Kulturelle Kontinuität als christlicher Auftrag

Karl Friedrich Schinkel - Gotischer Dom am Wasser (Wikimedia Commons/gemeinfrei)

Die große Frage, die alle kulturtragenden Kräfte beschäftigt, ist die nach der Kontinuität des Eigenen. Jene Japaner, die in der Meiji-Zeit die Voraussetzungen dafür schufen, dass Japan den Herausforderungen der westlichen Moderne relativ erfolgreich begegnen konnte, mussten ebenso Antworten auf diese Frage finden wie die islamischen Kräfte, die sich ebenfalls durch die westliche Moderne herausgefordert sehen oder die Völker Osteuropas und Zentralasiens während der Herrschaft des auf ihre Auflösung zielenden Kommunismus.

Die Frage nach der Kontinuität des Eigenen gewinnt dabei angesichts der Herausforderungen durch Globalisierung, Säkularisierung und andere Entwicklungeen der Moderne sowie durch außereuropäische Migration auch in Europa zunehmend an Bedeutung und wird in den kommenden Jahren und Jahrzehnten voraussichtlich noch weiter an Bedeutung gewinnen.

In den erwähnten Beispielen war es für jene, die das Eigene bewahren wollten, jedoch vergleichsweise leicht dieses zu definieren und abzugrenzen, vor allem weil sie auf vorhandene, ausreichend intakte und homogene kulturelle Bestände zurückgreifen konnten, die weit über Aspekte wie etwa Abstammung hinaus definierten, was das Eigene ist, wodurch es herausgefordert wird und wie dieser Herausforderung begegnet werden kann.

Im Europa der Gegenwart jedoch ist die Frage nach der Kontinuität des Eigenen angesichts der vorhandenen innereuropäischen ethnischen, kulturellen und weltanschaulichen Vielfalt einerseits und der fortgeschrittenen Auflösung kultureller Bestände andererseits deutlich schwieriger zu beantworten, weil es zunehmend schwer fällt zu definieren, was das Eigene überhaupt ist. Dies erschwert nicht nur die Verteidigung des für manche kaum Greifbaren, sondern auch das Erkennen dessen, was es bedroht.

Vor allem in Deutschland fällt dies besonders schwer, was etwas der Soziologe Armin Nassehi betonte, demzufolge „dieses Eigene als benennbare Identität verschwindet, sobald man es benennen muss.“ Auch wenn man das Eigene selbst nicht mehr definieren kann, so erinnert jedoch spätestens die Konfrontation mit dem grundsätzlich Fremden daran, dass das Eigene real ist und man dessen wesentliche Aspekte auch nicht ablegen kann. Auf der Kölner Domplatte etwa konnten die Täter das ihnen Eigene und das Fremde durchaus klar benennen und im praktischen Umgang voneinander zu unterscheiden.

Darauf, dass das Eigene im Fall des Europäers und vor allem im Fall des Deutschen zu komplex ist, um es auf einige wenige klar umrissene Eigenschaften zu reduzieren, gibt es unabhängig davon die folgenden grundsätzlichen Antworten:

