Kulturwissenschaftler Stephen Turley: Re-Traditionalisierung in Europa

Caspar David Friedrich - Abtei im Eichwald (Wikimedia Commons/gemeinfrei)

Der amerikanische Kulturwissenschaftler Stephen Turley blickt optimistisch in die Zukunft. Ereignisse wie der „Brexit“ seien ein Beleg dafür, dass die Kräfte der Globalisierung und anderer Auflösungsentwicklungen schwächer seien als Ordnungskräfte wie die Sehnsucht des Menschen nach Identität in Form von Familie, Nation, Glaube und Tradition. Während sich andere Regionen der Welt schon lange im Aufstand gegen entsprechende Auflösungsversuche und -Prozesse befänden, habe nun auch in Europa eine „Re-Traditionalisierung“ eingesetzt.

Turley scheibt:

Because globalization challenges the traditions and customs, the religions and languages of local cultures, its processes tend to be resisted with a counter-cultural blowback. In the face of threats to localized identity markers, people assert their religiosity, kinship, and national symbols as mechanisms of resistance against globalizing dynamics. […]

We should not regard this resurgent nationalism a temporary political fad. This is because globalization entails its own futility; as we have found with the attempt to bring liberal democracy to the Middle East, few are willing to die for emancipatory politics, feminism, and LGBT rights. But the willingness to die for land, people, custom, language, and religions is seemingly universal. Though a formidable challenger, globalization appears to have no chance of overcoming such innate fidelities.

Turleys Optimismus könnte sich jedoch als voreilig herausstellen, denn es handelt sich nicht um den ersten Versuch einer Wiederanbindung Europas an seine Tradition. Seit dem 19. Jahrhundert gab es auch in Deutschland mehrere solcher Erneuerungsversuche, die allesamt scheiterten oder die Auflösung, der sie sich entgegenstellten, allenfalls verzögerten.

Die von Turley beschriebene Re-Traditionalisierung setzt weitaus mehr voraus als nur die Erkenntnis, dass die Ideologien der Auflösung ihre Versprechen nicht halten werden können und auf dem Weg in die jeweils angestrebte Utopie nur Verwüstung zurücklassen werden.

Eine wirksame Erneuerungsbewegung würde neben dieser Erkenntnis vor allem erfordern, dass es noch ausreichend aktive und intakte Kultur- und Traditionsbestände gibt, auf die sich eine solche Bewegung stützen und an die sie anknüpfen könnte.

Der Erfolg der Auflösungsbewegungen war aber auch eine Folge davon, dass diese schon im 18. Jahrhundert nur noch auf schwache Kräfte traditioneller Ordnung trafen. Erneuerung konnte daher nach der französischen Revolution nicht die bloße Rückkehr zum früheren Zustand bedeuten, sondern hätte die Wiederbindung an jene überzeitlichen Traditionskräfte erfordert, aus denen auch die Werke in den Jahrhunderten und Jahrtausenden entstanden waren.

Die meisten Erneuerungsbewegungen nach der Revolution reagierten auf diese doppelte Herausforderung jedoch mit Versuchen, Traditionsersätze als rationale Entwürfe zu schaffen, die zum Teil alte Symbole und Bezüge verwendeten, sich dabei aber selbst geistig von der eigentlichen Tradition lösten. In den vergangenen 200 Jahren erodierten gescheiterte Erneuerungsversuche und immer erfolgreichere Auflösungsbewegungen so im Wechselspiel immer weiter, was an Beständen noch vorhanden war.

In der Gegenwart tritt zwar wie schon mehrfach zuvor wieder verstärkt der Wunsch nach Ordnung, Identität und Tradition in den Vordergrund, aber nur wenige der in diesem Sinne wirkenden Akteure verfügen über eine belastbare Vorstellung bezüglich der angestrebten Ordnung oder stehen selbst in einer lebendigen Tradition. Die Ablehnung der Auflösung ist zwar eine Voraussetzung für Erneuerung, aber sie reicht alleine nicht aus, um die erhoffte Re-Traditionalisierung zu bewirken.

Die von Turley positiv bewerteten Parteien werden daher keine Erneuerung, sondern bestenfalls eine Verzögerung der Auflösung bewirken können. Ohne Anbindung an die eigentliche Tradition können die Ergebnis der Ablehnung der Auflösung aber auch zu verfehlten, negative Wirkung entfaltenden Versuchen zur Selbstbehauptung des Eigenen führen.

Die Tradition richtig zu erkennen und sich innerlich an sie zu binden ist daher neben der Erkenntnis der Bedrohung durch die Auflösung eine unverzichtbare Grundlage von Erneuerung. Während aber die Auflösung und die mit ihr verbundenen Phänomene auf rationalem Wege erkannt werden können, kann die Erkenntnis und vor allem die innerliche Bindung an die Tradition in Form des Glaubens durch die Anstrengungen von Willen und Verstand allenfalls unterstützt, aber nicht bewirkt werden.

Es kann daher keinen Weg zur Erneuerung geben, der sich geistig ausschließlich im Rahmen von Moderne und Aufklärung bewegt, weil entsprechende Philosophien und Ideologien den Menschen nur in Form der Eigenschaften von Willen und Verstand anerkennen und alle anderen Aspekte der Natur des Menschen als überwindbare Ausdrücke von Irrationalität abtun, wobei sie aufgrund der Leugnung offensichtlichster Tatsachen auch ihrem eigenen Rationalitätsanspruch nicht gerecht werden. So sind diese Ansätze nicht nur untauglich was belastbare Antworten auf Auflösung und Verfall angeht, sondern sie scheitern schon bei der Analyse dieser Entwicklungen. Heideggers Satz „nur noch ein Gott kann uns retten“ bezieht sich auch auf diese Untauglichkeit und dieses Scheitern.

Solange die meisten der von Turley angesprochenen scheinbaren Erneuerungskräfte in Europa noch im geistigen Käfig von Moderne und Aufklärung gefangen sind, werden auch sie scheitern, entweder weil sie über die im Vergleich zu anderen Ideologien technokratisch kompetentere Verwaltung der Auflösung nicht hinauskommen oder zu einem neuen totalitären Zweig der Moderne entarten würden. (ts)