie, in die gelegentlich Milliarden gegossen werden, weil z.B. der Onkel bei Raytheon eine 10 Jahre alte Triebwerksdüse umlackieren möchte. In wirklich bedeutende Gebiete fließen sehr wenig Mittel und lassen z.B. das Großprojekt vom CERN wie ein geschichtliches Wunder aussehen.

    Chips im Gehirn werden mit der Maschine gekoppelt werden – die Borg lassen grüßen.

    Wenn es denn einen Nutzen hat, warum nicht? Allein der Bundestag hat enormen Bedarf für solche Technologien, da immer mehr Abgeordnete beim Thema Haushalt oder Arbeitslosenzahlen unter akutem Verlust ihrer Rechenfähigkeit leiden!

    @ts

    Bei der Kritik von Religionen bediene ich mich nicht etwaiger Paradebeispiele stellvertretend für eine ganze Glaubensrichtung. Ich habe bereits beschrieben, dass es als Zuckerguss für Emotionale Sinn macht. Aber wenn wir über Staatsführung oder die Einbettung von Dogmen in kritische gesellschaftliche Bereiche sprechen, sieht es ganz anders aus. Die Umkehr von Verfallserscheinungen, die nicht vollends darauf beruhen, dass eine Religion geschichtlich als untauglich ausgemustert wurde, ist nicht eine Sache von Ideologiewechsel. Denn der Großteil von Verfallserscheinungen, mit denen wir zu kämpfen haben, ist durch pragmatisches Kalkül hervorgerufen, und nicht weil Menschen plötzlich die Lust an Tradition verloren haben und anfingen grundlegende Wahrheiten zu leugnen.

  6. Das Christentum ist nicht der Islam und Dogma nicht gleich Dogma, G Wheat. Das erklärt im Negativen evtl. seinen eigenen Verfall (wobei, auch nur in den Westkirchen und dann im Grunde nur in der euro-atlantischen Welt, also könnten die Gründe auch woanders liegen). Im Positiven aber lässt das Christentum eben deutlich mehr weltlichen Spielraum zu als der Islam, der sich dadurch, ständig zwischen Stagnation und fanatischer Raserei wechselnd, durch die Jahrhunderte wurstelt.

    Das was ts darlegen will ist ja gerade, dass das traditionelle Christentum Raum für weltliche Identitäten wie die nationale lässt. Menschen, also die meisten, brauchen einen den Tod übersteigenden Sinn, das kann man nicht ausmerzen und es wird mit Macht wiederkehren. Religion ist nicht grundsätzlich totalitär-absolutistisch, was in den heiligen Büchern und Lehren steht ist nicht austauschbar, der Inhalt macht durchaus den Unterschied.

  7. Schaut mal hier rein! Wichtige Botschaften in einer zeitgemäßen Sprache. Mit dem Finger am Puls der Zeit. Dieses christliche Zeugs hilft uns nicht weiter. Die geistigen Welten jener Zeiten, denen diese Worte stammen, werden uns immer verschlossen sein. Wir mögen geistig auch dann und wann mal daraus schöpfen. Aber die Fragen unserer Zeit sind unsere ganz eigene geistige Herausforderung. Und unsere allein! Wir müssen eine eigene Sprache dafür entwickeln.

    Beste Grüße!

    • @Atheist Roo:
      Die Debatte wird hier durchaus mit Interesse verfolgt. Übersetzt in klassische konservative Sprache behandelt man dort das Thema „Natur des Menschen“, das seit Jahrhunderten fester Bestandteil entsprechender Ansätze ist.

