Religion und Identität: Christliche Kultur in Bayern

Karl Friedrich Schinkel - Gotischer Dom am Wasser (Wikimedia Commons/gemeinfrei)

Die Konfrontation mit dem meist islamischen Fremden und mit den Folgen der Auflösung der eigenen Kultur und Tradition im Zuge von Moderne und Postmoderne hat eine Identitätsdebatte hervorgebracht, in der der Begriff der Identität vorwiegend das zunehmende Bewusstsein einer Lücke ausdrückt. In dieser Debatte wird eine gewisse Orientierungslosigkeit offenbar, denn an eine Tradition angebundene und in ihr verwurzelte Menschen haben in der Regel keinen Bedarf sich einer Sache zu vergewissern, derer sie sich bereits sicher sind.

Die geistige Krise eines von seiner Tradition bereits weitgehend abgelösten Europas macht Identitätsdebatten jedoch erforderlich, und auf die ihnen zugrundeliegende Frage, was Deutschland und Europa innerlich ausmacht, gibt es verschiedene Antworten. Der Autor Don Alphonso, der sich selbst als Atheist bezeichnet, beobachtet in diesem Zusammenhang in einem aktuellen Beitrag, wie Menschen sich als Antwort auf die Identitätsfrage zunehmend wieder der historisch gewachsenen christlichen Tradition Europas zuwenden:

Es ist nur eine Kapelle am Wegesrand, mag man vielleicht glauben, aber ich komme hier oft vorbei, und ich kenne sie auch an den Tagen, da sie benutzt wird. An Maria Himmelfahrt beispielsweise, einem Feiertag, den man im Norden nur kennt, weil die Bayern ungerechterweise schon wieder frei haben. An diesem Tag sind bei der Kapelle Andachten, inzwischen mit Priester, mit Gebeten, Musik und Fahnen. Fahnen des Landes und Fahnen der Kirche. Und weil ich hier seit 10 Jahren vorbei komme, sehe ich auch, wie sich das entwickelt. Gemäss dem Fortschreiten der Aufklärung dürften hier nur noch alte Männer und Frauen sein. Aber dieses Jahr war es völlig überfüllt mit Menschen jeden Alters. Dieses Jahr bremsten dort Radler und schlossen sich an. Die Leitkulturdebatte wird hier nicht mehr geführt. Sie ist bereits entschieden. …

Junge Männer werden zu alt für Frei.Wild-Konzerte, und irgendwann bekommen sie auch Kinder, die Annamirl heissen, oder sie geben ihnen Zweitnamen wie Korbinian, Agatha und Quirin, passend zum Heiligenkalender der Kirche. Das war in meiner Jugend wie die meisten Traditionen völlig aus der Mode, heute kommt es wieder. Es gibt mit der kulturell verwurzelten Religion noch etwas, an das sich die Menschen hier halten können, also tun sie es. Das gibt ihnen sonst keiner.

In einem Punkt soll Don Alphonso hier widersprochen werden: Er schreibt, dass das „Angebot an die Identität“, das die katholische Religion Menschen mache, in Teilen Bayerns funktioniere, „weil Religion, ob man es mag oder nicht, ein wichtiger Bestandteil der Kultur ist.“ Dies erklärt jedoch nicht, warum gerade jüngere Menschen, deren Eltern meist bereits in eine religionsferne moderne Kultur assimiliert wurden und die selbst in dieser Kultur aufwuchsen, zu einer Religion zurückkehren, die eben nicht mehr Bestandteil ihrer Lebenswelt war.

Tatsächlich ist Religion nicht nur Bestandteil der traditionellen Kultur, sondern diese Kultur ist im Wesentlichen das Ergebnis der über Jahrhunderte organisch erfolgten zunehmenden Durchdringung des sozialen Lebens durch die Religion. Eine von der christliche Religion noch zu trennende traditionelle Kultur existiert in den christlich geprägten Teilen Europas, in denen sich diese Durchdringung vollzogen hat, praktisch nicht.

Eine Wiederanbindung Europas an seine Wurzeln und seine Identität wäre daher gleichbedeutend mit einer Wiederdurchdringung des sozialen Lebens und der Kultur durch die Religion und nicht eine bloße sozial nützliche Begleitung der modernen Gesellschaft durch christliche Folklore. Die Hinwendung zur einer traditionell geprägten Religion erfolgt vor diesem Hintergrund nach unserer Beobachtung oft nicht, weil diese noch vertraut ist, sondern gerade weil sie im deutlichen Gegensatz zur viel vertrauteren modernen Kultur  steht.

