Johannes Paul II.: „Kontrolle der Zuwanderungsströme unter Berücksichtigung der Erfordernisse des Gemeinwohls“

Ambrogio Lorenzetti - Allegorie der guten Regierung (Wikimedia Commons/gemeinfrei)

Dem Christentum wird zunehmend Naivität im Umgang mit dem Thema Migration vorgeworfen. Dazu trägt bei, dass in Teilen der Kirche vor allem in Deutschland im Zuge der jüngst auch von Benedikt XVI. kritisierten aktivistischen Tendenzen eine informierte Auseinandersetzung mit diesem Thema auf Grundlage u.a. der Soziallehre tatsächlich durch naiven Moralismus verdrängt wurde.

Wie der ganz andere Umgang mit diesem Thema etwa durch die Kirche in Polen oder Ungarn zeigt, ist dieser Moralismus jedoch ein Problem von Teilen der Kirche in Deutschland und nicht ein Problem des Christentums.

Aktivisten innerhalb der Kirche können sich bei der Forderung nach offenen Grenzen und unbegrenzter Massenzuwanderung zudem nicht auf die katholische Soziallehre berufen. Diese betont auch in der Migrationsfrage die Verpflichtung der Politik gegenüber dem Gemeinwohl sowie eine Pflicht des Staates zum gerechten Handeln. So schrieb etwa Papst Johannes Paul II. im Jahre 2003:

  • Staaten seien sittlich verantwotlich eine “Kontrolle der Zuwanderungsströme unter Berücksichtigung der Erfordernisse des Gemeinwohls” durchzuführen.
  • Es müsse das „besondere kulturelle Erbe jeder Nation bewahrt werden“. Er zitiert in diesem Zusammenhang eine Erklärung der europäischen Bischofskonferenz, die dazu aufruft dass “die nationalen Unterschiede als Fundament der europäischen Solidarität beibehalten und gepflegt werden müssen”.

Aktivisten, die sich zum Teil auf das Christentum berufen, ignorieren die Dimension des Gemeinwohls in ihren Forderungen in der Regel völlig und definieren den Begriff der Gerechtigkeit (also des angemessenen Interessenausgleichs) so um, dass diese nur durch bedingungsloses Nachgeben gegenüber ungeprüften Forderungen an das Gemeinwesen zu verwirklichen ist. Dies ist häufig verbunden mit utopischen Vorstellungen bezüglich der Folgen der geforderten Zuwanderung und mangelnder Selbstliebe im christlichen Sinne.

Innerhalb der Kirche in Deutschland mangelt es an Anstrengungen, diesen aktivistischen Tendenzen und dem resultierenden immer größeren Glaubwürdigkeitsverlust des Christentums unter Herausstellung der christlichen Tradition des Schutzes des Gemeinwohls zu begegnen.

Zu den Aufgaben, die ein Vorhaben zu leisten haben wird das auch dem Gemeinwesen dienen soll, wird daher auch das tätige Eintreten für diese Tradition gehören. Die christliche Soziallehre wäre besser als alle anderen Konzepte dazu geeignet, tragfähige Lösungen zu finden, weil andere Konzepte dazu neigen die Thematik isoliert zu betrachten und entweder die Interessen des eigenen Gemeinwesens oder die Probleme der Menschen an der Peripherie Europas nicht ausreichend berücksichtigen.

Eine praktische Aufgabe könnte etwa darin bestehen, auf Grundlage der Soziallehre ein Konzept zu entwickeln, das in der Migrationsfrage gleichermaßen dem Gemeinwohl als auch im Rahmen eines langfristig orientierten Ansatzes Menschen dient, die etwa in Syrien tatsächlich Notsituationen ausgesetzt sind. (ts)