Jean Raspail: „Sieben Reiter verließen die Stadt“

Die Streiter Christi - Darstellung auf dem Genter Altar (gemeinfrei)

Dystopische Literatur kann Themen mit Krisenbezug häufig besser beleuchten, als dies Sachbücher oder Aufsätze könnten. Manche Studien, die sich der Szenario-Technik bedienen, nutzen deshalb kurze Erzählungen, in denen die verschiedenen Szenare über die nüchterne Aufzählung von Annahmen hinaus beschrieben und mit Leben gefüllt werden.

Einige lesenswerte, aber literarisch ansonsten weniger interessante Romane sind in diesem Zusammenhang wegen ihrer kompetenten Beschreibung möglicher Krisensituationen gelungen. Ein Beispiel ist der Roman „Kriegstag“, der im Stil einer Reportage das Leben in den USA nach einer begrenzten nuklearen Auseinandersetzung schildert und dabei auf Grundlage einer gelungenen Analyse der Themas ein glaubwürdiges Szenar entwirft. Ein Rezensent der Wochenzeitung Die Zeit“ bewertete den Roman in den 80er Jahren als „gefährlich“, weil er helfe, „das Undenkbare zu denken“. Der Rezensent kritisiert in diesem Zusammenhang die auch bei manchen Konservativen vorhandene Sehnsucht nach dem Ernstfall:

Immer lockt das Buch mit Gefährlich-Verführerischem: daß man ein Leben danach nicht nur für denkbar hält, sondern manchmal sogar noch für lebenswerter als das Leben davor, wo die Bombe gezündet wurde, hat sie schließlich nicht nur für Unheil, sondern auch für bescheideneres, bewußteres, urtümliches Leben gesorgt, für Solidarität, Anstand und Charakter.

Romantische Krisenvorstellungen wären zwar in der Tat unangemessen, doch der Wert von Romanen dieser Art liegt gerade darin, daß sie helfen, das Undenkbare zu denken.

Ein anderer Ansatz dystopischer Romane folgt dem literarisch interessanteren Vorbild von „1984“ oder „Schöne neue Welt“, wobei fast alle danach erschienen Werke dieser Richtung nur Variationen dieser Schriften sind und den Ernstfall entweder in einem harten oder einem weichen Totalitarismus verorten.

Eine wieder andere Richtung nähert sich dem Ernstfall in Form der Satire, wie Jean Raspails „Heerlager der Heiligen“. Die selbstdestruktive Wirkung des europäischen Humanitarismus hätte kein Aufsatz besser bloßstellen können. Von Jean Raspail stammt mit „Sieben Reiter verließen die Stadt“ (im Original 1993 unter dem Titel Sept cavaliers quittèrent la ville au crépuscule par la porte de l’Ouest qui n’était plus gardée erschienen) auch ein anderer dystopischer Roman, der sich in seinem Ansatz von den erwähnten Richtungen durch seinen surrealen Charakter deutlich unterscheidet, und der nun in gelungener deutscher Übersetzung erschienen ist.

Raspails Werk ist vor allem deshalb interessant, weil es Grundfragen des konservativen Umgangs mit der Herausforderung durch den Ernstfall behandelt, den Ernstfall und verschiedenen Antworten darauf in kraftvolle Bilder kleidet und dabei manches rechte Klischee herausfordert.

Die Handlung spielt in einem fiktiven Reich, das Züge aller europäischen Kulturen in sich vereint und in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts verortet zu sein scheint. In diesem Reich ist (von einzelnen Ausnahmen abgesehen) alle Substanz erschöpft, alle Kraft erloschen, alle Größe vergangen, und alles Edle erniedrigt. Nach einigen Katastrophen ist der Großteil der Menschen entweder tot oder geflohen, ohne daß es eine Perspektive zur Wiederherstellung eines intakten Zustands oder zur Flucht an einen besseren Ort gibt. Wo das Leben vorläufig noch weitergeht, verbraucht es Substanz, die nicht mehr erneuert wird. Alles zerfällt, löst sich auf oder wird für niedrigere Zwecke verbraucht, wie das für etwas Wärme im Feuer verheizte Chorgestühl der Kathedrale der Stadt. In manchen Häusern verbergen sich noch Überlebende, aber zur Bewachung der Stadtmauern finden sich nicht mehr genügend Freiwillige.

In dieser Situation entschließt sich der in der Stadt residierende Markgraf, einer Auswahl der wenigen, die noch Substanz in sich tragen, einen letzten Auftrag zu geben:

Wir werden suchen müssen; jenseits dessen, was wir kennen und dessen, was wir nicht kennen. Zuerst innerhalb unseres eigenen Landes und dann auch außerhalb unserer Grenzen. Was geschieht um uns herum? Was ist die Bedeutung von alledem? Es wäre dieser Stadt nicht würdig, das Ende untätig abzuwarten ohne nach einem Ausweg zu suchen. Das ist der Befehl, den ich Ihnen gebe. Es ist keine Flucht. Es ist eine Expedition, wie in den Zeiten der großen Entdeckungen.

Über die sieben Reiter, die diesen Auftrag ausführen, heißt es:

Sieben Reiter verließen die Stadt. In der Abenddämmerung zogen sie durch das nicht mehr bewachte Westtor der untergehenden Sonne entgegen. Erhobenen Hauptes, ohne sich zu verbergen – anders als all jene, die die Stadt preisgegeben hatten. Denn sie flohen nicht, sie verrieten nichts, hoffen schon gar nicht und erlaubten sich nicht, zu träumen. Leicht das Herz und die Seele frei, kalt funkelnd wie Kristall, gerüstet für das, was sie erwartete.  ….Sie hatten denen, die sie verließen, nichts mehr zu sagen, nichts von ihnen zu erwarten, verstanden sie nicht, hatten mit ihren Gefühlen nichts mehr zu schaffen.

