Ernst Jünger: Die Idee der Unsterblichkeit und der unbesiegbare Mensch

Carlo Crivelli - Der heilige Stephanus (Wikimedia Commons/gemeinfrei)

Jede Kultur und jedes auf Dauer ausgelegte Gemeinwesen beruht zuallererst auf religiösen Bindungen. Größere areligiöse oder atheistische Gemeinschaften jenseits der Familie zerbrachen immer spätestens dann, wenn sich eine relevante Zahl von Mitgliedern von einem Festhalten an der Gemeinschaft keinen materiellen Vorteil mehr versprach. Religiöse Bindungen sind jedoch gleichzeitig mit dem Problem verbunden, dass sie kaum rational vermittelbar oder auf Nutzenkalkül zu begründen sind.

Versuche, Religionen mit dem Ziel zu schaffen oder zu vermitteln, einer bestimmten Gemeinschaft zu nützen, scheiterten ausnahmslos, wie u.a. diverse nationalreligiöse Bestrebungen zeigen, die vor allem diesem Zweck dienen sollten, und die nur selten auf echtem religiösen Glauben in Form von innerer Ergriffenheit beruhten.

Der Schriftsteller Ernst Jünger trat gegen Ende seines Lebens zum katholischen Glauben über, der davon ausgeht, dass Glauben nicht das Ergebnis rationaler Überlegungen oder zweckorientierter Überlegungen ist, sondern auf übernatürliche Weise im Menschen hervorgerufen wird. Wo dies geschiehe, gewinne der Mensch eine Kraft, die durch nichts in der Welt bezwungen werde könne, selbst wenn er als Träger dieser Kraft vernichtet würde. Die enorme Zahl der Märtyrer, die diese und ähnliche Glaubensrichtungen hervorgebracht haben, bezeugt die Richtigkeit dieses Gedankens. Materialistische Bewegungen haben nichts derartiges vorzuweisen. Ernst Jünger hatte diesen Gedanken im Waldgang auf seine Weise formuliert:

Wo es Unsterblichkeit gibt, ja, wo nur der Glaube an sie vorhanden ist, da sind auch Punkte anzunehmen, an denen der Mensch durch keine Macht und Übermacht der Erde erreicht oder beeinträchtigt, geschweige denn vernichtet werden kann…Der freilich ist am leichtesten einzuschüchtern, der glaubt, daß, wenn man seine flüchtige Erscheinung auslöscht, alles zu Ende sei. Das wissen die neuen Sklavenhalter, und darauf gründet sich die Bedeutung der materialistischen Lehren für sie.

Deutschland und Europa stehen ohne Zweifel sehr schwere Zeiten bevor, und um sie zu überstehen und ihr Erbe weiterzutragen wird Glaube in der von Jünger geschilderten Form erforderlich sein. Anders als die Analyse der mit diesen schweren Zeiten verbundenen Verfalls- und Auflösungserscheinungen kann dieser Glaube aber nicht auf rationalem Weg gewonnen oder vermittelt werden. Man kann nur danach suchen und von ihm gefunden werden. Dass dies möglich ist, kann der Autor dieser Zeilen bestätigen, dem dies im vergangenen Jahr beim Versuch geschehen ist, das christliche Dienstethos rational zu verstehen und für ein ernstfallorientiertes Vorhaben nutzbar zu machen. (ts)