Alasdair MacIntyre: Antworten auf die Krise Europas

Pieter Bruegel der Ältere - Turmbau zu Babel (Wikimedia Commons/gemeinfrei)

Der Philosoph Alasdair MacIntyre hat in seinem  Hauptwerk „Der Verlust der Tugend“ kulturelle Verfallsprozesse westlicher Gesellschaften beschrieben. Am Schluß des Werkes sagt diesen Gesellschaften eine existentielle Krise voraus, umreisst aber auch eine Antwort darauf.

Es ist immer gefährlich, zu enge Parallelen zwischen einer historischen Periode und einer anderen zu ziehen; und zu den irreführendsten dieser Parallelen gehören jene, die zwischen unserer eigenen Zeit in Europa und Nordamerika und der Epoche vom Niedergang des Römischen Reichs bis ins frühe Mittelalter gezogen worden sind. Dennoch gibt es gewisse Parallelen. Es stellte einen entscheidenden Wendepunkt in der älteren Geschichte dar, als Männer und Frauen mit guten Absichten Abstand davon nahmen, das Römische Imperium zu stützen und aufhörten, den Fortbestand der Zivilisation und der moralischen Gemeinschaft mit dem Fortbestand dieses Imperiums gleichzusetzen. Statt dessen machten sie sich daran, oft ohne genau zu erkennen, was sie taten, neue Formen von Gemeinschaft aufzubauen, in denen das moralische Leben aufrechterhalten werden konnte, so daß Moral und Zivilisation die heraufziehende Zeit der Barbarei und Finsternis überleben konnten. Wenn meine Darstellung unserer moralischen Lage richtig ist, sollten wir ebenfalls zu dem Schluß kommen, daß auch wir nun seit einiger Zeit ebenfalls diesen Wendepunkt erreicht haben. Was in diesem Stadium zählt, ist die Schaffung lokaler Formen von Gemeinschaft, in denen die Zivilisation und das intellektuelle und moralische Leben über das neue finstere Zeitalter hinaus aufrechterhalten werden können, das bereits über uns gekommen ist. Und da die Tradition der Tugenden die Schrecken der letzten Finsternis überstanden hat, sind wir nicht ganz ohne Grund zur Hoffnung. Diesmal warten die Barbaren allerdings nicht jenseits der Grenzen; sie beherrschen uns schon seit einiger ganzen Weile. Und gerade das mangelnde Bewußtsein dessen macht einen Teil unserer mißlichen Lage aus. Wir warten nicht auf einen Godot, sondern auf einen anderen, zweifelohne völlig anderen Benedikt.

Seine Worten haben einige bereits bestehende Vorhaben in Europa und den USA inspiriert, etwa die Diskussion über die „Benedict Option“. (ts)

1 Kommentar

  1. Die Problematik bei der Erschaffung und Aufrechterhaltung von lokalen Kontinuitäten ist der Mangel an ökonomischer Stabilität auf ebd. Ebene. Im Klartext: kapitalistische Dynamiken stellen ein Hindrnis beim Aufbau solch lokaler Netzwerke dar. Es gibt zwar sog. „Durchhaltegemeinschaften“, die sich vorwiegend auf lokale Farmwirtschaft/Nachberschaft stützen, dadurch jedoch an moderner Infrastruktur einbüßen (Rückständigkeit mangels Einkommen). Wie bereits an einer anderen Stelle beschrieben, sind Gated Communities eine beliebte Form, dieses Problem zu umgehen – richten sich dennoch vorwiegend an einkommensstarke Schichten, die in der Lage sind, sich durch Vetternwirtschaft und Vernetzung auf judikativer und finanzieller Ebene von zersetzenden Einflüssen abzuschirmen (siehe die noch verbleibenden Wohlstandsvirtel in Deutschland).

    Es muss eine Lösung her, die den breiten Mittelstand und die nicht wohlhabenden Gruppen inkorporieren kann. Die Optionen für ökonomisch Benachteiligte sind gegenwärtig entweder die Verlagerung ins Ausland, entsprechende Bundesländer oder Stadtbezirke, aber auch dieses Fluchtverhalten ist fernab von dem, was wir uns unter kultureller Kontinuität vorstellen.

    Firmen haben und werden unter diesem Gesichtspunkt eine sehr große Rolle spielen, da staatliche Unterstützng solcher Kontinuitäten auszuschließen sind. Geschickt konstruiert, werden lokale Gemeinschaften um größere Unternehmen herum gestaltet werden müssen: quasi die Google-Cities für gutgesittete.

Kommentare sind deaktiviert.