Vertreter der Moderne erklären sich eine solche Hinwendung in der Regel mit Verunsicherung und charakterlicher Schwäche seitens des Hinwendenden, der mit den Anforderungen des modernen Lebens nicht zurechtkomme und darauf mit Flucht in irrationale Gefühlswelten reagiere. Tatsächlich steht hinter solcher Hinwendung in der Regel aber nicht Überforderung sondern eine bewusste Entscheidung, was sich auch daran zeigt, dass es in der Regel nicht die weniger gebildeten oder die sozial schwächeren Bevölkerungsteile sind, welche diese Hinwendung vollziehen.

Noch ist offen, was auf sich das vollziehende Scheitern von Moderne und Postmoderne in Europa folgen wird, aber es besteht zumindest die Möglichkeit, dass aus ihren Ruinen ein Europa geschaffen werden kann, das seine Tradition wieder aufgreift und fortsetzen wird. (ts)

8 Kommentare

  1. Das Bedürfnis nach Identität und Rückbesinnung wächst. Kein Zweifel.
    Die Rückbesinnung auf unsere christlichen Wurzeln wäre aber viel einfacher und erfolgreicher, wenn man dabei nicht mit einem gewaltigen theologischen Problem zu kämpfen hätte.

    Das Christentum fußt in besonderem Maße auf mythisch-vorrationalen Grundannahmen, die für den gesunden Menschenverstand bereits vor 200 Jahren schwer verdaulich waren, heute aber eine zu große intellektuelle Zumutung für moderne Menschen bedeuten: die Jungfrauengeburt, dann der in gewisser Weise völlig unlogische Gedanke, dass Gott wegen der Sünden der von ihm geschaffenen Menschen seinen eigenen Sohn von diesen Menschen umbringen lässt, und zwar mit der Aussage, dass diese Menschen dann dadurch erlöst seien (das ist intellektuell schon starker Tobak), dann das leere Grab und die Auferstehung von den Toten, schließlich die Himmelfahrt. Anderes kommt noch hinzu: Wunderheilungen, das Gehen über das Wasser usw.
    Das sind alles Dinge, die vor der Aufklärung des 18. Jahrhunderts und in Kulturen mit einem Hang zu magischer Weltsicht vielleicht noch vermittelbar waren, heute aber zu unwahrscheinlich, zu mythisch wirken. Nur in Afrika kann man damit heute noch missionieren.

    Man sollte nicht darauf bauen, dass moderne Menschen nur deswegen wieder bereit seien, solch vorrationalen Vorstellungen zu folgen, weil sie durch Einwanderung, Kriminalität und diverse Auflösungsprozesse bedroht sind.
    Eben DAS ist ja das Dilemma! Die Fundamente und Wurzeln, auf die man sich in solch gefährlich-chaotischen Zeiten zurückbesinnen müsste, sind total beschädigt.

    Wahrscheinlich könnte man sogar soweit gehen und sagen, dass es ohne die seit etwa 1900 andauernde schleichende Implosion der christlichen Religion gar nicht zur heutigen Schwäche der europäischen Länder gekommen wäre!

    Nun auf etwas zu bauen, was durch seine eigene Schwäche zur heutigen Krise Europas beigetragen hat, scheint mir ein gefährliches Unterfangen.
    Ich sage nicht: ein unmögliches Unterfangen. Unmöglich wäre es meines Erachtens nur, wenn man nicht gleichzeitig die Risse im Fundament, d.h. die theologischen Schwächen und Irrtümer ausbessern würde.

    Ohne eine grundlegende Reformierung und Neuinterpretierung des christlichen Glaubens wird diese Religion, so fürchte ich, weiterhin derart unverständlich bleiben, dass sie als Fundament für die gewünschte Rückbesinnung auf eigene Traditionen ausfällt.
    Nur dann würde eine erneuerte Religion entstehen, die für moderne Menschen annehmbar wäre, wenn man sich von so mancher Deutung, so mancher Bibelstelle löste, wenn womöglich selbst der Kanon des Neuen Testaments eine neue Zusammenstellung erführe – etwa durch die Berücksichtigung des Thomas-Evangeliums – , wenn es zu einer Neuformulierung des Glaubensbekenntnisses von Nicäa käme, wenn man vieles für wörtlich Genommene endlich offiziell als bloße Metapher begriffe und wenn insbesondere die spirituellen Quellen einer Suche im Namenlosen wieder mehr bekannt gemacht würden.