      @G. Wheat
      Ich versuche den christlichen Bezug noch einmal anders und zwar bewusst ohne religiöse Argumentation zu erklären.
      Es gibt in der Debatte um die Krise Europas und ihre Ursachen m.E. zwei Hauptrichtungen: Eine geistig-kulturelle und eine materielle. Die geistig-kulturelle Strömung sieht Ideen und Weltanschauungen als zentrale Faktoren an, während die materielle Strömung je nachdem u.a. wirtschaftliche, biologische oder andere Faktoren als entscheidend wahrnimmt.
      Nach einiger Überlegung wurde hier von den materiell-orientierten Weltanschauungen Abstand genommen, ob die Relevanz entsprechender Faktoren dabei leugnen zu wollen. Ausschlaggeben war im Wesentlichen die Erkenntnis, dass strategische Ziele die man verfolgen müsste, auf Grundlage einer der materiell-orientierten (ich vermeide bewusst den Begriff „materialistisch“) Weltanschauungen nicht umzusetzen sind. Anders gesagt: Mit solchen Weltanschauungen kann man bestimmte Probleme lösen, aber keine Kulturen erneuern.
      Im klassischen Konservatismus christlicher Prägung findet man aber das meiste, was man dazu braucht, von Analysen der geistigen Ursachen der Krise Europas bis zu Konzepten wie man diese irgendwann bewältigen kann. Die technokratischen Ansätze, die man im Rahmen dessen für Einzellösungen braucht, können darin integriert werden, und nicht umgekehrt.
      Hier geht es gegenwärtig vor allem um den geistigen Rahmen und die Konzepte an die angeknüpft werden soll, weil dieser Rahmen wichtiger ist als die davon abgesehen schon lange geklärten technischen Details, die im Übrigen mit wenig Aufwand nachjustierbar sind.
      Was Ihren Einwand („Denn der Großteil von Verfallserscheinungen, mit denen wir zu kämpfen haben, ist durch pragmatisches Kalkül hervorgerufen, und nicht weil Menschen plötzlich die Lust an Tradition verloren haben und anfingen grundlegende Wahrheiten zu leugnen“) angeht: Diejenigen, die aus entsprechendem Kalkül handeln, dürften dies doch auf Grundlage einer bestimmten Weltanschauung tun, die sie zunehmend erfolgreich als neue kulturelle Norm vermitteln und dabei die vorhandene Substanz auflösen. Vor dem Kalkül steht m.E. also ein geistiger Faktor, den es zu erkennen und dem die eigentliche Auseinandersetzung stärker gelten sollte als seinem Träger.

  8. MW ist unsereins schon länger bekannt, @Atheist Roo, ich bin Abonnent. Gute Lagebeschreibung. Hier gehts um Lösungsansätze und die können in einer religiös werdenden Welt religiös sein.

  9. @Graraube
    […] lässt das Christentum eben deutlich mehr weltlichen Spielraum zu als der Islam, der sich dadurch, ständig zwischen Stagnation und fanatischer Raserei wechselnd, durch die Jahrhunderte wurstelt.
    Das stimmt schlichtweg nicht. Europa hat die christliche Raserei mehrfach hinter sich, und das einzige, was zum moderaten und offenen Christentum beigetragen hat, war weder die Bibel oder der konkrete Glaube, sondern europäische Einflüsse auf ebd., ganz davon abgesehen, dass sich die katholische Kriche auf dem Rückmarsch bewusst angepasst hat, um zu überleben. Man war stets so moderat wie man musste, aber fanatisch wenn man konnte.
    Auf eine lächerlichen Kampf der Verse lasse ich mich erst gar nicht ein. Wir sind hier nicht bei den Zeugen Jehovas.

    @ts

    Ich verstehe sie voll und ganz, und das nicht erst seit heute.

    Eine Abgrenzung zwischen „Geist“ und „Material“ ziehe ich nicht. Es bedingt und beeinflusst sich wechselseitig. Kulturen werden durch Ihre sog. materialistischen Einflüsse geprägt, vice versa. In Europa ist das kulturelle Vakuum, eben kein alleiniges Resultat von den so oft in Geschichtsbüchern verzeichneten industriellen und technologischen Entwicklungen, auf die das Christentum mit Planlosigkeit reagierte und stattdessen beharrlich Im Glockenturm stand und gegen Wind schire. So wurde das ideologische Erdloch kurzum mit für bestimmte politische Strömungen nützlichen Paradigmen gefüllt, um es vereinfacht auszudrücken. Man kann den Menschen die Veränderung der Gesellschaft schließlich mit wirtschaftlichen Dogmen eben besser erklären, ebenso wie das kulturelle Weltgeschehen mit medialer Liturgie und politischer Wahrsagung dem kleinen Mann am iPhone verständlich gemacht werden kann. Wenn der kleine Mann aber dennoch nachhaken möchte, so werden die Zusammenhänge plötzlich zu „komplex“, um sie öffentlich zu diskutieren – ein anderer Ausdruck für ein geschlichenes „pssst! Nicht so laut!“. Gleiches Schicksal hat die Konservativen Europas ereilt, die sich ebenfalls mit aller Kraft an Unfug gekrallt haben, während sich die Gesellschaft an ihnen vorbei entwickelt hat – positiv und negativ.

