Die islamische Hizmet-Bewegung: Traditionelles Leben in modernen Gesellschaften

Iwan Aiwasowski - Ansicht Konstantinopels (gemeinfrei)

Die islamische Hizmet-Bewegung (nach ihrem Gründer Fethullah Gülen auch “Gülen-Bewegung” genannt), die im Zusammenhang mit dem versuchten Staatsstreich in der Türkei im Sommer allgemein bekannt wurde, ist vielleicht die interessanteste konservative kulturell-religiöse Bewegung der Gegenwart überhaupt, denn es ist ihr wie keiner anderen gelungen, unter den Bedingungen moderner Gesellschaften Strukturen zu schaffen, innerhalb derer traditionelle Identitätskonzepte nicht nur fortbestehen können, sondern an Raum gewinnen.

Beobachter dieser Bewegung sprechen davon, dass die Bewegung nicht nur Nischen der Tradition in modernen Gesellschaften erfolgreich verteidige, sondern sich der Stärken der Moderne bediene, um eine “Islamisierung der Moderne” zu bewirken. Dabei hat sie bis zum Sommer 2016 nicht nur in der Türkei gemessen an ihren eigenen Zielen einige Erfolge erzielt.  So verfügt die Bewegung weltweit nicht nur über mehrere Millionen Unterstützer, sondern unterhält alleine in Deutschland rund 30 Privatschulen, wobei es sich überwiegend um Gymnasien handelt. Hier sollen einige die Ursachen dieser Erfolge dieser Bewegung betrachtet werden.