  • Man erklärt das Problem für nicht existent und leugnet, dass es so etwas wie das Eigene überhaupt gibt. Dies ist die am wenigsten wirklichkeitsgerechte Antwort, die spätestens bei der Begegnung mit dem Fremden, das sich dem Versuch widersetzt zur Fiktion erklärt zu werden, scheitert.
  • Man umgeht das Problem dadurch, dass man sich vor allem durch die Abgrenzung gegenüber dem Fremden definiert. Dies erzeugt jedoch die paradoxe Situation, dass das Eigene zu seinem Fortbestand und seiner Festigung dauerhaft ein möglichst konträres Fremdes benötigt, das es notfalls erfinden müsste, um existieren zu können. Ein solcher Zustand könnte aber nicht dauerhaft sein.
  • Man versucht das Eigene greifbarer zu machen, indem man einzelne Aspekte von Identität herausstellt und ggf. auf Kosten anderer Aspekte betont. Dies tut der Universalist, der das Eigene in den abstraktesten Eigenschaften sucht die er mit möglichst vielen Menschen zu teilen meint (wobei er dazu neigt anthropologische Wunschvorstellungen auf sie zu übertragen) ebenso wie jemand, der die Identität des Menschen ausschließlich in der Vernunft begründet sieht oder Abstammung oder individuelle Eigenschaften über andere Aspekte betont. Alle diese Versuche werden der Natur des Menschen jedoch nicht gerecht und können daher ebenfalls nicht von Dauer sein.
  • Die vierte Antwort ist die des abendländischen, d.h. die des im europäischen Kulturraum aus einer Synthese christlicher und antiker Quellen entstandenen Menschenbildes. Dieses bezieht verschiedene Aspekte von Identität von der individuellen Identität über die Zugehörigkeit zu einer Familie und einer Nation bis hin zu kulturellen Aspekten von Identität sinnvoll aufeinander, ohne einen davon auf Kosten der anderen überzubetonen oder zu verleugnen. Dieses abendländische Konzept ist dabei nur ein Teil einer Reihe von untrennbar miteinander verbundenen Konzepten, die aus der gleichen weltanschaulichen Wurzel stammen, und die in ihrer Gesamtheit bislang nur im europäischen Kulturraum zur Entfaltung gekommen sind, auch wenn sich manche Nichteuropäer diesem Konzept angeschlossen haben. Dieses kulturelle Gesamtkonzept und seine Träger sind das, was das Eigene in einem umfassenden, tragfähigen, dauerhaften und wirklichkeitsgerechten Sinne ausmachen kann.

Dieses Konzept hat viele Impulse aus dem deutschen Kulturraum aufgenommen, der wiederum in den vergangenen fünfzehnhundert Jahren entscheidend durch dieses Konzept geprägt wurde, so dass deutsche Identität nicht getrennt von ihm betrachtet werden kann. Gleichzeitig reicht dieses Konzept aber über deutsche Identität hinaus. Es handelt sich zudem nicht um einen vom Menschen und somit von seinen Trägern losgelöst zu betrachtenden Entwurf. Die Fortsetzung dieses Erbes sollte zumindest von Christen als Verpflichtung wahrgenommen werden. (ts)

11 Kommentare

  1. Punkt zwei haben Sie gut getroffen. Die Abgrenzung mittels Projektion eines fremnden Etwas ist dennoch eines der verbliebenen Mittel, dessen sich ein normaler europäischer Bürger bedienen kann und muss, denn, hierin liegt das Problem, das Praktizieren und Ausdrücken der eigenen Identität durch Handlung, Sprache, Wort, Schrift und Tat wird gezielt angegriffen und unterdrückt. Somit bleibt dem Durchschnittseuropäer lediglich ein Gefühl, dass das Fremde nicht „zu einem passt“, ohne zu wissen, was das Eigene eigentlich ist. Das beruht meistens auf biologischen Differenzen und noch erhaltenen familiären Strukturen, die diese Form von Intuition herausbildet.

    Diese Unwissenheit, was die eigene kulturelle Identität angeht, wird durch natürliche soziale Prozesse verstärkt. Man kann es im weitesten Sinne Dekadenz nennen, anthropoligisch jedoch, handelt es sich um eine Phase in der Zeitgeschichte einer Gesellschaft, die einst notwendige Maxime, Tugenden oder Normen nicht mehr pflegen muss, um sich selbst zu erhalten. Hierdurch verliert sich gesamtkulturell und psychologisch der Bezug zu dem „warum sind wir so wie wir sind und warum machen wir die Dinge so, wie wir sie machen“. Dieser Begründugsverlust manifestiert sich unterbewusst und stellt Etabliertes in Frage; Zusammen mit gezielter Zersetzung von Kultur und Identität, kann man auf gut Deutsch vom „Verlust des Bezuges zur Realität“ sprechen.

