Ray Bradbury: Praktische Antworten auf den Zerfall der Kultur

Thomas Couture - Die Römer der Verfallszeit (Wikimedia Commons/gemeinfrei)

Ray Bradburys dystopischer Roman „Fahrenheit 461“ beschreibt einen fiktiven totalitären Staat der Zukunft, dessen Bevölkerung mehrheitlich seelisch so korrumpiert ist, dass sie nicht mehr aktiv unterdrückt werden muss und Abweichen von der vorgegebenen Linie als Ausdruck von Rückständigkeit oder psychischer Auffälligkeit betrachtet. Die Unterdrückung durch den Staat beschränkt sich darauf, verbliebene Bücherbestände zu vernichten, was kaum jemand noch als Verlust empfindet. Gleichzeitig steht dieser Staat vor einer unabwendbaren Katastrophe. In dieser Lage bereitet sich eine kleine Gemeinschaft darauf vor, den späteren Wiederaufbau vor allem geistig vorzubereiten.

Im Roman schildert der Leiter dieser Gemeinschaft, wie man den Herausforderungen begegnen will:

Wir haben es bloß darauf angelegt, uns die Kenntnisse, die wir einmal benötigen werden, zu sichern und zu erhalten. Vorläufig gehen wir noch nicht darauf aus, irgend jemand aufzuwiegeln oder Ärgernis zu erregen. Wenn wir vernichtet werden, stirbt das Wissen mit uns aus, vielleicht ein für allemal. Auf unsere Art sind wir vorbildliche Staatsbürger […]. 

Gelegentlich werden wir angehalten und durchsucht, aber wir tragen nichts mit uns, was uns gefährlich werden könnte. Die Organisation ist sehr locker und anpassungsfähig. […]

Gegenwärtig haben wir eine fürchterliche Aufgabe; wir warten, bis der Krieg hereinbricht und ebenso rasch wieder aus ist. Das ist nicht erquicklich, aber was willst du, wir sind nur eine überzählige Minderheit, die Rufer in der Wüste. Wenn der Krieg vorbei ist, können wir der Welt vielleicht von Nutzen sein. […]

Andernfalls warten wir eben noch. Wir geben die Bücher, mündlich an unsere Kinder weiter, und dann mögen die Kinder ihrerseits sich der Welt nützlich machen. Natürlich geht auf diese Art viel verloren. Aber man kann die Leute nicht zum Zuhören zwingen. Sie müssen sich darüber Gedanken zu machen, warum ihre Welt in die Luft geflogen ist. Einmal mußte es ja dazu kommen.

[W]ir schlossen uns zu einem lockeren Bund zusammen und stellten einen Plan auf. Das wichtigste indessen, das wir uns einhämmern mußten, war das Bewußtsein unserer Unwichtigkeit; es durfte keine Gelehrteneitelkeit aufkommen, wir durften uns nicht über andere erhaben fühlen. Schließlich sind wir nichts als Schutzumschläge für Bücher, im übrigen aber belanglos. […]

Und eines schönen Tages, wenn der Krieg überstanden ist, dann können die Bücher wieder geschrieben werden. Die Leute werden einberufen werden, einer nach dem andern, um herzusagen, was sie sich einverleibt haben, und dann geht es wieder in Druck, bis zur nächsten Kulturdämmerung, wor wir vielleicht mit der ganzen vertrackten Sache nochmals von vorne anfangen müssen. Das ist ja gerade das Wunderbare am Menschen, er läßt sich nie in dem Maße entmutigen und verbiestern, daß er jemals aufhörte, wieder von vorne anzufangen, weil er genau weiß, es lohnt sich. […]

Ein Mensch muß bei seinem Tod etwas dalassen, sagte mein Großvater. Ein Kind oder ein Buch oder ein Bild, ein Haus oder wenigstens eine Mauer, die er gebaut, oder ein Paar Schuhe, das er geschustert hat. Oder einen Garten, den er angelegt hat. Irgend etwas, das deine Hand anrührte, so daß deine Seele eine Bleibe hat, wenn du stirbst, und wenn die Leute den Baum oder die Blume, die du gepflanzt hast, anschauen, dann bist du da. Ganz gleich, was man tut, meinte er, solange man etwas von seinem eigenen Wesen in irgend etwas hineinsteckt. Darin liegt der Unterschied zwischen einem, der bloß den Rasen mäht, und einem wirklichen Gärtner. Der Rasenmäher könnte ebenso gut gar nicht dagewesen sein; der Gärtner wird ein Leben lang da sein. […]

Und haltet eines fest: Ihr seid nicht wichtig. Ihr seid überhaupt nichts. Vielleicht wird das, was wir mit uns herumschleppen, eines Tages jemand etwas nützen. Aber auch damals, als wir die Bücher noch zur Hand hatten, machten wir keinen Gebrauch von dem, was wir darin fanden. Wir fuhren fort, die Toten zu beleidigen. Wir fuhren fort, all den Bedauernswerten, die vor uns gestorben waren, ins Grab zu spucken. Im Verlauf der kommenden Woche werden wir eine Menge einsamer Menschen treffen, und den ganzen nächsten Monat und das ganze nächste Jahr. Und wenn man uns fragt, was wir eigentlich tun, könnt ihr sagen: „Wir erinnern uns.“ Damit werden wir uns auf die Dauer durchsetzen.

Auf eine gewisse Weise ähneln die von Bradbury beschriebenen Menschen den Mönchen des frühen Mittelalters; etwa dem heiligen Benedikt, der sich aus dem sterbenden Rom, das nicht mehr zu retten war, in die Berge zurückzog und dort die Klöster gründete, die später zur kulturellen Wurzel Europas wurden. (ts)