Mit den Reitern verläßt auch der Rest an Leben die Stadt, und ein zurückbleibender Wächter zieht sich  „gebrochen, bereit für die Ewigkeit“ zum Sterben zurück und wird nicht mehr abgelöst.

Auf ihrer Expedition finden die Reiter unterschiedliche Antworten auf die erwähnten Grundfragen im Umgang mit dem Ernstfall. Der Autor vermeidet es dabei, in jenen hohlen Pathos zu verfallen, mit dem das Thema des „Ausharrens auf verlorenem Posten“ zuweilen behandelt wird. Auf ihrer Reise treffen die Reiter etwa auf einen Leuchtturm, dessen Wärter dort nicht nur auf verlorenem Posten ausharrt, sondern mit seiner Familie auch die alte Welt vorläufig noch aufrechterhält und in fast jeder Hinsicht seine Pflichten vorbildlich zu erfüllen scheint. Raspails geht mit diesem konservativen Pflichtmenschen jedoch hart ins Gericht, wobei Details hier nicht verraten werden sollen.

Eine andere von Raspail behandelte Grundfrage ist die danach, ob es die richtige Antwort auf den Ernstfall darstellt, das Alte erhalten oder wiederbeleben zu wollen, oder ob der Untergang des Alten Ausdruck seiner Erschöpfung und seiner inneren Schwäche und Erschöpfung in einem zyklischen Ablauf von Geburt, Aufstieg, Niedergang und Tod ist. Raspail beläßt es hier ebenso wie bei anderen Fragen nicht mit einer allzu einfachen Antwort, deutet aber an, daß die alte Welt nicht gefallen wäre, wenn sie nicht bereits auf dem Höhepunkt ihrer Zivilisation ihre Vitalität verloren hätte.

Einer der Reiter zitiert, als die Gruppe die Küste erreicht, eine Sage über Seelöwen,  die von weit her an diese Küste kommen würden und nach ihrer „märchenhaften Reise“ dort zu sterben: „Es schien, als ob sie gekommen wären, um eine Nachricht die überbringen, deren Sinn niemand verstanden hatte.“ Die Reiter finden tatsächlich zwei tote Tiere, die offenbar an Entkräftung verendeten. Ein Reiter versteht dies nicht, denn schließlich hätten die Tiere in den fischreichen Gewässern überleben können, während ein anderer entgegnet: „Sie lassen sich einfach sterben, weil sie ihren Weg vollendet haben.“

Als Katholik setzt sich Raspail auch mit dem Spannungsverhältnis zwischen der christlichen Lehre und den Erfordernissen des Ernstfalls auseinander, wobei auch hier die Antwort mehrdeutig ausfällt. Die Reiter stoßen etwa in einem Gebirge auf gut bewaffnete Bergbewohner, die an Völker des Kaukasus erinnern, und die mit den Erscheinungen des Zerfalls des Reiches, die bis zu ihnen vordrangen, „kurzen und gründlichen Prozeß“ gemacht hätten, und ansonsten die ihnen auferlegte christliche Kultur ablegten, zu ihren als islamisch angedeuteten Wurzeln zurückkehrten und mit fremdartiger und grausamer, aber vitaler Kultur weiterleben.

An anderer Stelle wirft einer der Reiter einem anderen, der nicht gegen eine feindliche Bande kämpfen will, „Sentimentalität als Todsünde“ vor, während ein Bischof, der zu den Reitern gehört, erklärt: „Christliche Barmherzigkeit wird eine schwere Übung werden“. Auf dem Friedhof einer niedergebrannten Stadt entdeckt die Bischof eine Rose, die in der rauhen Welt nach dem Fall der Zivilisation nicht mehr gedeihen kann:

Bischof von Beck streichelte mit dem Finger die einzige Rose, die aus dem Gesträuch herauswuchs, in dem ihre Schwestern der Luft und des Lichtes beraubt, zugrundegegangen waren. Kaum erblüht, war sie verdorrt. Die Anstrengung, diese einsame Anstrengung, hatte sie erschöpft. Die Erde nährte nicht mehr. Keine neue Knospe würde an ihre Stelle treten. Die letzte trieb gerade noch ihre geschlossene Blüte aus dem Ende eines dürren Zweiges: Vertrocknet. Totgeboren. Aus.

Die Reiter ergreift beim Anblick der Rose noch einmal Hoffnung, und mit Ausnahme eines gegenüber Illusionen besonders resistenten Reiters reden sie sich ein, daß die Rose mit etwas Pflege überleben könne,  doch am nächsten Morgen „war die Rose nichts als eine gestaltlose, faulige Schmutzschicht auf dem Boden des Bechers“, in den man sie zur Wiederbelebung gestellt hatte.

In Raspails Werk gibt es keine Bewahrung und keine Rettung des Alten, aber doch manche Hoffnung auf einen Neubeginn, wobei Raspail meist offen läßt, welche Hoffnung Früchte tragen und welche dem Ernstfall nicht gewachsen sein wird. In jedem Fall hoffnungslos erscheint bei ihm nur das Festhalten am Verbrauchten und Vergangenen.

Der literarisch interessierte Leser wird in diesem vielschichtigen Werk seine eigenen Antworten finden, wobei auch diese Rezension nur auf einer persönlichen Interpretation beruht, das Werk aber in jedem Fall zur Lektüre empfohlen werden kann. (mw)