    Zusammen mit technischem Fortschritt, der an sich benign ist, entwickeln sich sog. „Erfahrungsblasen“, in denen die Gesellschaft den Bezug zum Entstehungszusammenhang verliert. Dieser Zusammenhang bezieht sich nicht nur auf die eigene Nation oder Kultur, sondern umschließt auch die Kleinen Dinge, wie z.B. die selbstverständlich gewordene Mobilität mit Vehikeln oder Soziale Beziehungen (z.B. der Verlust von sozialer Kompetenz auf Grund von automatisierter Kommunikation etc.). Das verändert Menschen – manchmal positiv, manchmal negativ – Sie kennen die Beispiele.

    Ergänzend betrachtet, haben Konservative seit Langem ein endogenes Problem: mangelnde Konzepte für die Zukunft. Man hat es bei all der Vergangenheitsklammerei und gar Jammerei versäumt, mit der Zeit zu gehen und einen Blickwinkel für Anstehendes zu entwickeln. Das hat zu einer psychologischen und pragmatischen Rückständigkeit geführt, die es dem „Feind“ noch leichter gemacht hat, Arten von Dualitäten zwischen „Heute“ und „Damals“, „Handy“ und „Hitler“, Kübelwagen und selbstfahrendes Auto usw. zu verbreiten. Die freiwillige Einordnung und konzeptlose Ablehnung von Allem was „neu“ ist, seitens Konservativer Bewegungen, gleicht noch heute dem ideologischen Freitod. Jedes Konzept von Identitätsstiftung und Preservierung muss deshalb auch Antworten für Heute und Morgen liefern, die konkret, nachprüfbar und nicht abstrakt sind, statt nur mit dem Finger in die Vergangenheit zeigen. Die Nachprüfbarkeit ist besonders wichtig, da viele Menschen in der heutigen Zeit nicht mehr in der Lage sind, weder rational noch intuitiv, gewisse Kontexte zu erkennen und dementsprechend zu handeln oder zu denken, im Vergleich zu längst vergangenen Zeiten, in denen Bezüge für die breite Masse spür- und erfahrbar waren.

    Ein erster Schritt in diese Richtung wäre, sich vom veralteten Vokabular zu lösen. Schließlich ist es möglich, die Vorteile von homogenen Gesellschaften mathematisch und wissenschaftlich zu begründen, ohne auf Worte zurück zu greifen, die den fremdantrainierten Fluchtreflex auslösen. Ein guter Konservativer, auch wenn ich diesen Begriff verachte, muss in der Lage sein, jemandem zu erklären, dass die internationalen Honigparasiten im Zuge dessen sind, sich eine globale Sklavenherrschaft herbeizuzüchten, ohne dabei in den klassischen „… aber damals war alles Besser; Volk zuerst!“-Jargon zu verfallen.

    Das bedeutet keinesfalls den Verzicht auf historische Bezüge, die sich emotional und abstrakt ausdrücken lassen und schätzenswert sind, sondern die Gabe zu unterscheiden, wann, was und wie Etwas erklärt und argumentiert wird.

    Lithurgie für den Geist, Tradition für die Routine und Rationalität für den Kopf – das Trias der Ausgewogenheit und Allumfänglichkeit.

