Plinio Corrêa de Oliveira über die geistigen Wurzeln der Krise des Abendlandes

Pieter Bruegel der Ältere - Turmbau zu Babel (Wikimedia Commons/gemeinfrei)

Der brasilianische Historiker und Katholik Plinio Corrêa de Oliveira hat in den 1950er Jahren mit seinem Text „Revolution und Gegenrevolution“ einen umfassenden Versuch der Erklärung der Krise des Abendlandes vorgelegt.

Diese Krise habe den gesamten christlich-europäisch geprägten Kulturraum erfasst:

Es ist dies vor allem eine Krise des christlichen, abendländischen, das heißt des europäischen Menschen und seiner Abkömmlinge in Amerika und Australien, und gerade unter diesem Gesichtspunkt werden wir sie näher untersuchen. Sie betrifft jedoch auch die übrigen Völker insoweit, als die abendländische Welt in ihnen Wurzeln geschlagen hat und sie daher beeinflußt.

Mit dem Begriff „Revolution“ bezeichnete er dabei das Streben nach Auflösung von Bindungen an Religion, Tradition und an das Transzendente gebundener Ordnung in allen Bereichen der Kultur, das die Ursache dieser Krise sei.

Die Auflösungsbestrebungen seien erfolgreich, weil sie psychische Schwächen des Menschen wie Stolz und Sinnlichkeit ansprechen würden, weshalb sie vielen auf diesem Wege korrumpierten Menschen als Versprechen auf Befreiung erscheinen würden:

Die vielen Krisen, die heute die Welt – den Staat, die Familie, die Wirtschaft, die Kultur  usw. – erschüttern, sind nichts anderes als unterschiedliche Ausformungen einer einzigen, grundlegenden Krise, die sich im Menschen selbst abspielt. Mit anderen Worten, diese Krisen haben ihre Wurzel in tieferliegenden Problemen der Seele, von wo aus diese Krisen sich über die ganze menschliche Persönlichkeit und all ihr Handeln ausbreiten.

Diese Auflösungsbewegung stütze sich auf „alle Kräfte des Chaos“ ab und versuche diese immer weiter freizusetzen, etwa durch den Abbau von Triebregulierung, kultureller Institutionen oder sonstiger auf religiöser Bindung beruhender Ordnung.

Diese Bewegung vollziehe sich in Wellen und sei nicht abgeschlossen. Allen utopischen Ideologien sei gemeinsam, dass sie auf diesem Streben nach Auflösung beruhen. Sie hätte diese Auflösung in einem fünfhunderjährigen Prozess schrittweise soweit vorangetrieben, dass das Abendland in der Mitte des 20. Jahrhundert nur noch in Form schwindender Restbestände vorhanden gewesen sei.

Die Antwort auf diese Bewegung sei ein von ihm als „Gegenrevolution“ bezeichnetes Streben nach Wiederanbindung der Kultur an ihre religiöse Wurzel:

Wenn die Revolution Unordnung ist, so ist die Gegenrevolution die Restauration der Ordnung. Unter Ordnung aber verstehen wir den Frieden Christi im Reiche Christi; das heißt, eine strenge, hierarchische, wesenhaft sakrale, antiegalitäre und antiliberale christliche Kultur.

Der Autor knüpfte dabei an die konservativen Ideen an, die nach der französischen Revolution in Europa als Antwort auf diese entstanden waren, und entwickelte sie weiter. Die Krise des Abendlandes ist seitdem wie von ihm vorausgesagt weiter eskaliert, wobei ein Ende nicht absehbar ist. (ts)