Michael Houellebecq: Europa steht vor dem Selbstmord

Thomas Cole - The Course of Empire - Desolation (Wikimedia Commons/gemeinfrei)

Der französische Schriftsteller Michel Houellebecq ist vor allem durch Romane bekannt geworden, in denen er kulturelle Auflösungserscheinungen in Europa und ihre Folgen beschreibt.

In der Dankesrede anlässlich seiner Auszeichnung mit dem Frank-Schirrmacher-Preis warnt er vor dem drohenden Untergang Europas in Folge seiner kulturellen Schwäche angesichts der Herausforderung durch den Islam:

Der Jihadismus wird ein Ende finden, denn die menschlichen Wesen werden des Gemetzels und des Opfers müde werden. Aber das Vordringen des Islam beginnt gerade erst, weil die Demografie auf seiner Seite ist und Europa, das aufhört, Kinder zu bekommen, sich in einen Prozess des Selbstmords begeben hat. Und das ist nicht wirklich ein langsamer Selbstmord. Wenn man erst einmal bei einer Geburtenrate von 1,3 oder 1,4 angekommen ist, dann geht die Sache in Wirklichkeit sehr schnell. Unter diesen Umständen sind die unterschiedlichen Debatten, die von den französischen Intellektuellen geführt werden über die Trennung von Kirche und Staat, den Islam usw., von gar keinem Interesse, weil sie den einzigen relevanten Faktor, den Zustand des Paars, der Familie, gar nicht einbeziehen.

Houellebecq wird von französischen Kritikern einer “neoreaktionären Bewegung” zugerechnet. Er nimmt diese Zuschreibung an und sieht Reaktionäre als notwendige Skeptiker des utopischen “progressivistischen Glaubes” an, der darin bestehe, dass “wir in der besten aller Epochen leben und dass jede wie auch immer geartete Innovation diese, allen voraufgegangenen Epochen überlegene Epoche noch weiter verbessern wird.” Dieser Glaube sei bereits an seiner Wurzel, der von ihm als „Blutorgie“ bezeichneten französischen Revolution und ihrer Ideologie, defekt gewesen.

In seinen Werken beschränkt sich Houellebecq allerdings ganz auf die Beschreibung der Folgen und Begleiterscheinungen der von den entsprechenden Utopien geschaffenen Antikultur. Eine Wiederanbindung Europas an seine kulturellen Wurzeln scheint für ihn keine Option zu sein, weshalb er auch keine Alternativen zu Verfall, Niedergang und dem schließlichen Verlöschen Europas zu sehen scheint. (ts)