Morris Berman: Die monastische Option als Antwort auf die Krise Europas

Fra Angelico - Der heilige Benedikt (gemeinfrei)

Wenn hier von Krisen die Rede ist, dann ist eine Serie von parallelen, jeweils Jahrzehnte umfassenden negativen Entwicklungen gemeint, in deren Zuge sich die allgemeinen Bedingungen in Deutschland und Europa schrittweise bis an den Punkt des gesellschaftlichen Zusammenbruchs und darüber hinaus verschlechtern könnten. Nicht alle möglichen Szenare münden im ungünstigsten anzunehmenden Fall, aber einige tun es, und sie sind wahrscheinlich genug, um dafür Vorkehrungen zu treffen.

Angesichts dieser Herausforderungen geht es nicht mehr um persönliche Vorbereitung auf schwierige Zeiten, sondern darum, soviel wie möglich von der kulturellen Substanz Deutschlands und Europas durch die Zeit der Krise hindurchzubringen, damit irgendwann auf dieser Grundlage eine Erneuerung möglich wird.

Dieses Konzept knüpft an Gedanken des u.a. von Oswald Spengler inspirierten amerikanischen Kulturkritikers Morris Berman an, der in seinem Buch „The Twilight of American Culture“ vor einigen Jahren, als die USA sich noch auf dem Höhepunkt ihrer Machtentfaltung wähnten, ihren Niedergang diagnostizierte und sie mit dem Römischen Reich in seiner Spätphase verglich. Um die verbliebene Substanz über die Zeit des Niedergangs und den zu erwartenden Kollaps hinaus zu retten, empfahl er eine monastische Option in Anknüpfung an die christlichen Mönche des Mittelalters, die das antike Erbe Europas zunächst in seinen besten Teilen erhalten und später fortsetzen konnten. In einer Besprechung des Buches heißt es:

[T]he monasteries became centres of light and life in a simple, static, semi-barbarian world, perserving and later diffusing what remained of ancient culture and spirituality. Or as the eminent historian Charles Homer Haskins said of them: Set like islands in a sea of ignorance and barbarism, they had saved learning from extinction in Western Europe at a time when no other forces moved toward that end.

Diese Form der Krisenvorbereitung, die höhere Ziele anstrebt als das physische Überleben des einzelnen, wird auch in der Dystopie „Fahrenheit 451″ von Ray Bradbury beschrieben, auf die Berman hinweist. Dort sagt der Führer einer Gruppe von Menschen, die sich aus der sich selbst zerstörenden Gesellschaft zurückgezogen haben und den Inhalt verbotener Bücher auswendig lernten, um ihren Inhalt für spätere Zeiten zu bewahren:

Das wichtigste, was wir uns einhämmern mußten war, daß wir nicht wichtig sind. … Wir sind nicht mehr als die Schutzhüllen für die Bücher, sonst haben wir keine Bedeutung.

Auf die kommenden Verwerfungen bezogen muß die Umsetzung der monastischen Option mehr beinhalten als die Bewahrung von Kultur. Die zu leistenden Aufgaben umfassen zwar auch klassische Bereiche der Krisenvorbereitung wie Sicherheit und die Bewältigung schwieriger Situationen, aber diese sind nur eine Grundlage des Angestrebten und nicht das eigentliche Ziel. Ein angemessener Ansatz der Krisenvorbereitung müsste alle diese Aspekte vereinen und sinnvoll aufeinander beziehen.

Bevor die praktische Arbeit beginnen kann, müssen viele Fragen beantwortet werden:

  • Wie sehen die kommenden Krisen wahrscheinlich aus, welche Bedingungen herrschen in ihnen, wie werden sie sich vermutlich entwickeln, wie wird Deutschland davor, während und danach aussehen? Welche Schlußfolgerungen sind für das eigene Handeln zu ziehen? Ist Krise überhaupt der richtige Begriff für eine Entwicklung, die sich über einen sehr langen Zeitrum erstrecken könnte, und an deren vorläufigem Ende wahrscheinlich keine Rückkehr zum früheren Zustand stehen kann? Dazu ist eine Arbeitsgruppe aus fachlich qualifizierten Personen in Vorbereitung, die dazu eine Analyse erarbeiten soll.
  • Welche Fähigkeiten sind vorhanden? Die praktische Auseinandersetzung mit dem Thema umfasst den Rückmeldungen der Leser nach zu urteilen in Deutschland kurz- bis mittelfristig vermutlich höchstens einige hundert Personen, meist Männer jüngeren und mittleren Alters und ihre Familien. Anzusprechen sind Menschen, die über den Horizont des Einzellebens hinaus blicken und bereit sind bei etwas mitzuwirken, das ihnen nur eingeschränkt persönlich nützt, und dessen Wirkung vielleicht erst ihre Nachkommen erfahren werden.
  • Wie können die zur Verfügung stehenden Fähigkeiten mit der erwarteten Lage so verknüpft werden, dass das Ziel erreicht werden kann? Wie muß das Vorhaben praktisch gestaltet werden (organisatorisch, rechtlich, finanziell)?

Die Beantwortung dieser Fragen kann einige Zeit in Anspruch nehmen und möglicherweise einige Jahre dauern. Um ein belastbares Vorhaben zur Bewältigung der angesprochenen Herausforderungen schaffen zu können, ist jedoch eine solide Grundlage erforderlich. (ts)