Amy Chua über die ethnische Schichtung von Gesellschaften und die Eigenschaften erfolgreicher ethnischer Gruppen

Edward John Poynter - Israel in Egypt (Wikimedia Commons/gemeinfrei)

Das herrschende Paradigma in der Integrationsdebatte besagt, dass Unterschiede zwischen ethnischen Gruppen bzgl. diverser Sozialindikatoren wie etwa Bildungsabschlüssen oder Beschäftigung primär das Ergebnis äußerer Umstände seien.

Faktoren wie kulturelle Unterschiede oder unterschiedliche kollektives Verhalten gelten als nachrangig, bzw. ihre Ansprache und Wahrnehmung wird als diskriminierend abgelehnt. Durch Abbau vermeintlicher Diskriminierung und sozialstaatliche Umverteilung sollen diesem Paradigma zufolge die äußeren Faktoren neutralisiert werden, die unerwünschte ethnisch-sozialen Schichtungen von Gesellschaften herbeiführen.

Dieses Paradigma hat die Stärke, dass es aus der Sicht schlecht integrierter Gruppen gesichtswahrende Erklärungen für solche Schichtungen und ihre Ursachen anbeitet. Seine wesentliche Schwäche ist es jedoch, dass die auf seiner Grundlage durchgeführten Maßnahmen kaum Wirkung zeigen und die beobachteten Schichtungen weitgehend unabhängig vom betriebenen Aufwand über Generationen stabil bleiben.

Die amerikanische Sozialwissenschaftlerin Amy Chua kritisiert dieses Paradigma daher grundsätzlich. Sie weist in diesem Zusammenhang auf die ethnische Schichtung der amerikanischen Gesellschaft hin, in der verschiedene Gruppen stark unterschiedliches kollektives Verhalten zeigen würden. Dieses sei nur eingeschränkt durch äußere gesellschaftliche Faktoren zu erklären. Die Nachkommen ursprünglich sozial schwacher ostasiatischer Einwanderer mit niedrigen Bildungsabschlüssen und geringen Kenntnissen der englischen Sprache hätten etwa weitgehend ohne staatliche Förderung und trotz vorhandener Ressentiments gegenüber Asiaten innerhalb von einer Generation einen deutlichen sozialen Aufstieg vollzogen, während etwa Afroamerikanern dies unter günstigeren  Bedingungen mehrheitlich nicht gelinge. Wo alleine Leistung das Kriterium für die Aufnahme in Bildungseinrichtungen sei, seien Ostasiaten stark überrepräsentiert:

Take New York City’s selective public high schools like Stuyvesant and Bronx Science, which are major Ivy League feeders. For the 2013 school year, Stuyvesant High School offered admission, based solely on a standardized entrance exam, to nine black students, 24 Hispanics, 177 whites and 620 Asians. Among the Asians of Chinese origin, many are the children of restaurant workers and other working-class immigrants.

Eine ähnliche Entwicklung ist in Deutschland zu beobachten, wo Beobachter von einem “vietnamesischen Wunder” sprachen, weil sie sich den auffälligen Erfolg der Kinder meist armer und wenig gebildeter vietnamesischer Gastarbeiter an Schulen in Deutschland im Rahmen des geltenden Paradigmas nicht anders erklären kann und dieses Paradigma trotz seiner offensichtlichen Mängel auch nicht zu hinterfragen bereit ist.

Chua führt die beobachteten Gruppenunterschiede auf kulturelle Unterschiede zurück. Diese Unterschiede könnten durch unterschiedliche, kulturell verankerte Verhaltenspräferenzen besser erklärt werden als durch andere Faktoren:

It turns out that for all their diversity, the strikingly successful groups in America today share three traits that, together, propel success. The first is a superiority complex — a deep-seated belief in their exceptionality. The second appears to be the opposite — insecurity, a feeling that you or what you’ve done is not good enough. The third is impulse control. Any individual, from any background, can have what we call this Triple Package of traits.

Falls diese Hypothesen zutrifft, wofür vieles spricht, dann wird die Zuwanderung von Menschen aus Kulturen in denen diese Faktoren nur schwach ausgeprügt sind dafür sorgen, dass sich in europäischen Gesellschaften unabhängig von allen politischen Maßnahmen langfristig eine ethnische Schichtung mit starken ethnischen Unterschichten herausbilden wird, was dauerhaft für ethnische Spannungen sorgen wird.

Relevant ist zudem auch Chuas Hypothese, dass Gruppen, die in multiethnischen Gesellschaften erfolgreich sind, sich durch eine Mischung aus Überlegenheitsbewußtsein und kollektivem Bedrohungsgefühl auszeichnen. Solche Gruppen (sie spricht von „marktdominierenden Minderheiten“) könnten aufgrund ihrer kulturellen Stärken selbst dann als Gruppe sehr erfolgreich sein, wenn die äußeren Umstände, etwa durch Benachteilung dieser Gruppe, sehr ungünstig seien.

Mormons believe they are “gods in embryo” placed on earth to lead the world to salvation; they see themselves, in the historian Claudia L. Bushman’s words, as “an island of morality in a sea of moral decay.” Middle East experts and many Iranians explicitly refer to a Persian “superiority complex.” At their first Passover Seders, most Jewish children hear that Jews are the “chosen” people; later they may be taught that Jews are a moral people, a people of law and intellect, a people of survivors…Yet insecurity runs deep in every one of America’s rising groups; and consciously or unconsciously, they tend to instill it in their children.

Die Mehrheit der Deutschen wären demnach mit der unter ihnen verbreiteten Mischung aus Säkularismus, Individualismus, Materialismus, kollektiven Unterlegenheitsgefühlen, Wunschdenken über die anstehenden Herausforderungen und mangelnden Bindungen denkbar schlecht auf das Leben in einer multiethnischen Gesellschaft vorbereitet. (mw)