  2. Bei den Betrachtungen über das Eigene sollte der Begriff des Gleichen oder des Ähnlichen eingeführt werden.
    Wenn @G.Wheat schreibt “ …bleibt dem Durchschnittseuropäer lediglich ein Gefühl, dass das Fremde nicht „zu einem passt“, ohne zu wissen, was das Eigene eigentlich ist….“ so ist das nicht falsch. Ersetzt man das Eigene aber durch das Ähnliche, so wird der Durchschnittseuropäer nicht gezwungen, das EIGENE zu definieren (wer wird in der Welt eigentlich noch genötigt, das Eigene benennen zu müssen, außer der Europäer?). Es ist das Ähnliche, was man zu erhalten und zu tradieren trachtet. Am Ähnlichsten sind die eigenen Kinder, die Verwandschaft, die Sippe und der Menschenschlag der Umgebung – ähnlich, weil ähnlich geprägt (Kultur, Religion, Sprache etc.), und ähnlich, weil ähnlich aussehend. Und so setzt sich das fort bis zum Volk, bis zur Nation und bis zur Rasse.
    Man ist unter „Seinesgleichen“. Muss man das beschreiben oder gar definieren können??
    Der moslemische Schwarzafrikaner wird nicht meinesgleichen sein. Und die Ausnahme, die zugelassen werden soll, bestätigt die Regel.

  3. Für theoretische Definitionen/Annäherungen an das Eigene bin ich dankbar.

    Ich definiere das Eigene eher instinktiv, d.h. ich sehe, höre und erfühle das Eigene.
    Was das Sehen anbelangt, ein Beispiel für Menschen, die für mich zu den Eigenen gehören (ebenso ein Beispiel für die Vielfalt unter den Deutschen):

    DAS DEUTSCHE VOLKSGESICHT von Erna Lendvai-Dirksen. 150 Charakterköpfe der verschiedenen deutschen Landschaften.

    https://www.youtube.com/watch?v=5Q2DvIELWFY

    Die Originalausgaben, in denen die Fotos von Erna Lendvai-Dircksen ursprünglich erschienen sind, sind nur noch, mit viel Glück, antiquarisch zu bekommen.

    Wer beispielsweise nicht zu den Eigenen (wie ich es definiere) gehört, obgleich ich die Menschen in ihrem kulturellen Kontext interessant und faszinierend, aber eben auch fremd finde (es ist ihr Eigenes, nicht meins, wobei ich mir wünsche, sie können es bewahren), könnt ihr euch in dem folgenden Video ansehen:

  4. zu Hartwig und Konservativer

    Ich neige nicht dazu, die Grundregel schon im nächsten Atemzug eine Ausnahme zuzuordnen.
    Ausnahme – vom EGENEN – ist zudem generell problematisch. Verbündeter? Das dürfte treffen. Enger Verbündeter? Gerne. Eigener: Nein.

    Daß die Grenzen nicht so messerscharf ziehbar sind, zeigen die Charakterköpfe. Dennoch würde auch ich hier eher eine schärfere Grenzziehung vornehmen. Allerdings handelt es sich nicht so sehr um die Grenzziehung zu Eigen und Fremd sondern zwischen Oben und Unten. Man darf aber auch nicht vergessen, daß alle Grenzziehungen zwischen Oben und Unten ethnische waren.

    Nur trift der Begriff „fremd“ nicht. Mehr.

  5. Ich hoffe, mir sei an dieser Stelle etwas inhaltlich Unpassendes erlaubt:
    Kubitscheks formulierter Führungsanspruch ist anmaßend.
    Und zweitens verkennt Herr Kubitschek die Bedeutung der NEUEN Rechten.
    Die Rechte kann, wenn man darunter das Konservative Prinzip versteht weder neu noch alt sein. Sollte man unter Rechts eher das Funktionelle Realitätsprinzip (Bismarck) verstehen, so gilt das gleiche.
    Tatsächlich sind beide Prinzipien lediglich Ausprägung des gleichen, lediglich eine unterschiedliche Betrachtungsweise, bzw. Ausgangspunkt.

