Martin Heidegger: Die Krise Europas und ihre Überwindung

Pieter Bruegel der Ältere - Turmbau zu Babel (Wikimedia Commons/gemeinfrei)

Der Philosoph Martin Heidegger kommt in seiner Analyse der Krise Europas zu sehr ähnlichen Ergebnissen wie die vor allem aus katholischer Perspektive heraus vorgenommene christlich-konservative Analyse.

Diese geht davon aus, dass  diese Krise das Ergebnis von dessen kulturellen Loslösung europäischer Gesellschaften von dem transzendenten Ziel sei, auf das hin es in einem die Jahrhunderte umspannenden Prozess gewachsen sei. Das Ergebnis dieser Loslösung sei ein Verfalls- und Auflösungsprozess, der in eine Katastrophe münden würde, wenn er nicht durch Wiederanbindung an dieses Ziel umgekehrt werde.

In seiner „Einführung in die Metaphysik“ schreibt Heidegger entsprechend:

Dieses Europa, in heilloser Verblendung immer auf dem Sprunge, sich selbst zu erdolchen, liegt heute in der großen Zange zwischen Rußland auf der einen und Amerika auf der anderen Seite. Rußland und Amerika sind beide, metaphysisch gesehen, dasselbe; dieselbe trostlose Raserei der entfesselten Technik und der bodenlosen Organisation des Normalmenschen. […] Der geistige Verfall der Erde ist so weit fortgeschritten, daß die Völker die letzte geistige Kraft zu verlieren drohen, die es ermöglicht, den […] Verfall auch nur zu sehen und als solchen abzuschätzen. Diese einfache Feststellung hat nichts mit Kulturpessimismus zu tun, freilich auch nichts mit einem Optimismus; denn die Verdüsterung der Welt, die Flucht der Götter, die Zerstörung der Erde, die Vermassung des Menschen, der hassende Verdacht gegen alles Schöpferische und Freie hat auf der ganzen Erde bereits ein Ausmaß erreicht, daß so kindische Kategorien wie Pessimismus und Optimismus längst lächerlich geworden sind. Wir liegen in der Zange. Unser Volk erfährt als in der Mitte stehend den schärfsten Zangendruck […]. Aber aus dieser Bestimmung, derer wir gewiß sind, wird sich dieses Volk nur dann ein Schicksal erwirken, wenn es in sich selbst erst einen Widerhall, eine Möglichkeit des Widerhalls für diese Bestimmung schafft und seine Überlieferung schöpferisch begreift. All das schließt in sich, daß dieses Volk als geschichtliches sich selbst und damit die Geschichte des Abendlandes aus der Mitte ihres künftigen Geschehens hinausstellt in den ursprünglichen Bereich der Mächte des Seins.  […] Gerade wenn die große Entscheidung über Europa nicht auf dem Wege der Vernichtung fallen soll, dann kann sie nur fallen durch die Entfaltung neuer geschichtlich geistiger Kräfte aus der Mitte. Fragen: Wie steht es um das Sein? – das besagt nichts Geringeres als den Anfang unseres geschichtlich-geistigen Daseins wieder-holen, um ihn in den anderen Anfang zu verwandeln. Solches ist möglich. Es ist sogar die maßgebende Form der Geschichte, weil es im Grundgeschehnis ansetzt. Ein Anfang wird aber nicht wiederholt, indem man sich auf ihn als ein Vormaliges und nunmehr Bekanntes und lediglich nachzumachendes zurückschraubt, sondem indem der Anfang ursprünglicher wiederangefangen wird, und zwar mit all dem Befremdlichen, Dunklen, Ungesicherten, das ein wahrhafter Anfang bei sich führt. Wiederholung, wie wir sie verstehen, ist alles andere, nur nicht die verbessemde Weiterführung des Bisherigen mit den Mitteln des Bisherigen.

Wesentliche Aussagen der Analyse Heideggers sind somit diese:

  • Die Krise Europas ist das Ergebnis des Vordringens moderner Ideologien, die sowohl in ihren totalitären als auch in ihren liberalen Formen ähnliche Verfallserscheinungen und Auflösungsprozesse fördern würden.
  • Der mit diesen Auflösungsprozessen einhergehende Verlust an geistiger Substanz führen zunehmend dazu, dass Menschen nicht nur unfähig werden diesen Prozess aufzuhalten oder umzukehren, sondern auch seine Ursachen überhaupt wahrzunehmen.
  • Europa ist aus der Anbindung an ein transzendentes, geistiges Ziel entstanden. Seine Krise ist das Ergebnis der Loslösung von diesem Ziel, und die Überwindung dieser Krise erfordert eine Wiederanbindung an ein solches.

Zum Ende seines Lebens hin wurde Heidegger, der sich selbst vom Christentum gelöst hatte, noch deutlicher, was seine Analyse der Ursache der Krise Europas und des Weges zu ihrer Überwindung angeht:

Nur noch ein Gott kann uns retten. Uns bleibt die einzige Möglichkeit, im Denken und im Dichten eine Bereitschaft vorzubereiten, für die Erscheinung des Gottes oder für die Abwesenheit des Gottes im Untergang; dass wir im Angesicht des abwesenden Gottes untergehen.

Ein Vorhaben, das sich darauf beschränken würde, eine reine Zweckgemeinschaft zur Erreichung bestimmter materieller Ziele zu sein, könnte der Krise Europas vor diesem Hintergrund nicht gewachsen sein. Ein Vorhaben, das im Kontext der Krise Europas dauerhafte Wirkung erzielen soll, muss zwar auch solche Eigenschaften aufweisen, aber sie würden alleine nicht ausreichen.

Ein solches Vorhaben könnte zwar auch Menschen mit einschließen, die selbst keinerlei Bindung an ein transzendentes Ziel haben und vorwiegend materielle Ziele verfolgen, aber wenn das Vorhaben selbst diese Bindung nicht hätte, könnte es in einem kulturell bereits im fortgeschrittenen Auflösungszustand befindlichen Umfeld keine erneuernde oder auch nur konservierende Wirkung erzielen. Es könnte vor allem aber nicht Teil eines der Identitätskerne sein, um die herum Europa ursprünglich entstanden ist, und um die herum es sich geistig wieder neu bilden müsste. (ts)