Thomas von Aquin: Nation und Naturrecht

Ambrogio Lorenzetti - Allegorie der guten Regierung (Wikimedia Commons/gemeinfrei)

Der hl. Thomas von Aquin gehört zu den herausragenden Gestalten der abendländischen Geistesgeschichte, vor allem aufgrund seiner Entwicklung eines christlichen Konzeptes des Naturrechts. Der hl. Thomas entwickelte in seinem Konzept antike Gedanken auf eine Weise weiter, die bis in die Gegenwart nachwirkt. Zu seinen weniger bekannten Gedanken gehören seine im 13. Jahrhundert formulierten Überlegungen über die Rolle von Familie, Abstammung und Nation im Naturrecht aus seinem Hauptwerk „Summa Theologiae“.

Also nach Gott ist der Mensch am meisten Schuldner den Eltern und dem Vaterlande. Wie somit es zur Gottesverehrung gehört, an erster Stelle Gott einen Kult darzubringen; so geht es die Hingebung oder Pietät an, an zweiter Stelle die Eltern und das Vaterland zu ehren. In der den Eltern erwiesenen Ehre ist nun eingeschlossen die den Blutsverwandten gegenüber; denn blutsverwandt sind eben Personen deshalb, weil sie von den nämlichen Eltern abstammen. Und in der dem Vaterlande erwiesenen Hingebung ist eingeschlossen die allen Mitbürgern gegenüber und allen Freunden des Vaterlandes.

Der hl. Thomas verbindet in diesen Worten ältere jüdisch-christliche Naturrechtsvorstellungen, wie sie etwa in den Zehn Geboten zum Ausdruck kommen (insbesondere im vierten Gebot, welches das Abstammungsprinzip behandelt), mit rationaler Betrachtung der Welt und der Natur des Menschen, um eine Antwort auf die Frage nach einer guten Ordnung der Welt zu finden.

Da sich die Natur des Menschen in den vergangenen Jahrtausenden nicht verändert hat, sind auch die alten Antworten unverändert gültig, während die Antworten der Moderne, welche die Natur des Menschen leugnen, sich in der praktischen Prüfung zunehmend als unhaltbare Utopien herausstellen. (ts)