    In der Nachkriegs-BRD sind beide Gesichtspunkte – über Folklore-Verantsaltungen hinaus – nicht gegeben. Die Aufgabe der Neuen, also wachsweichen „Rechten“ ist es lediglich die Fehlfunktion des Ganzen herauszustellen. Wenn den meisten klar ist, daß die BRD die institutionalisierte Unfähigkeit ist und immer sein sollte, von Anbeginn an und sie sich nie daraus emanzipiert hat, dann werden die Menschen nach funktionellen Alternitiven suchen. Die hat es zu verschiedenen Zeiten gegeben und keine Alternative kann 1:1 auf eine neue Zeit übertragen werden. Auch insoweit bin ich neurechts. Aber nur insoweit. Die Prinzipien dahinter sind uralt. Und die Prinzipien richten sich im Wesentlichen nach dem äußeren Feind. Und diese sind dieselben wie 1914 bis 1945. Seit der Wirtschaftskrise und TTIP, sowie Ukraine-Krise ist dies gut zu erkennen.
    Damit rücken – ganz sachlich-funktionell dijenigen Prinzipien in den Fokus, die der Lage noch am deutlichsten etwas entgegen setzen konnten. Deren Scheitern ist natürlich miteinzukalkulieren.

    Die wichtigste Maßgabe, die zu berücksichtigen ist, ist die daß es keine scharf definiertes Eigen gibt – in soweit der Bezug zum Text – und keine institutionelle Basis, die in der Lage wäre, sich Einfluß und Macht zurück (oder erstmals) zu holen.

    Kubitschek ist Eisbrecher – gerne – aber niemals der Frachter, der dem Eisbrecher hinterherläuft. der ist nicht Neurechts sondern Rechts. Die Neurechten werden niemals mehr als destruktive (aus Gegnersicht) Psychoarbeit leisten.

    Das ist allerdings bereits sehr viel. Und darin liegt der Verdienst und insoweit auch ein Führungsanspruch – solange man vorne liegt. Ob einem Elsässer das nicht besser gelingt, kann man ja durchaus mal fragen.

  6. @Exmeyer

    Und diese sind dieselben wie 1914 bis 1945. Seit der Wirtschaftskrise und TTIP, sowie Ukraine-Krise ist dies gut zu erkennen.

    Machteliten sind nur eine Seite der Münze. Die andere Seite sind prinzipielle Prozesse innerhalb von Gesellschaften, die so alt sind wie die Menschen selbst. Durch die neueren Wirtschaftskrisen und beim lauten Getümmel in der EU offenbaren sich augenscheinlich Personenkreise mit ihren Interessen und Intentionen, diese sind dennoch „nur“ die Spitze des Eisberges. Insofern ist keines der Ereignisse seit und vor dem zweiten Weltkrieg und weit davor, ein richtiges Novum. Nur die Akteure wechseln im Lebenstakt.

    Und bitte, hören Sie auf, sich selbst, die Themen und Andere in Schubladen zu schieben; namentlich Konservativ, Rechts, Links, Mitte, Neu-Rechts und all die anderen Blubberausdrücke.

    Ich weiß nicht, ob Sie sich dessen bewusst sind, aber damit leisten sie gewissen Kreisen einen großen Gefallen. Die westlichen Geheimdienste in konjunktion mit den Medien haben besonders hart daran gearbeitet, dass politische Denken in nur wenige recht allgemeine, kontrollierbare und interpretierbare Kategorien zu lenken, um vornehmlich öffentliche Meinung zu manipulieren und im spezifischen, politische Lagerbildung mitzugestalten. Jedes Mal, wenn ich hier jemanden sehe, der sich als „Konservativ“ oder „Rechts“ oder sonstwas bezeichnet, dann sehe ich einen weiteren Gefallenen in der Medienschlacht.

    Ja, es gibt Literatur u.a. von und für Konservative, aber darin sehe ich nur den typischen Effekt, dass ein Patient für den anderen den Doktor spielt.

  7. Kleiner Hinweis @G.Wheat: Sackgassen-Altrechts und Supererfolgreich-Neurechts hat Herr Kubitschek in den Ring geworfen.

    und selbstverständlich gibt es Rechte und Linke. Als Menschen. Und als Vorstellungswelt.

    Auch in der DDR oder in der Sowjetunion. Stalin als Linken zu bezeichnen, finde ich amüsant.

