Sinkender gesellschaftlicher Zusammenhalt: Zunahme von Vandalismus in Deutschland

Nicolas-Antoine Taunay - Triumph der Guillotine (Wikimedia Commons/gemeinfrei)

Ein Indikator für den Rückgang des gesellschaften Zusammenhalts und die Erosion kultureller Substanz in Deutschland ist der allgemeine Trend der Zunahme von Vandalismus. Zu den wesentlichen Erscheinungsformen zählen dabei etwa die Beschädigung von Kraftfahrzeugen und öffentlichen Verkehrsmitteln und Einrichtungen sowie Farbschmierereien. Aufgrund der Menge der Vorfälle und des geringen Verfolgungsdrucks habe mittlerweile ein Gewöhnungseffekt eingesetzt, und viele Vorfälle würden nicht mehr angezeigt.

Zunehmender Vandalismus ist in erster Linie eine Folge kultureller Entwicklungen, in deren Folge die Gesellschaft von ihren Angehörigen weniger als Gemeinschaft wahrgenommen wird, mit der sie sich und ihre persönlichen Interessen identifizieren.

Ein Rückgang an gegenseitiger sozialer Kontrolle ist eine weitere Folge dieses Verlusts an kultureller Substanz. Mit antisozialem Verhalten sind vor allem in Großstädten weitaus weniger als in der Vergangenheit Ansehensverlust und soziale Sanktionen verbunden. Antisoziales Verhalten kann unter den Bedingungen der modernen Gesellschaft sogar zu Ansehensgewinn beitragen, insbesondere in den Bezugsgruppen der Täter:

„Jugendliche“, erklärt der Schweizer Kriminologie-Professor Martin Killias, „leben in westlichen Kulturen zunehmend nach dem Motto: cooler, krasser, riskanter, um dem vermeintlich öden Alltag zu entgehen.“ Ihnen fehlen in der modernen Gesellschaft verbindliche Werte und die kontrollierenden Einflüsse der Eltern und der Schulen. Stattdessen orientieren sie sich an den anscheinend coolen, riskanten und gefährlichen Aktionen von TV-Sendungen wie „Jackass“ auf MTV, wo Stuntmen ohne Rücksicht auf Verluste Gegenstände beschädigen und ihre Gesundheit aufs Spiel setzen. Killias: „Nicht krimineller Geist steckt hinter vielen zerstörerischen Vergehen, sondern der Wunsch nach Unterhaltung und das Gefühl, megacool zu sein.“

Moderne westliche Gesellschaften gelingt es zudem immer weniger, männliche Jugendliche in größere, sinnstiftende Aufgaben einzubinden, die natürliche Aggression auf der Gemeinschaft dienende Ziele richtet.

Wie die meisten kulturellen Auflösungserscheinungen wird auch diese von Teilen der politischen und kulturellen Elite zum Ausdruck einer positiven Entwicklung erklärt. Farbschmiereien etwa werden haben Fürsprecher in der Politik, die sich gegen deren “Kriminalisierung” wenden und diese zur “Street Art” erklären. Andere erklären “Armut” zur Ursache von Vandalismus, um die Forderung weiterer Mittel für die Sozialindustrie zu legitimieren, die tatsächlich jedoch zumindest wirkungslos bei der Bekämpfung des Problems ist.

Die Wiederherstellung verloren gegangenen Zusammenhalts stellt eine große Herausforderung dar, weshalb man dort, wo man Vandalismus überhaupt als Problem wahrnimmt, eher auf eine Bekämpfung der Symptome setzt. Vorläufig funktionierende Gesellschaften ohne gewachsene kulturelle Grundlage wie New York (Heimat der “Zero Tolerance”-Politik), Singapur oder Dubai gelingt es, solchen Phänomenen durch weitreichende gesetzliche Möglichkeiten, hohen Sicherheitsaufwand und starke Präsenz von Sicherheitskräften vorzubeugen.

Mit abnehmendem gesellschaftlichen Zusammenhalt ist in Deutschland eine weitere Zunahme von Verfallserscheinungen wie Vandalismus zu erwarten, falls sich der Staat nicht zu ähnlichem Vorgehen entschließt wie in den genannten Städten oder eine Wiederherstellung der kulturellen Grundlagen gesellschaftlichen Zusammehalts gelingt. Die Alternative zu einer von einem geteilten traditionellen kulturellen Ethos geprägten Gesellschaft wäre in jedem Fall nicht eine freiere Gesellschaft, sondern entweder eine chaotischere oder eine autoritärere. (mw)