    In diesem Theaterstück moderner Propaganda und des Bevölkerungs-Managements ist Europa erlahmt. Technisch entwickeln wir uns schleichend weiter, weil gebremst, aber Kulturell ist das Schiff längst den Wasserfall herunter gebraust. Diese Ersosion, die wir als Verfallserscheinungen bezeichnen, werden über kurz oder lang einen Bedarf an Orientierung herstellen, denn die gegenwärtigen globalkapitalistischen und hedonistischen Dogmen kommen langsam an ihre Erklärungs-Grenzen. Schön zu erkennen an der steigenden Zahl psychischer Erkrankungen und der sich immer weiter verbreitenden Unfähigkeit zur sozialen Interaktion, abseits von digitalen und politisch korrekten Fassaden.

    Das ist der Zeitpunkt an dem die vermeintlichen Machthaber das System totalitärer ausgestalten, wie Sie sicherlich durch altuelle Vorstöße auf nationaler und europäischer Ebene festgestellt haben, denn wenn „Erklärungen“ nicht mehr ausreichen, dann müssen physische Konsequenzen her. An diesem Punkt befinden wir uns und meines Erachtens nach unterscheidet sich Ihre und meine Herangehensweise an die Problematik insofern, als Sie den Schwerpunkt auf den ideologischen Ethos legen, wohingegen ich mehr die materialistischen Aspekte hervorhebe. Aus meiner Sicht gibt es genügend ideologische Zuckergüsse, aber die sind von der Ausführung und den Zielen her unveredelt.

    Der Erfolg des Unterfangens wird zwangsläufig von der Umsetzung abhängen und nicht der Finesse der Antworten, die Sie aus Christlicher Sicht liefern können. Schließlich sind diese Antworten nicht neu. Die Amerikaner haben auf staatlicher Ebene Ähnliches im ideologischen Kampf gegen den Kommunismus praktiziert, inklusive Bibel-Zitate und historischen Bezügen; Von der idealisierung der konservativen Familie, über „God hates Homos“-Bewegungen, bis hin zu verpflichtendem Kirchenbesuch. Alles gedeckt durch Unmengen von Kapital und Manpower, bis in die hintersten Ecken der Geheimdienste, in der Analytiker, Psychologen und Generäle die gleiche Türklinke geputzt haben. Trotzdem hat es sie nicht vor der inneren Erosion durch das Kapital und anderen kulturellen Einflüssen bewahrt, das Zentrum der westlichen Verfallserscheinungen zu werden. Der Blinde Fleck war der falsche Feind am falschen Ort zur falschen Zeit.

    Sie vermögen die gleichen Ziele wie ehemals die Amerikaner zu verfolgen, wenn auch bescheidener, aber ohne die gleichen Resourcen und mit der Ansicht, es läge in der richtigen Anknüpfung an unsere kulturelle Geschichte.

    Wenn Sie mich fragen, dann ist der christliche Bezugspunkt mit all den Antworten hinsichtlich Verfallserscheinungen schnell gefunden, aber die pragmatische Umsetzung, ist der Mammutanteil, den ein solches Unterfangen leisten muss.

  10. G Wheat, doch. Es ist eben kein Zufall, dass die Antike im christlichen Europa nicht nur, wie zeitweise im Orient, zur Kenntnis genommen und dann wieder verworfen, sondern inkorporiert und zum Maßstab genommen wurde. Da ist auch das Verhältnis zur Kirche komplizierter: Haben Sie sich die Sixtinische Kapelle, den Vatikan und dessen Sammlung an sich mal genauer angesehen ? Die Papisten waren selbst in ihrer finstersten Epoche (die frühe Neuzeit war übrigens um einiges blutiger als das sprichwörtliche Mittelalter) nicht so dogmatisch und kulturfern wie etwa ein heutiger saudischer Imam, iranischer Mullah, oder sogar türkischer Religionsbeamter.

    Dass neben der Kanzel noch die Krone als weltliche Macht existiert, ist ein europäisch-christlicher Sonderfall, der („gebt dem Kaiser, was des Kaisers…“) in der Lehre selbst seinen Ursprung, zumindest seine Absegnung hat.

    Das Christentum als geistigen Quell dieses Kontinents sollte man anerkennen und als Identitätsschatz und Orientierung für viele Menschen, denen das unglaublich helfen würde (jeder kennt solche). Man muss hier nicht so bollerköpfig sein, Atheismus und Agnostizismus tun nicht allen gut, am wenigsten einem Europa, nach dem gerade Mohammedaner die Hand ausstrecken.

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