    Jeder Universalismus endet in der Selbstzerstörung. Bis dahin errichtet er Imperien.

    Ich kategorisiere zumindest MICH eindeutig. Und Kubitschek sich ebenfalls.

    Ich bin rechts. Und jeder der mich kennt weiß dies. und bid heute hat mir das noch niemals (zumindest nicht merklich) zum Nachteil gereicht. Aber gewiß schon zum Vorteil.

    Übrigens die Denkweise von Nachrichtendiensten ist IMMER rechts: Nämlich funktional, analytisch aufgrund von allgemeinen Erfahrungswerten und ermittelten Informationen. Unterscheidung zwischen Fähigkeit und Willen.

  8. Ergänzend @ G. Wheat: Meine Intention – zumindest INNERHALB der rechten Seite – war es gewesen, sich nicht gegeneinander auszuspielen, ausspielen zu lassen. Das Gegenteil dürfte ein Herr Kubitschek erreicht haben: Unterscheidung. Eine Unterscheidung, die mir selbst gar nicht so deutlich war. Nun, nach dieser Schubladisierung habe ich mich recht eindeutig dazu geäußert. Das WAR eine DIVIDIERUNG! Überflüssig und provozierend! Auf dem ersten Blick, auf den zweiten sinnlos.
    Aber auf dem dritten Blick:

    Ein Schelm, wer eine Krämerseele a la Dieter Stein dahinter vermutet …? – Überzeugung folgt Gewinnerwartung?

    Eine andere Interpretation, diese Unterscheidung herbeizuführen, die nach kleinstem Einmaleins NUR anderen politisch zum Vorteil gereicht, will ich nicht aussprechen, da ehrenrührig bis ins Mark. Weder bei Stein, noch bei Kubitschek. Denn in Tatsächlich war Kubitscheks Äußerung dahingehend zu interpretieren, daß er Steins Weg folgt, nur zeitverzögert.

    Noch: Keine einziger psychologischer Irrläufer in einem Volk ist ohne massenmedialen Anstoß denkbar. Und hier liegt der Schlüssel. Und die institutionelle Verfestigung alter Interessengegensätze.

    • Eine Ergänzung: Der unnötige Hofknicks Kubitscheks. So zügig, so klar, so … ‚pragmatisch‘.

      Ich hätte aufgrund der Persönlichkeit nichts anderes erwartet. Nur viel, viel später.

  9. Zum Thema Oben-Unten bzw. Herrscher-Beherrschte beleuchtet ein Text von Friedrich Nietzsche aus „Menschliches, Allzumenschliches II“ einen wesentlichen Aspekt
    (der geneigte Leser vergleiche die von ihm dargestellten, in gewisser Weise idealtypischen Herrscher mit unseren heutigen, zu unserem Leidwesen real existierenden Herrschern):

    Prinzip des Gleichgewichts

    Der Räuber und der Mächtige, welcher einer Gemeinde verspricht, sie gegen den Räuber zu schützen, sind wahrscheinlich im Grunde ganz ähnliche Wesen, nur dass der zweite seinen Vorteil anders als der erste erreicht: nämlich durch regelmäßige Abgaben, welche die Gemeinde an ihn entrichtet, und nicht mehr durch Brandschatzungen. (Es ist das nämliche Verhältnis wie zwischen Handelsmann und Seeräuber, welche lange Zeit ein und dieselbe Person sind: wo ihr die eine Funktion nicht rätlich scheint, da übt sie die andere aus. Eigentlich ist ja selbst jetzt noch alle Kaufmanns-Moral nur die Verklügerung der Seeräuber-Moral: so wohlfeil wie möglich kaufen — womöglich für Nichts als die Unternehmungskosten — , so teuer wie möglich verkaufen).

