Die Stärken islamischer Kultur und die Schwächen der Islamkritik

Jean Léon Gérôme - Gebet in Kairo (Wikimedia Commons/gemeinfrei)

Hinter den in Europa zunehmend verbreiteten Formen der Islamkritik, welche illiberale Inhalte des Islams oder als rückständig wahrgenommene Elemente islamischer Kultur betonen, verbirgt sich berechtigte Sorge. Es ist jedoch kaum zu erwarten, dass sich Muslime ihre kulturellen Stärken unter Berufung auf die Ideale scheiternder Gesellschaften ausreden lassen werden, weshalb diese Islamkritik überwiegend als fehlgeleitet erscheint.

Nicht der Islam ist dabei das eigentliche Problem Europas, sondern die kulturelle Schwäche des Kontinents, der nach mehreren Jahrhunderten der Auflösung seiner Tradition innerlich nicht mehr stark genug ist, um Muslimen eine neue Identitätsperspektive anzubieten, die für die meisten von ihnen interessant wäre.

Einige Gründe dafür, warum viele Muslime zwar den Wohlstand schätzen, den Europa hervorgebracht hat, seine moderne Kultur aber verachten, finden sich in einer im Auftrag des Bundesfamilienministeriums erstellten Studie über muslimische Männer in Deutschland. Die Studie fand bei diesen die folgenden vorherrschenden Werthaltungen vor, die im diametralen Gegensatz zu individualistischen Werthaltungen stehen, wie sie unter Europäern verbreitet sind:

  • Wer sich entschieden und selbstbewusst verteidigt, wird in der Gruppe hoch angesehen und seine Stellung in der Gruppe steigt.
  • Ausgeprägte Männlichkeit, bezogen auf Solidarität und Loyalität innerhalb des Freundeskreises, und bedingungslose Verteidigung der weiblichen Familienmitglieder spielen vor allem im Lebenskonzept der Jugendlichen eine zentrale Rolle.
  • Sie setzen sich auch ohne die Situation zu hinterfragen und auf die Gefahr hin, dass sie verletzt werden, für den Freund ein. Dies ist eine tief verankerte Verhaltensnorm, über die nicht nachgedacht und die auch nicht in Frage gestellt wird. Wenn das geschähe, wäre nicht nur die Freundschaft, sondern auch die Ehre und Männlichkeit des Jugendlichen gefährdet.
  • Ein (ehrenhafter) Mann steht zu seinem Wort. Er muss dies klar und offen tun und darf niemals mit „vielleicht“ oder „kann sein“ ausweichen. Darüber hinaus muss ein ehrenhafter Mann in der Lage und willens sein zu kämpfen, wenn er dazu herausgefordert wird. Die Eigenschaften eines ehrenhaften Mannes sind Virilität, Stärke und Härte.
  • Traditionell werden muslimische Jungen zu körperlicher und geistiger Stärke, Dominanz und selbstbewusstem Auftreten – im Hinblick auf die Übernahme von männlichen Rollenmustern – erzogen. Wenn ein Jugendlicher diese Eigenschaften nicht zeigt, wird er als Schwächling bezeichnet.
  • Das wichtigste Indiz für eine ausgeprägte Männlichkeit ist die geistige und
    körperliche Stärke eines Mannes. Bereits im Kindesalter werden die Jungen zum Ringen, Boxen und anderen Kampfsportarten ermutigt und darin gefördert, während bei den Mädchen dies kategorisch abgelehnt wird. Wenn sich die Jungen beim Spielen verletzen und dabei weinend zur Mutter gehen, werden sie unter Umständen bestraft, da das Weinen Schwäche impliziert.
  • Muslimische Jungen treten im Gegensatz zu Mädchen sehr dominant und selbstbewusst auf. Ein Junge muss in der Lage sein zu entscheiden, was für die später zu gründende Familie das „Richtige“ und „Vorteilhafte“ ist. Dies kann er u. a. dadurch unter Beweis stellen, indem er seine Position selbstbewusst verteidigt
  • Die Ausführungen machen deutlich, dass der Zusammenhalt, hier Loyalität, in der Gruppe bzw. unter Freunden eine große und ganz zentrale Rolle spielt und dem Begriff der Freundschaft eine entscheidende Bedeutung zugesprochen wird. Freunde tun alles füreinander: Es wird geteilt, was man hat, z. B. Geld, Essen und Kleidung.

Die Verachtung, die viele Muslime dem modernen Europa wegen seiner wahrgenommenen Schwäche entgegenbringen, wird vor diesem Hintergrund vielleicht besser nachvollziehbar. Man sollte nun nicht in den umgekehrten Fehler einer romantischen Verklärung des Islams verfallen, denn die dargestellten Werthaltungen wirken sich in islambezogenen Konflikten in Europa äußerst nachteilig für Europa aus. Gegenüber dem Islam hingegen verbietet sich Verachtung aber gerade deshalb, weil seine Tradition ihren Trägern Qualitäten verleiht, die sie gefährlich machen. Einen starken Gegner könnte man jedoch nur um den Preis der Unterschätzung verachten. (ts)

1 Kommentar

  1. Die persönliche Erfahrung zeigt, dass das mit dem Kampfsport eher bei den Muslimen stimmt, die weniger mit Religion, als mit gewissen Milieus zu tun haben. Im Gegenteil werden Jungs eher verhätschelt und als Prinzen in die Höhe gehalten. Was auch das Rudelverhalten erklärt. Wenn es auch eine Tradition der Gewalt durch Mütter gibt – hierarchisch vom Vater über die Mütter zu den Söhnen. Dazu gibt es auch psychologische Studien. Die Mädchen sind dagegen früh unter Aufsicht und im Haushalt eingebunden – quasi behütet.
    Eine Exmuslima sagte im österreichischen TV, dass die Frauen der Schlüssel zu Emanzipation vom Islam seien – weg vom Patriarchat und Eingesperrtsein. Eine Komponente auf männlicher Seite muss das Isolieren muslimischer Männer aus der Gruppe sein, selbst die Verteidigung des Eigenen (auch durch Frauen) zu erlernen und vor allem auf theologischer Basis den Islam und sein Gottesbild zu hinterfragen – ist doch Allah dem Koran nach eine feige und schwächelnde Figur, die einem Ganoven ähnelt, aber nicht dem allmächtigen Schöpfer alles Seienden.

Kommentare sind deaktiviert.