Ernst Jünger: Die Natur des Menschen und das Ethos des Dienstes

Die Streiter Christi - Darstellung auf dem Genter Altar (gemeinfrei)

Der gegen Ende seines Lebens zum katholischen Glauben übergetretene Schriftsteller Ernst Jünger hat sich vor dem Hintergrund seiner Grenzerfahrungen als Soldat im Ersten Weltkrieg intensiv mit der Natur des Menschen und Glaubensfragen auseinandergesetzt. In diesem Zusammenhang behandelt er in seinem Werk auch das Ethos des Dienstes, auf das sich jedes dauerhafte Gemeinwesen stützen muss.

In seinem Werk “Der Kampf als inneres Erlebnis” geht er von einem realistischen Ansatz aus, der Konflikte als Teil der Natur des Menschen betrachtet. Der Mensch müsse sich dem stellen und diesen Aspekt seiner Natur akzeptieren:

Der Krieg ist ebensowenig eine menschliche Einrichtung wie der Geschlechtstrieb; er ist ein Naturgesetz, deshalb werden wir uns niemals seinem Banne entwinden. Wir dürfen ihn nicht leugnen, sonst wird er uns verschlingen. […] [Die] Menschen werden den Krieg niemals überwinden, denn er ist größer als sie. Wohl wird die erschöpfte Faust zuweilen sinken, wohl werden sie für Zeiten keuchend abseits stehen, wohl werden sie diesen oder jenen Krieg durch einen Frieden beenden, wohl werden sie manchmal sagen: dies sei der letzte Krieg gewesen. Aber der Krieg ist nicht tot, wenn keine Dörfer und Städte mehr brennen, wenn nicht mehr Millionen mit verkrampfter Faust im Feuer verbluten, wenn man nicht mehr Menschen als wimmernde Bündel auf die blanken Tische der Lazarette schnallt. Er wird auch nicht geboren von einigen Staatsmännern und Diplomaten, wie viele glauben. Das alles ist nur äußerlich. Die wahren Quellen des Krieges springen tief in unserer Brust, und alles Gräßliche, was zuzeiten die Welt überflutet, ist nur ein Spiegelbild.

Unter diesen Umständen sei es gefährlich für ein Gemeinwesen, wenn es Schwächen in sich pflege, die das Ausweichen vor dieser Wirklichkeit zum Ausdruck von Tugend oder Weisheit erklären:

Treibt der Geist eines ganzen Volkes solcher Richtung zu, so ist das ein Sturmzeichen des nahen Unterganges. Eine Kultur mag noch so ragend sein – erlischt der männliche Nerv, so ist sie ein Koloß auf tönernen Füßen. Je mächtiger ihr Bau, desto fürchterlicher der Sturz.

Der Fortbestand einer Kultur und eines Gemeinwesens erfordere statt dessen Männer, die sich der von Jünger beschriebenen Wirklichkeit stellen und zum schützenden Dienst bereit sind:

Da möchte jemand fragen: “Wohl mag der liebe Gott bei den stärksten Bataillonen sein, sind aber auch die stärksten Bataillone bei der höchsten Kultur?” Gerade deshalb ist es die heilige Pflicht der höchsten Kultur, die stärksten Bataillone zu haben. Es können Zeiten kommen, wo flüchtige Hufe von Barbarenrossen über die Trümmerhalden unserer Städte klappern. Nur der Starke hält seine Welt in der Faust, dem Schwachen muß sie in Chaos zerrinnen.

Ein Gemeinwesen trägt Verantwortung für jene, die ihm angehören, und für seine eigene Kontinuität. Es wäre daher unverantwortlich, wenn es von Wunschdenken über die Natur des Menschen und der Welt ausgeht. Ein Gemeinwesen soll friedfertig sein, aber angesichts der Natur des Menschen dürfte es niemals schwach sein:

Beispiele aus der Geschichte sind billig. Bei jedem Zusammenbruch sehen wir Schwäche, die irgendein Stoß von außen plötzlich offenbart. Dieser Stoß kommt jedesmal mit unfehlbarer Sicherheit; das liegt in der Einrichtung der Welt begründet. Die Sucht zu zerstören ist tief im menschlichen Wesen verwurzelt; alles Schwache fällt ihr zum Opfer. Was hatten die Peruaner den Spaniern getan? Wer Ohren dafür hat, dem singen die Urwaldkronen, die heute über den Ruinen ihrer Sonnentempel federn, die Antwort.

Dieser Wirklichkeit auszuweichen würde eine unvollkommene Welt nicht besser machen, sondern ihren schlechtesten Elementen nur diejenigen ausliefern, die in ihr am meisten Schutz bedürfen. Anderen als Mann schützenden Dienst zu verweigern, ist somit nicht Ausdruck von Tugend oder Nächstenliebe, sondern im Gegenteil von Egoismus. (ts)