Bischof Fulton J. Sheen: Liebe und Ungleichheit

George Romney - The Children of Granville, 2nd Earl Gower (Wikimedia Commons/gemeinfrei)

Zu den Aufgaben, die derzeit bei der Vorbereitung unseres Vorhabens seit einiger Zeit geleistet werden, gehört auch die Erschließung von Material, das die geistige Grundlage dieses Vorhabens bilden soll. Dazu ist es u.a. erforderlich, bestimmte Begriffe und Konzepte, die im Zuge moderner Entwicklungen teilweise entstellt wurden oder auch in Vergessenheit geraten sind, wieder freizulegen.

Dabei geht es auch darum herauszuarbeiten, dass das Christentum als Kern abendländischer Kultur mit den vorhandenen geistigen Beständen auch eine wesentliche Grundlage entsprechender Vorhaben bilden kann und dazu besser geeignet ist als andere Konzepte. Eines von sehr vielen Beispielen für solche Bestände sind etwa die Worte des früheren amerikanischen Bischof Fulton J. Sheen über Ungleichheit als Voraussetzung von Liebe.

Sheen hatte als Intellektueller maßgeblichen Einfluss auf den christlichen Konservatismus in den USA im 20. Jahrhundert. In einer seiner Schriften erklärte er, warum Liebe im Sinne der dienenden Ausrichtung des eigenen Lebens auf einen über ihm stehenden Gegenstand mit modernem Gleichheitsdenken unvereinbar ist:

All love on this earth involves choice. When, for example, a young man expresses his love to a young woman and asks her to become his wife, he is not just making an affirmation of love; he is also negating his love for anyone else. In that one act by which he chooses her, he rejects all that is not her. There is no other real way in which to prove we love a thing than by choosing it in preference to something else. Word and signs of love may be, and often are, expressions of egotism or passion; but deeds are proofs of love. We can prove we love our Lord only by choosing Him in preference to anything else.

Die Moderne hat kulturelle Grundbegriffe wie „Liebe“ weitestgehend ihrer eigentlichen Bedeutung beraubt, sie dabei entstellt und sie für viele Menschen unverständlich gemacht. So beschreibt „Liebe“ im modernen Sprachgebrauch weitgehend nur noch ein positives Gefühl der meist sexuell geprägten Anziehung.

Tatsächlich beruht jegliche Kultur aber auf Liebe im Sinne des griechischen Begriffes „Agape„. Ohne eine Gemeinschaft von Menschen, die über rationales Verstehen hinaus von dem Gedanken ergriffen ist, dass es etwas gibt das höheren Wert besitzt als ihr eigenes Leben und bereit dazu ist diesem höchsten Gegenstand auch gegen Widerstand und unter Opfern zu dienen, kann Kultur weder entstehen noch bestehen. Solche Gemeinschaften müssen somit auf Glaube beruhen um im Sinne tätiger, dienender Liebe zu wirken; und damit dies gelingt, müssen sie sich von modernem Gleichheitsdenken trennen, denn wenn man allen Dingen Gleichwertigkeit unterstellt, werden Glaube und vor allem Liebe im eigentlichen Sinne dieser Begriffe unmöglich.

Die Wiederentdeckung solcher Konzepte und die Erschließung der entsprechenden Bestände ist mit einigem Aufwand verbunden. Die Alternative wäre aber, eine geistige Grundlage neu zu erschaffen. Sämtliche Ansätze in dieser Richtung, von denen es seit dem 19. Jahrhundert einige in Europa gab, sind jedoch gescheitert bzw. haben sich als unpraktikabel herausgestellt.

Der realistischste Ansatz zur Schaffung einer geistigen Grundlage einer auf Dauerhaftigkeit und Bewältigung der bevorstehenden Verwerfungen angelegten Gemeinschaft ist daher der Anschluß an die bestehende geistige Tradition Europas im Sinne ihrer Befreiung von modernen Fehlentwicklungen. Dies muss mit der eigenen inneren Befreiung vom modernen Denken verbunden sein, weil dieses wie beschreiben den Weg zum Verständnis der wesentlichen Konzepte versperrt.

Scheitern müssen auch jegliche Versuche, diese Tradition für außerhalb von ihr stehende Ziele nutzbar zu machen. Das bedeutet, dass ein Anschluß an diese Tradition praktisch nur dann möglich ist, wenn man aus der gleichen Quelle schöpft, aus der diese Tradition entstanden ist, und ohne die sie nur eine leere Form wäre. Dies wird manche Leser enttäuschen und hat auch manche Mitwirkende enttäuscht, die sich einen Ansatz zur Bewältigung der anstehenden Herausforderungen in Form eines einfachen Baukastens von Checklisten und Best-Practice-Beispielen gewünscht hätten. (ts)