Johannes Paul II. über kulturelle Kontinuität und Dienst am Gemeinwesen als christliche Aufträge

Ambrogio Lorenzetti - Allegorie der guten Regierung (Wikimedia Commons/gemeinfrei)

Papst Johannnes Paul II. äußerte sich 1985 in einem Aufruf an Jugendliche auch über kulturelle Kontinuität und den Einsatz für das eigene Gemeinwesen als christliche Aufträge. Diese seien eine Konsequenz aus dem vierten Gebot, das es Christen aufträgt, Vater und Mutter zu ehren.

Über die eigenen Eltern erhalte man auch das kulturelle Erbe der Gemeinschaft vermittelt, der man angehöre. Vater und Mutter zu ehren erfordere daher auch, dieses Erbe weiterzugeben:

Das Erbe, das er übernimmt, verbindet ihn fest mit denen, die es ihm übertragen haben und denen er soviel verdankt. Er seinerseits – er und sie – wird fortfahren, dieses Erbe weiterzugeben. Deshalb besitzt auch das vierte der Zehn Gebote eine so große Bedeutung: „Ehre deinen Vater und deine Mutter“ […]. Es handelt sich hier vor allem um das Erbe des Menschseins und dann auch um das Menschsein in einer näher bestimmten persönlichen und sozialen Situation. Hier hat sogar die leibliche Ähnlichkeit mit den Eltern ihre Bedeutung.

Völker und Nationen seien als Erweiterungen der Familie bzw. als „größere Familie“ zu verstehen, und die Bindung an von Vater und Mutter setze sich entsprechend in der Bindung an ein Volk oder eine Nation fort:

Diese Bindung hat einen weiteren Rahmen als die Familie mit ihrem Lebensraum. Ein solcher Rahmen ist wenigstens ein Stamm, meistens aber ein Volk oder die Nation, in der ihr geboren seid. So erweitert sich das Erbe aus der Familie. Durch die Erziehung in eurer Familie nehmt ihr an einer bestimmten Kultur und auch an der Geschichte eures Volkes oder eurer Nation teil. Das familiäre Band bedeutet zugleich die Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft, die größer ist als die Familie, woraus sich eine weitere Basis für die Identität der Person ergibt.  […] Wenn ihr dieses gesellschaftliche Band erfahrt, das viel weiter ist als die familiäre Bindung, beginnt ihr auch stufenweise teilzunehmen an der Verantwortung für das Allgemeinwohl jener größeren Familie, die das irdische „Vaterland“ eines jeden von euch ist.

Es sei daher einer der sozialen Aufträge des Christen, das kulturelle Erbe der eigenen Nation zu pflegen und weiterzugeben:

Dieses Erbe stellt zugleich eine moralische Aufgabe dar. Indem ihr den Glauben übernehmt und die Werte und Inhalte erbt, die zusammen die Kultur eurer Gesellschaft, die Geschichte eurer Nation bilden, wird jeder von euch in seinem individuellen Menschsein geistig ausgestattet. […] Vor diesem Erbe können wir nicht in einer passiven oder sogar ablehnenden Haltung verharren, wie es der letzte jener Arbeiter gemacht hat, die im Gleichnis von den Talenten genannt werden (Vgl. Mt 25,14-30; Lk 19,12-26). Wir müssen alles tun, was wir können, um dieses geistige Erbe aufzunehmen und zu bestätigen, es zu erhalten und zu fördern. Diese Aufgabe ist wichtig für alle Gesellschaften, besonders aber wohl für jene, die sich am Anfang ihrer autonomen Existenz befinden, oder auch für jene, die diese Existenz und ihre wesentliche nationale Identität vor der Gefahr äußerer Zerstörung oder innerer Auflösung verteidigen müssen.

Entsprechende Deutungen des vierten Gebotes beziehen sich vor allem auf einen Familien- bzw. Abstammungsbegriff, der in dem Kontext verstanden werden muss, in dem das Gebot offenbart wurde. Zur Zeit des Alten Testaments wurde die Familie nicht als moderne Kleinfamilie betrachtet, sondern als erweiterter Verwandschaftskreis verstanden, der letztlich das gesamte (in diesem Fall jüdische) Volk mit einschloß. Auch wenn es immer wieder Versuche gab, die jüdischen Wurzeln des Christentums zu leugnen, so ist es doch unmöglich, zentrale Inhalte des Christentums zu verstehen, ohne auf diese Wurzeln Bezug zu nehmen.

Die Deutlichkeit der Worte Johannes Paul II. in diesem Zusammenhang dürfte darüberhinaus auch das Ergebnis seiner persönlichen Erfahrungen als Pole und der Tatsache sein, dass sowohl Nationalsozialismus als auch Kommunismus gewaltsam versuchten, das christlich geprägte kulturelle Erbe seiner Heimat zu vernichten. (ts)