    Dass es auch bei uns heute eine Bereitschaft zur Beschäftigung mit Religion und Spiritualität gibt, beweisen ja der Boom der diversen Esoterik-Bereiche, das Interesse vieler Menschen an einem Besuch im Kloster und auch die Begeisterung für den Buddhismus des Dalai Lama.

    Man sollte sich bewusst sein, dass auch die heutige Lesart des Christentums – das Glaubensbekenntnis und die Zusammenstellung des Neuen Testaments – ja nicht von Jesus selbst begründet wurde, sondern das Werk politisch beeinflusster Menschen war. Unter dem zeitweisen Vorsitz von Kaiser Konstantin wurde auf dem Konzil von Nicäa (325) vieles beschlossen und für verbindlich erklärt, was man bis heute zu glauben hat.

    Mit anderen Worten: Das Christentum ist in wesentlichen Teilen ein Konstrukt spätantiker Religionspolitik. Sich von solchen Konstrukten zu lösen sollte eigentlich möglich sein. Ohne die zumindest teilweise Loslösung von diesen antiken politischen Setzungen dürfte unsere Religion aber erstens nicht zu retten sein und zweitens kein Fundament für ethnisch-kulturelle Selbstbehauptung darstellen können.
    Die Frage ist nur, wer das organisiert und wo der neue Luther ist … Aber auch der historische Luther ist vor 500 Jahren ein schwarzer Schwan gewesen …

    • @Waldgänger
      Fortgeschrittene theologische Konzepte eignen sich kaum für einen Einstieg in das Thema und müssen zwangsläufig erst einmal fremdartig wirken. Ansonsten tragen Teile der Kirche gewiss eine Mitverantwortung an dem großen Abwendungs- und Auflösungsprozess, der schon deutlich vor dem Jahr 1900 begann. Nun wirken hier bislang keine Theologen mit (auch wenn einer indirekt unterstützt), und mit einer Überarbeitung des Christentums oder gar dem Entwurf einer neuen Religion wären wir hier eindeutig überfordert, aber ich persönlich bin optimistisch, dass eben keine “Reformierung und Neuinterpretierung” erforderlich ist, sondern das Anknüpfen an vorhandene Bestände vollkommen ausreicht und auch für moderne Menschen ausreichend ist, ohne dass diese dafür ihren Verstand ausschalten müssten; ganz im Gegenteil.

  2. Ja, @Waldgänger, theologisch haben es Moslems mit ihrem sehr abstrakten Gott, der m.E. im Grunde nur eine Autoritätsfiktion zur Absegnung ihres Propheten ist, viel leichter. Auch dass der Prophet angeblich der letzte ist und sich das (stark vereinfachte und tlw. missverstandene) Christentum theologisch einverleibt, könnte ein Problem sein. Vielleicht aber auch gerade nicht

    Ich glaube, man geht hier, m.E. zutreffend, davon aus, dass Religion von emotionaler Zugehörigkeit lebt und nicht von theologischen Spitzfindigkeiten, credo quia absurdum est. Ich selber würde sogar behaupten, dass man kommend zum Christen „gemacht“ werden wird, durch die islamische Feindbestimmung, so wie etwa um 1810 das deutsche Nationalgefühl (wieder)entdeckt wurde von diversen Untertanen mitteleuropäischer Fürstentümer, ganz einfach weil der expansive französische Nationalismus sie unter Druck setzte, eine identitäre Antwort herausforderte. Es ist so abwegig nicht, dass der neu entfachte, triumphalistisch bis terroristische Islam die Europäer auf ihre christliche Identität zurückbesinnt, defensiv.

  3. Exotherischer Ansatz: „Der erste Schluck aus dem Becher der Wissenschaft führt zum Atheismus, aber auf dem Grund des Bechers wartet Gott. … “ Heisenberg.

