Abendländischer und orientalischer Ehrbegriff: Abgrenzung und Unterschiede

Die Streiter Christi - Darstellung auf dem Genter Altar (gemeinfrei)

In der Auseinandersetzung mit dem christlichen Ethos des Dienstes kommt dem traditionellen, christlich-inspirierten abendländischen Ehrbegriff eine besondere Bedeutung zu. Dieser unterscheidet sich deutlich sowohl von modernen Konzepten als auch vom islamisch geprägten Ehrbegriff.

Während moderne Vorstellungen auf der Grundlage egalitären Denkens dazu neigen, die Vorstellung unterschiedlicher Ränge und Achtungswürdigkeit als illegitim zu betrachten und das Konzept der Ehre daher meist ablehnen oder für überholt halten, konzentriert sich der islamische bzw. islamisch geprägte orientalische Ehrbegriff meist auf die Betonung von physischer Stärke und Durchsetzungsbereitschaft als Grundlage für Anerkennung bzw. Ehre.

Die egalitär geprägte Auseinandersetzung damit bezeichnet solches Verhalten als Ausdruck einer sog. „Ehrkultur“, womit man auch die eigene Distanz zum Konzept der Ehre unterstreicht. Problematisch ist daran, dass der traditionelle europäische Ehrbegriff in dieser Form der Auseinandersetzung vollständig aufgegeben wird und ein kulturell fremdes, in vieler Form dem christlich-abendländischen Ehrverständnis diametral entgegengesetztes Verständnis von Ehre als ausschlaggebend für die Definition des Begriffes betrachtet wird.

Der israelische Historiker Mordechay Lewy hatte in diesem Zusammenhang das Wesen des orientalischen Ehrbegriffs kulturanthropologisch beschrieben. Man neige in entsprechenden Kulturen stärker zur Aggressivität, weil dies mit Stärke assoziert werde, und fühle sich tendenziell eher herausgefordert (auch durch den in Europa üblichen offenen Blick in die Augen des Gegenübers) und findet Selbstbestätigung in der Demütigung anderer, wobei man Stärke vorzugsweise an als schwächer betrachteten Gruppen und Personen demonstriert.

Angesichts der Herausforderung durch ethnische und kulturelle Gruppen fremdartigen Ehrbegriffen müsste es in der Auseinandersetzung mit dem Thema stärker darum gehen, den eigenen Ehrbegriff zurückzugewinnen. Eine Gesellschaft, die das Konzepte der Ehre aufgibt, würde in jedem Fall Schaden nehmen und könnte auch der Herausforderung durch Kulturen mit ausgeprägtem kollektivem Selbstbewußtsein und aggressivem Ehrverständnis nicht erfolgreich begegnen.

Den christlich-abendländischen Ehrbegriff hat exemplarisch etwa der Dichter Ernst Moritz Arndt beschrieben:

Wer das Schwert trägt, der soll freundlich und fromm sein wie ein unschuldiges Kind, denn es ward ihm umgürtet zum Schirm der Schwachen und zur Demütigung der Übermütigen. Darum ist in der Natur keine größere Schande, als ein Krieger, der die Wehrlosen misshandelt, die Schwachen nöthet, und die Niedergeschlagenen in den Staub tritt.

Dieser Ehrbegriff beruht zwar auch auf Stärke, beinhaltet darüber hinaus aber auch die Vorstellung der Rücksichtnahme des Stärkeren gegenüber dem Schwächeren als eine starken Eigenschaft. Er beinhaltet zudem die Vorstellung, dass der Starke in erster Linie größere Pflichten und nicht größere Ansprüche gegenüber seinen Mitmenschen hat. Der abendländische Ehrbegriff ist somit ein christlich inspirierter Ehrbegriff. Er ist kulturell notwendig, um den Starken zu disziplinieren und sein Handeln in den Dienst guter Ziele zu stellen.

Damit dies gelingt, muss neben der Anerkennung von Ehre im Sinne der guten Anwendung von Stärke auch Schande als solche benannt und Achtung verweigert werden, wenn die Bedingungen von Achtungswürdigkeit in einer bestimmten Handlung nicht erfüllt sind. Je drohender  „Respekt“ von bestimmten Personenkreisen eingefordert wird, desto größer die Wahrscheinlichkeit, dass dieser gerade hier verweigert werden müsste.

Der orientalische Ehrbegriff entspricht dabei dabei trotz allem aber immer noch der Natur des Menschen, da Ehre stets auch ein Element der Stärke besitzt. Hier unterscheidet er sich positiv vom Denken moderner westlicher Gesellschaften, die Schwäche geradezu kultivieren und z.B. besonderen Wert darauf legen, Männer zur Schwäche erziehen. So etwas provoziert die nachvollziehbare Verachtung nicht nur orientalischer Menschen. Wer sich dem verweigert und sich dem christlichen Ehrverständnis zuwendet, kann Menschen aus orientalischen Kulturen hingegen auf Augenhöhe begegnen, im Umgang mit ihnen sogar positive Erfahrungen gewinnen und ihnen ein Beispiel geben, das sie anerkennen können das sie ggf. auch zur Hinwendung zum christlichen Verständnis bewegt. (ts)