Kulturelle Kontinuität als christlicher Auftrag

Karl Friedrich Schinkel - Gotischer Dom am Wasser (Wikimedia Commons/gemeinfrei)

Die große Frage, die alle kulturtragenden Kräfte beschäftigt, ist die nach der Kontinuität des Eigenen. Jene Japaner, die in der Meiji-Zeit die Voraussetzungen dafür schufen, dass Japan den Herausforderungen der westlichen Moderne relativ erfolgreich begegnen konnte, mussten ebenso Antworten auf diese Frage finden wie die islamischen Kräfte, die sich ebenfalls durch die westliche Moderne herausgefordert sehen oder die Völker Osteuropas und Zentralasiens während der Herrschaft des auf ihre Auflösung zielenden Kommunismus.

Die Frage nach der Kontinuität des Eigenen gewinnt dabei angesichts der Herausforderungen durch Globalisierung, Säkularisierung und andere Entwicklungeen der Moderne sowie durch außereuropäische Migration auch in Europa zunehmend an Bedeutung und wird in den kommenden Jahren und Jahrzehnten voraussichtlich noch weiter an Bedeutung gewinnen.

In den erwähnten Beispielen war es für jene, die das Eigene bewahren wollten, jedoch vergleichsweise leicht dieses zu definieren und abzugrenzen, vor allem weil sie auf vorhandene, ausreichend intakte und homogene kulturelle Bestände zurückgreifen konnten, die weit über Aspekte wie etwa Abstammung hinaus definierten, was das Eigene ist, wodurch es herausgefordert wird und wie dieser Herausforderung begegnet werden kann.

Im Europa der Gegenwart jedoch ist die Frage nach der Kontinuität des Eigenen angesichts der vorhandenen innereuropäischen ethnischen, kulturellen und weltanschaulichen Vielfalt einerseits und der fortgeschrittenen Auflösung kultureller Bestände andererseits deutlich schwieriger zu beantworten, weil es zunehmend schwer fällt zu definieren, was das Eigene überhaupt ist. Dies erschwert nicht nur die Verteidigung des für manche kaum Greifbaren, sondern auch das Erkennen dessen, was es bedroht.

Vor allem in Deutschland fällt dies besonders schwer, was etwas der Soziologe Armin Nassehi betonte, demzufolge „dieses Eigene als benennbare Identität verschwindet, sobald man es benennen muss.“ Auch wenn man das Eigene selbst nicht mehr definieren kann, so erinnert jedoch spätestens die Konfrontation mit dem grundsätzlich Fremden daran, dass das Eigene real ist und man dessen wesentliche Aspekte auch nicht ablegen kann. Auf der Kölner Domplatte etwa konnten die Täter das ihnen Eigene und das Fremde durchaus klar benennen und im praktischen Umgang voneinander zu unterscheiden.

Darauf, dass das Eigene im Fall des Europäers und vor allem im Fall des Deutschen zu komplex ist, um es auf einige wenige klar umrissene Eigenschaften zu reduzieren, gibt es unabhängig davon die folgenden grundsätzlichen Antworten:

  • Man erklärt das Problem für nicht existent und leugnet, dass es so etwas wie das Eigene überhaupt gibt. Dies ist die am wenigsten wirklichkeitsgerechte Antwort, die spätestens bei der Begegnung mit dem Fremden, das sich dem Versuch widersetzt zur Fiktion erklärt zu werden, scheitert.
  • Man umgeht das Problem dadurch, dass man sich vor allem durch die Abgrenzung gegenüber dem Fremden definiert. Dies erzeugt jedoch die paradoxe Situation, dass das Eigene zu seinem Fortbestand und seiner Festigung dauerhaft ein möglichst konträres Fremdes benötigt, das es notfalls erfinden müsste, um existieren zu können. Ein solcher Zustand könnte aber nicht dauerhaft sein.
  • Man versucht das Eigene greifbarer zu machen, indem man einzelne Aspekte von Identität herausstellt und ggf. auf Kosten anderer Aspekte betont. Dies tut der Universalist, der das Eigene in den abstraktesten Eigenschaften sucht die er mit möglichst vielen Menschen zu teilen meint (wobei er dazu neigt anthropologische Wunschvorstellungen auf sie zu übertragen) ebenso wie jemand, der die Identität des Menschen ausschließlich in der Vernunft begründet sieht oder Abstammung oder individuelle Eigenschaften über andere Aspekte betont. Alle diese Versuche werden der Natur des Menschen jedoch nicht gerecht und können daher ebenfalls nicht von Dauer sein.
  • Die vierte Antwort ist die des abendländischen, d.h. die des im europäischen Kulturraum aus einer Synthese christlicher und antiker Quellen entstandenen Menschenbildes. Dieses bezieht verschiedene Aspekte von Identität von der individuellen Identität über die Zugehörigkeit zu einer Familie und einer Nation bis hin zu kulturellen Aspekten von Identität sinnvoll aufeinander, ohne einen davon auf Kosten der anderen überzubetonen oder zu verleugnen. Dieses abendländische Konzept ist dabei nur ein Teil einer Reihe von untrennbar miteinander verbundenen Konzepten, die aus der gleichen weltanschaulichen Wurzel stammen, und die in ihrer Gesamtheit bislang nur im europäischen Kulturraum zur Entfaltung gekommen sind, auch wenn sich manche Nichteuropäer diesem Konzept angeschlossen haben. Dieses kulturelle Gesamtkonzept und seine Träger sind das, was das Eigene in einem umfassenden, tragfähigen, dauerhaften und wirklichkeitsgerechten Sinne ausmachen kann.

Dieses Konzept hat viele Impulse aus dem deutschen Kulturraum aufgenommen, der wiederum in den vergangenen fünfzehnhundert Jahren entscheidend durch dieses Konzept geprägt wurde, so dass deutsche Identität nicht getrennt von ihm betrachtet werden kann. Gleichzeitig reicht dieses Konzept aber über deutsche Identität hinaus. Es handelt sich zudem nicht um einen vom Menschen und somit von seinen Trägern losgelöst zu betrachtenden Entwurf. Die Fortsetzung dieses Erbes sollte zumindest von Christen als Verpflichtung wahrgenommen werden. (ts)