Simone Weil: Der Wunsch des Menschen nach Wurzeln

Das christliche Europa - Ausschnitt aus dem Genter Altar (Wikimedia Commons/gemeinfrei)

Die in einer jüdischen Familie aufgewachsene, 1943 verstorbene französische Philosophin Simone Weil sympathisierte zeitweise mit dem Kommunismus, wandte sich gegen Ende ihres Lebens aber dem Katholizismus zu. Im Zuge dieser geistigen Entwicklung überwand sie nach und nach ihre früheren Vorstellungen, und in ihrem letzten Werk thematisierte sie den Wunsch des Menschen nach Wurzeln.

Die Verwurzelung ist wohl das wichtigste und am meisten verkannte Bedürfnis der menschlichen Seele. …  Der Mensch hat eine Wurzel durch seinen wirklichen, aktiven und natürlichen Anteil am Dasein eines Gemeinwesens, in dem gewisse Schätze der Vergangenheit und gewisse Vorahnungen der Zukunft am Leben erhalten werden. Natürlicher Anteil heißt: automatisch gegeben durch den Ort, die Geburt, den Beruf, die Umgebung. Jeder Mensch braucht vielfache Wurzeln. Fast sein gesamtes moralisches, intellektuelles und spirituelles Leben muss er durch jene Lebensräume vermittelt bekommen, zu denen er von Natur aus gehört. Der Austausch von Einflüssen zwischen sehr verschiedenen Lebensräumen ist nicht weniger unentbehrlich als die Verwurzelung in der natürlichen Umgebung. Aber ein bestimmter Lebensraum darf einen äußeren Einfluss nicht als Beitrag empfangen, sondern als einen Antrieb zur intensiveren Gestaltung seines eigenen Lebens. Er darf sich von äußeren Beiträgen erst dann nähren, wenn er sie verdaut hat…. Die Entwurzelung ist mit Abstand die gefährlichste Krankheit der menschlichen Gesellschaften,

Dem christliche Menschenbild wird von seinen Kritikern zum Teil Naivität oder „Universalismus“ vorgeworfen, weil es natürliche Bindungen des Menschen leugne und zugunsten übergeordneter Bindungen auflösen wolle.  Wo entsprechende Positionen jedoch mit christlichem Bezug vorgebracht werden, handelt es sich um einen Ausdruck außerchristlicher Einflüsse moderner Ideologien.

Das christliche Menschenbild, das auch die Grundlage für den konservativen Realismus bildet, betont hingegen gerade die Bedeutung natürlicher Bindungen (angefangen bei der Familie) und die nicht dem Einfluss des Willens unterworfenen und daher auch gesellschaftlich nicht veränderbaren Eigenschaften menschlicher Identität. So konnte sich auch Simone Weil wie viele andere vor ihr im Zuge ihrer Hinwendung zum Christentum von früheren utopischen Vorstellungen bzgl. des Menschen und seiner Natur trennen.

Eine Besonderheit dieses Menschenbildes ist es, dass es Aspekte von Identität aufeinander bezieht und auf höhere Ziele hinordnet. So beugt dieses Menschenbild den in allen Ideologien der Moderne anzutreffenden Vorstellungen vor, die einzelne Aspekte menschlicher Identität auf Kosten anderer zum Schaden des Menschen überbetonen oder leugnen. Es gilt daher, das christliche Menschenbild und die lange Tradition  seiner philosophischen und naturwissenschaftlichen Begründung als Gegenmittel zu den Auflösungserscheinungen der Gegenwart wiederzuentdecken und unverzerrt zu vermitteln. (ts)