    Das Wesentliche ist: jener Mächtige verspricht, gegen den Räuber Gleichgewicht zu halten; darin sehen die Schwachen eine Möglichkeit zu leben. Denn entweder müssen sie sich selber zu einer gleichwiegenden Macht zusammentun oder sich einem Gleichwiegenden unterwerfen (ihm für seine Leistungen Dienste leisten). Dem letzteren Verfahren wird gern der Vorzug gegeben, weil es im Grunde zwei gefährliche Wesen in Schach hält: das erste durch das zweite und das zweite durch den Gesichtspunkt des Vorteils; letzteres hat nämlich seinen Gewinn davon, die Unterworfenen gnädig oder leidlich zu behandeln, damit sie nicht nur sich, sondern auch ihren Beherrscher ernähren können. Tatsächlich kann es dabei immer noch hart und grausam genug zugehen, aber verglichen mit der früher immer möglichen völligen Vernichtung atmen die Menschen schon in diesem Zustande auf. — Die Gemeinde ist im Anfang die Organisation der Schwachen zum Gleichgewicht mit gefahrdrohenden Mächten.

    Eine Organisation zum Übergewicht wäre rätlicher, wenn man dabei so stark würde, um die Gegenmacht auf einmal zu vernichten: und handelt es sich um einen einzelnen mächtigen Schadentuer, so wird dies gewiss versucht. Ist aber der eine ein Stammhaupt oder hat er großen Anhang, so ist die schnelle entscheidende Vernichtung unwahrscheinlich und die dauernde lange Fehde zu gewärtigen: diese aber bringt der Gemeinde den am wenigsten wünschbaren Zustand mit sich, weil sie durch ihn die Zeit verliert, für ihren Lebensunterhalt mit der nötigen Regelmäßigkeit zu sorgen, und den Ertrag aller Arbeit jeden Augenblick bedroht sieht. Deshalb zieht die Gemeinde vor, ihre Macht zu Verteidigung und Angriff genau auf die Höhe zu bringen, auf der die Macht des gefährlichen Nachbars ist, und ihm zu verstehen zu geben, dass in ihrer Wagschale jetzt gleich viel Erz liege: warum wolle man nicht gut Freund miteinander sein? — Gleichgewicht ist also ein sehr wichtiger Begriff für die älteste Rechts- und Morallehre; Gleichgewicht ist die Basis der Gerechtigkeit. Wenn diese in roheren Zeiten sagt: „Auge um Auge, Zahn um Zahn“, so setzt sie das erreichte Gleichgewicht voraus und will es vermöge dieser Vergeltung erhalten: so dass, wenn jetzt der eine sich gegen den andern vergeht, der andere keine Rache der blinden Erbitterung mehr nimmt. Sondern vermöge des jus talionis wird das Gleichgewicht der gestörten Machtverhältnisse wiederhergestellt: denn ein Auge, ein Arm mehr ist in solchen Urzuständen ein Stück Macht, ein Gewicht mehr. — Innerhalb einer Gemeinde, in der alle sich als gleichgewichtig betrachten, ist gegen Vergehungen, das heißt gegen Durchbrechungen des Prinzips des Gleichgewichts, Schande und Strafe da:

    Schande, ein Gewicht, eingesetzt gegen den übergreifenden einzelnen, der durch den Übergriff sich Vorteile verschafft hat, durch die Schande nun wieder Nachteile erfährt, die den früheren Vorteil aufheben und überwiegen.

    Ebenso steht es mit der Strafe: sie stellt gegen das Übergewicht, das sich jeder Verbrecher zuspricht, ein viel größeres Gegengewicht auf, gegen Gewalttat den Kerkerzwang, gegen Diebstahl den Wiederersatz und die Strafsumme. So wird der Frevler erinnert, dass er mit seiner Handlung aus der Gemeinde und deren Moral — Vorteilen ausschied: sie behandelt ihn wie einen Ungleichen, Schwachen, außer ihr Stehenden; deshalb ist Strafe nicht nur Wiedervergeltung, sondern hat ein Mehr, ein Etwas von der Härte des Naturzustandes; an diesen will sie eben erinnern.

Kommentare sind deaktiviert.