  4. @ Graurabe
    Stimme zu, dass die „emotionale Zugehörigkeit“ wichtiger ist als theologische Feinheiten. Insofern stimme ich Ihnen teilweise zu – und die von Don Alphonso berichtete stärkere Wertschätzung der Kapelle usw. bestätigt das ja auch in Bayern. Wohlgemerkt: in Bayern.
    Emotionale Zugehörigkeit setzt voraus, dass trotz einer ansonsten absolut säkularen, ja atheistischen Lebensweise noch Restbindungen zum Christentum bestehen. In Bayern oder Hessen ist das allerdings häufiger als in dernlänger atheistisch geprägten Gegenden Ostdeutschlands.
    Hinzu kommt, dass es aber auch Menschen gibt, die der theologischebn Feinheiten wegen auf Abstand gehen – und den Grund des Bechers nie gesehen haben.

    @ Exmeyer
    Sehr schönes Zitat. Ja.
    Und genau darum geht es: den Grund des Bechers wieder zu sehen trotz theologischer Zumutungen und trotz der Verweltlichung der Kirche mit ihren politisierten Kirchentagen.

  5. @ts

    […] dass es in der Regel nicht die weniger gebildeten oder die sozial schwächeren Bevölkerungsteile sind, welche diese Hinwendung vollziehen.

    Diese Analogie würde ich an Ihrer Stelle aus dem Repertoire streichen, denn wen man „gebildet und wohlhabend“ als Indiz für Intelligenz versteht, dann müssen Sie sich rechtfertigen, warum gerade jene Menschen, die vollstens auf diese Beschreibung zutreffen, ziemlich Dumme Entscheidungen in Wirtschaft, Politik und sonstigen Bereichen der Gesellschaft treffen. Ich weise auf unsere vergangene Debatte über Intelligenz hin, wo ich ziemlich gut skizziert habe, weshalb Bildunsabschlüsse oder Wohlstand so viel mit Intelligenz zu tun haben, wie eine Eidechsen mit Luft- und Raumfahrt.

    Noch ist offen, was auf sich das vollziehende Scheitern von Moderne und Postmoderne in Europa folgen wird […]

    Das hängt davon ab, ob sie „Moderne“ mit Verfallserscheinungen gleichsetzen. Diese sind nicht im Zuge dessen, zu „scheitern“, denn in den Trümmern werden die Elfenbeintürme noch lang‘ und strahlend emporstechen.

    @Exmeyer

    Das Zitat stimmt nur, wenn der Becher hochprozentigen Vodka enthält.

  6. @ G. Wheat: Neeneenee! Im Boden eines Glases Wodka sitzt eher Nikolai Walujew und der langt regelmäßig mit nem mächtigen Hammer zu. Das gilt aber nur für Menschen diesseits der Schnaps-Hemisphäre. Für die jenseitig der Schnaps-HKL (bzw. VRV) Aufgewachsenen sitzt am Grunde des Glases nur Tolstoj und liest schleppend aus Krieg und Frieden vor. Bei Bier statt Wodka sind die Rollen vertauscht, bei uns sitzten in der letzten Flasche Bier die Buddenbrooks, aber für nen Russen Thor (und das schließt den Kreis zur Heisenberg-Wheat-String-Theorie). Und: Zwischen FLOT und FLET liegt der Übergangsraum.

    Wie die Lage in den Regionen ist, in denen man umgekippten Weinsaft trinkt, so im BOF (Bavarian Opressed Frankonia) kann ich nicht beurteilen. Wer wartet am Boden eines Weinglases?

    Dazu eine russische Weisheit: Ein „Danke“ kann man sich nicht in die Tasche stecken und hilft auch nicht gegen Durst.

    @ts: Hoffentlich ertragen die Hausherren den gelegentlichen Anflug von Dummsabbelei.

  7. @G. Wheat

    Bzw. der Schierlingsbecher. An dessen Ende wartet auch Gott. Zynischer Humor (den ich ansonsten sehr schätze) beiseite: So oder so, Europas Zukunft wird religiös sein, das kann man bedauern oder eben akzeptieren und eine religiöse Lösung vorbereiten. Warum sollte Europa denn eine Ausnahme bilden in einer sich re-mythifizirenden Welt ? Die Alternative wäre wie gesagt das Verschwinden und die Überlassung an andere – religiöse – Völker.

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