  • Die Bewegung („Hizmet“ bedeutet „Dienst“) hat ein islamisches Dienstethos entwickelt, das vor allem Männer anspricht. Unter „Dienst“ versteht die Bewegung dabei vor allem die Schaffung einer islamischen Ordnung durch Arbeit an sich selbst im Sinne umfassender Bildung. Dienst im Sinne der Bewegung kann aber auch das Engagement der Mitglieder für das Gemeinwesen sein, was in der Türkei etwa in Form des Eintritts in die Behörden sowie in meinungsbildende Institutionen erfolgte.
  • Das Ziel der Bewegung ist die Schaffung einer von ethnischen Türken getragenen islamischen Ordnung. Dieses steht für sich genommen in deutlichem Widerspruch zu den Zielen moderner Ideologien. Die Bewegung tritt aber nicht als Gegner der Moderne auf, sondern erkennt deren Stärken an und nutzt sie für sich. Sie trennt zwischen für sie und ihre Ziele nützlichen liberalen Konzepten politischer Ordnung einerseits und liberalen Vorstellungen individueller Lebensführung andererseits.
  • Ihre Bejahung liberaler politischer Ordnung ist dabei nicht nur taktischer Natur. An einer Minimierung staatlicher Eingriffe hat sie etwa ein ausgeprägtes Interesse, da diese ihren Zielen nur schaden können, solange sie nicht selbst die Regierung stellt. Sobald sie in der Lage wäre, Regierungen zu stellen, würde sie solche Eingriffe zudem zur Erreichung ihrer Ziele kaum benötigen, weil sie diese über die Bildung der Mitglieder und deren Wirken als Identitätskerne erreichen will. Toleranz, Pluralismus und Religionsfreiheit werden von der Bewegung ebenfalls positiv gesehen, weil sie ihr den Raum gewähren, den sie für ihre Aktivitäten benötigt und ansonsten mit beliebigen Inhalten ausgefüllt werden können. An einer Aufweichung der Vertragsfreiheit oder an staatlicher Umverteilung hat sie ebenfalls wenig Interesse, weil davon andere Personen auf Kosten der eigenen Mitglieder profitieren und der eigenen Gemeinschaft Ressourcen entziehen. Naturwissenschaft und Technik werden durch die Bewegung bejaht und die entsprechende Bildung der eigenen Mitglieder mit großem Aufwand gefördert weil sie Macht verleihen und den Zugang zu gesellschaftlichen Eliten ermöglichen. Gleichzeitig wird jedoch materialistische moderne Ideologie entschieden abgelehnt.
  • Die Bewegung wirkt durch Dienstvorhaben, mit denen sie vor allem Elitenbildung betreibt, etwa über hochwertige  Schulen und schulnahe Angebote. Diese schließen aktiv niemanden aus und entsprechen somit den Anforderungen modern-liberaler Gesellschaften. Sie sind jedoch implizit so gestaltet, dass sie nur für die Zielgruppen der Bewegung interessant sind oder von den Angesprochenen die Übernahme des eigenen Identitätskonzepts verlangen. Unter den Angesprochenen werden dann diejenigen für die aktive Mitarbeiter in der Bewegung gewonnen, die Interesse an konservativen islamischen Ideen erkennen lassen, während die Dienstvorhaben als solche säkular gestaltet sind und denen, an die sie sich richten, in erster Linie praktischen Nutzen bringen. Sie sind insgesamt so gestaltet, dass sie insgesamt ein konservatives islamisches Leben unter den Bedingungen einer säkularen Gesellschaft unterstützen und so dem Ziel der Bewegung dienen.
  • Die Bewegung verfügt über ein abgestuftes System des Engagements und der Bindung. Der kleine und weltanschaulich besonders gefestigte Kern der Bewegung ist quasi hauptamtlich für sie tätig, während am anderen Ende des Spektrums sogar Nichtmuslime mitwirken, die einzelne Dienstvorhaben unterstützen. Der säkulare Charakter der Dienstvorhaben ermöglicht hier eine gewisse Offenheit, wobei sichergestellt ist, dass alles Engagement am Ende den Zielen der Bewegung dient.
  • Während die Öffentlichkeit in erster Linie die für das Gemeinwesen allgemein nützlichen, säkular gestalteten Dienstvorhaben zu Gesicht bekommt, findet die konservative islamische Bildungarbeit und Gemeinschaftsbildung in nichtöffentlichen Kreisen statt, deren Mitglieder durch Ansprache fähiger, weltanschaulich aufgeschlossener und motivierter Personen aus dem Umfeld der Dienstvorhaben der Bewegung sowie der türkischen Bevölkerung allgemein gewonnen werden. Diese Kreise werden als “emotionale und intellektuelle Heimat” beschrieben, die zudem eine Solidarstruktur darstellt.
  • Die weltanschauliche Festigung des Kerns der Bewegung stellt sicher, dass diese auch ohne zentrale Führung funktionieren könnte, weil alle führenden Personen die angestrebten Ziele kennen, sich mit ihnen identifizieren und kompetent genug sind, diese auch eigenverantwortlich verfolgen zu können. Da die Bewegung zudem keine formelle Mitgliedschaft vorsieht und dezentral organisiert ist, wird sie wohl auch das laufende Vorgehen des türkischen Staates gegen sie überleben.
  • Die Bewegung weicht unnötigen Konflikten aus und verzichtet auf die Betonung von Feindbildern, die den eigenen Zielen geschadet hätten. Für islamische Akteure ungewöhnlich ist die Bewegung etwa ausgesprochen USA-freundlich, was ihr zusätzliche Handlungsspielräume eröffnet. Allgemein definiert sich in der Öffentlichkeit kaum über das, was sie ablehnt oder bekämpft. Es wird zwar deutlich, dass sie sich als Teil eines großen Kampfes wahrnimmt, wobei der Gegner meist aber nur abstrakt als „Materialismus“ etc. benannt wird. Deutlicher wurde man in der Vergangenheit gegenüber dem Kommunismus, was der Bewegung bei ihren Aktivitäten in westlichen Gesellschaften aber eher nützte.

Auf die zahlreichen Schwächen bestehender konservativer kultureller und religiöser Organisationen und Bewegungen in Deutschland Europa wird noch näher eingegangen werden. Der Hizmet-Bewegung ist es jedoch gelungen, viele dieser Schwächen zu vermeiden. (ts)